Lucien, der Lehrmeister

Borussia Mönchengladbach empfängt Borussia Dortmund (Samstag, 15.30 Uhr). Das heißt: Tabellendritter gegen Tabellenzehnten. Das heißt aber auch: Zwei Trainer treffen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Mönchengladbach. Jürgen Klopp hat viel erreicht, seit er 2008 Trainer von Borussia Dortmund wurde. Er gewann zweimal die Meisterschaft, einmal den DFB-Pokal, und er stand im Champions-League-Finale. Er wurde zweimal Trainer des Jahres, mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet und zum Brillenträger des Jahres gekürt. Doch seit Monaten schon beißt sich der 47-Jährige nun erfolglos die Zähne daran aus, diesen von ihm entwickelten BVB weiterzuentwickeln, ihn ein zweites Mal neu zu erfinden.
An diesem Samstag tritt Klopp mit seinen Dortmundern in Mönchengladbach an. Beim Team von Trainer Lucien Favre. Der kam 2011 zur dortigen Borussia. Er holte seitdem mit den Fohlen zwar keinen Titel, aber er formte aus einem darbenden Kellerkind einen ansehnlichen Champions-League-Kandidaten. Der 57-Jährige schaffte das, weil er die von ihm entwickelte Borussia nun schon zweimal weiterentwickelte, zweimal neu erfand.
Und genau das ist es, was sein Kollege Klopp vom Schweizer lernen kann, das ist es, was die beiden am längsten amtierenden Bundesligatrainer gewissermaßen verbindet. Es ist ein verbindender Punkt zweier Trainer, die vom Naturell her unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier Klopp, der Extrovertierte. Der Derwisch an der Außenlinie, der von Emotion und Motivation lebt, der das Spiel mit den Medien versteht und bereitwillig an seiner Marke in der Öffentlichkeit mitwirkte. Dort Favre, der Bedächtige. Der detailversessene Tüftler, der den Ruf hat, Spieler besser zu machen. Einer, der zwar nicht frei von Eitelkeit, aber frei von Allüren ist. Als er zur Borussia kam, verpasste er dem vorhandenen Personal sofort ein Spielsystem, das die Stärken jedes Einzelnen hervorhob, und rettete den Club so vor dem Abstieg. Dann baute er um Marco Reus eine Kontermaschine, die bis auf Rang vier vorstieß, bevor er sie nach dem Abgang von Eckpfeilern wie Reus, Dante, Neustädter oder ter Stegen konsolidierte und bis heute zu dem Team weiterentwickelte, das beides kann - kontern und geduldig druckvoll-kreativ ein Spiel bestimmen. Klopp nahm seinerseits mit dem BVB zwei Jahre Anlauf und hatte dann Mannschaft und Spielidee beisammen, mit dem er die Bundesliga überrannte. Dortmunds Pressing galt als atemberaubend, sie liefen, attackierten und schossen alles und jeden in Grund und Boden. Der BVB war hip, erfolgreich, sexy und, so schien es, seiner Zeit voraus.
Doch die Zeit ging weiter, aber der BVB blieb derselbe. Er kannte und kennt nur Vollgas. Mittlerweile aber haben sich die Gegner auf diese Spielweise eingestellt. Dazu fehlte dem BVB nach den Abgängen von Götze und Lewandowski zuletzt das glückliche Händchen auf dem Transfermarkt: Teure Neuzugänge wie Immobile, Ramos oder Mkhitaryan schlugen nicht ein, Rückkehrer wie Kagawa oder Sahin erreichen nicht die Form früherer Tage.
Deswegen kommt Klopp nicht darum herum, die Seinen noch mal neu zu erfinden. Mit neuer Spielidee, mit mehr Ballbesitz und Kontrolle, zurück zu taktischer Überlegenheit. Der BVB-Stil muss erwachsen werden. Favres Borussia kann in in Sachen Weiterentwicklung ein Vorbild sein. Am Niederrhein wuchs man zwar von einem anderen Startpunkt zu einem anderen Ist-Punkt, aber man entwickelte sich eben. Dass Klopp ein Fan genau dieses Weges ist, offenbarte er, als er über Gladbach sagte: "Das ist eine geile Mannschaft, die einen klaren Plan verfolgt." Einen Plan, wie Klopp ihn selbst braucht. Und das bald.