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Monteverdis Oper "Die Krönung der Poppea" in Trier

Oper : Liebe, die sich selbst genügt

Claudio Monteverdis Oper „L‘Incoronazione di Poppea“ erstmals im Trierer Theater.

Es gab im Trierer Theater einen Moment der Unsicherheit, so, als würde der Boden ganz leise schwanken. Und es verbreitete sich ein Gefühl des Unwirklichen, nicht ganz Geheuren. Das war kein Zufall und ist nicht nur Fiktion. Monteverdis Oper „Incoronazione di Poppea“  kehrt sich ab von allen scheinbar unverrückbaren Gewissheiten – ethischen, ästhetischen, religiösen, wissenschaftlichen. Und nimmt den Zuschauer mit in ihre eigene, ganz andere Welt. Es sind zweifelhafte Gestalten, die sich in Rudy Sabounghis und Jeannie Kratochwils schlichter, anspielungsreicher Ausstattung aufhalten. Und während sich auf der Bühne Monologe oder Dialoge abspielen, lauern in den Winkeln bereits die Spione, die aus ihrer Absicht gar keinen Hehl machen. Was in Jean-Claude Beruttis Inszenierung auf der Bühne geschieht, vollzieht sich in einer gnadenlosen Öffentlichkeit. In der hat jede Entscheidung weder Dauer noch Substanz. Nichts gilt mehr. Nietzsches „Umwertung aller Werte“ wird Realität.

Es ist ein vertracktes Spiel von Intrigen, von Machtansprüchen, von hochgepeitschter Sinnlichkeit, von philosophischer Weisheit, die in Trauer übergeht, und einem unbedeutenden Rest an Ehrgefühl. Koalitionen zerbrechen und Absprachen werden nicht eingehalten. Ratschläge werden erteilt und bei nächster Gelegenheit aus persönlichen Motiven verworfen. Dass Seneca, der philosophische Ratgeber des Kaisers, allzu gerne in den verordneten Tod geht und hilflose Schüler hinterlässt (Silvie Offenbeck, Fernando Gelaf, Marc Kugel), hat unter solchen Umständen nur Logik und Konsequenz.

Karsten Schröter singt in Trier diese Rolle. Und gibt ihr mit seinem profunden Bass eine eindringliche, aber folgenlose  Autorität mit – wissend, aber machtlos. Nero, sein Schüler und ehemaliger Schützling, hat längst nur noch eins im Sinn: die unbeschränkte Macht. Und die Nachricht vom Tod des Philosophen ist für ihn nur Anlass zu zynischer Ausgelassenheit mit Freund Lucan. Blaise Rantoanina und Derek Rue zelebrieren dieses Duett mit einer Brillanz und Koloraturensicherheit, wie man sie im Trierer Theater ganz selten erlebte. Schönheit und Wahrheit fallen auseinander. Und gerade weil dem Trierer Opernensemble in dieser Produktion Glanzstücke an Deutlichkeit, Expressivität und Intensität  gelingen, stellt sich beim Zuhören über weite Strecken das eigentümlich schwebende Gefühl ein, das diese  Oper so wenig fassbar und darum so einmalig macht.

Carl Rumstadt beginnt zunächst etwas angestrengt, und Réka Kristóf muss ihre Stimme zu Beginn noch finden. Aber dann entfalten der betrogene Ehemann Ottone und seine Noch-Ehefrau Poppea eine beispielhafte sängerische Intensität und Kultur. Janja Vuletic gibt der Kaiserin Ottavia dazu eine fast militärisch kämpferische Kraft mit. Welch ein Moment im zweiten Akt, wenn sie Ottone den Mord an Poppea befiehlt und der heftig erschrickt, weil er seine ungetreue Frau töten soll! Und wie viel Beweglichkeit und Klarheit bietet Einat Aronstein danach für die intrigante Drusilla auf!  Schließlich verbreitet Constanze Haubrich als Amor raffinierte Naivität und greift dabei entscheidend ein in die Handlung.  Und alle Rollen sonst sind bei Matthias Bein und Tim Heisse in den besten Händen.

Monteverdi hat mit der „Poppea“ eine Oper von beklemmender Direktheit und schmuckloser Gewalt geschrieben. Das Philharmonische Orchester mit einer reich besetzten Generalbassgruppe und GMD Jochem Hochstenbach realisieren das ungemein überzeugend. Die zahlreichen Instrumental-Zwischenspiele gelingen mit einer kompromisslosen Schärfe und Präsenz, und der Generalbass entfaltet dazu einen verhaltenen Glanz. Die Schulung durch Guillemette Laurens hat zudem den Sängerinnen und Sängern die Einheit von Sprache und Gesang vermittelt, von der diese Oper lebt. Am Ende, wenn alles entschieden ist,  steht Ottavia ganz allein mitten auf der leeren, mitleidslos schwarzen Bühne. Und der Abschied der verbannten Kaiserin klingt bei Janja Vuletic so voll Trauer, so voll Verzweiflung, dass er zu Tränen rührt. Dann, im selben Schwarz und gleichfalls auf leerer Bühne, das Liebespaar Poppea-Nerone: Ein Duett von einer Zärtlichkeit, die alle Intrigen vergessen macht. Es ist Liebe, die nur sich selbst genügt.

Danach bleibt es dunkel. Erst allmählich wird klar:  Die Vorstellung ist vorbei. Und sie endet mit einem großen Fragezeichen.

Nächste Termine: 4.10. (18 Uhr), 8.10., 9.10. (19.30 Uhr), 25.10. (18 Uhr), 27.10. (19.30), 15.11. (18 Uhr), 29.11. (16 Uhr)