Musiker, Ex-Bankräuber, Billard-Landesmeister: Der Eifeler Rolf Weber ("Der Gelähmte")

Porträt : „Der Gelähmte“ ist zurück - und er will Deutscher Meister im Billard werden

Die neue, alte Passion des einstigen „schweren Jungen“: Der Eifeler Rolf Weber – vor allem bekannt als Musiker („Der Gelähmte“) und einstiger Bankräuber – will nächste Woche Deutscher Meister im Billard werden.

Von der „Lebensreise“ singt Rolf Weber in einem neuen Song seiner Band „Der Gelähmte und die kranken Schwestern“. Die Eifeler wurden in den frühen 90ern zur festen Szenegröße, sie verkauften 12 000 CDs, spielten auf den großen Bühnen zwischen Koblenz und Trier. Rolf Weber alias „Der Gelähmte“ zappelte im Affenfellkostüm über die Bretter, er strippte, ließ sich beim Texten eher weniger von Rilke oder Mörike inspirieren, sondern mehr vom Blick auf die örtliche Keramik („Es tut so weh, wenn ich dich kotzen seh’“). Und er hatte Erfolg. Das war auf seiner persönlichen Lebensreise nicht immer so – das macht sie vielleicht gerade so interessant. Man kann mit dem 54-Jährigen, gebürtig aus Speicher, heute noch über seinen Banküberfall von einst sprechen, damals bei ihm um die Ecke: 1985 in Spangdahlem. Unmaskiert, ohne scharfe Waffe und – wie er es später zu erklären versuchte: „aus verbandsgemeindepolitischen Gründen“. Nach dem Überfall setzte er sich in ein Taxi und ließ sich nach Spanien chauffieren. Oder, später: über seine 14 Jahre auf der Flucht in Mittelamerika, in Costa Rica, Nicaragua, Honduras, 2010 kehrte er zurück. „Sieben gute, sieben schlechte Jahre“, so nennt er sie. Ja, manchmal klingen seine Sätze wie Schlager-Refrains. Nur, dass hier echtes Leben drinsteckt. Der SWR hat mal eine halbstündige Doku über ihn produziert, Titel: „Rolf Weber – der schwere Junge“.

Das mag alles so klingen, als hätte sich der Artikel versehentlich in den Sportteil verirrt. Aber Musiker, Entertainer, selbst-ernannter PR-Berater sind nur drei Aspekte von Rolf Webers Persönlichkeit. Der vierte, in diesen Tagen der wichtigste: „Ich bezeichne mich als Profi-Billardspieler“, sagt er. Durch harte Arbeit in den letzten Jahren, mit drei Stunden Training am Tag, hat er es zum Rheinland-Pfalz-Meister im Dreiband geschafft, eine Disziplin des Karambolage-Billards. Ab dem 2. November vertritt er sein Bundesland bei den Deutschen Meisterschaften im hessischen Bad Wildungen. Da ist er zwar Außenseiter, aber das stört ihn nicht. Er hält es mit dem Motto von Muhammad Ali: „Wenn mein Kopf es sich ausdenken kann, wenn mein Herz daran glauben kann – dann kann ich es auch erreichen. Das habe ich mir für die Deutsche Meisterschaft vorgenommen. Sonst bräuchte ich  nicht hinzufahren.“

Vor 43 Jahren hat der Eifeler die ersten Erfahrungen mit dem Queue gemacht. „Damals gab es in der Disco meiner Eltern einen Billardraum. Während meiner Flucht in Mittelamerika habe ich zwei Jahre lang vom Billard gelebt. Ich bin dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen. Ohne Billard hätte ich nicht überlebt.“ Aber so richtig verbessert habe er sich erst in den vergangenen Jahren in der anspruchsvollen Disziplin. „Wenn ich normal arbeiten gehen würde, könnte ich den Sport nicht so betreiben, wie ich ihn betreibe. Dann könnte ich nicht das Niveau spielen, das ich in letzten fünf Jahren erreicht habe“, sagt Weber, der sich 2016 selbstständig gemacht hat. Mittelfristig plant er, eine Billardschule zu eröffnen. Vor allem Jugendliche – auch aus problematischem Umfeld – will er an den Sport heranführen. „Beim Billard ist alles gefragt. Du musst gegen dich selbst ankämpfen, brauchst Disziplin, höchste Konzentration, Präzision. Und wenn du gut spielen willst, brauchst du auch Ausdauer.“ Seit fünf Jahren wisse er erst, was Billard wirklich bedeutet: „Ich fahre zigtausende Kilometer im Jahr und trainiere ohne Ende.“ In Bad Wildungen tritt Weber, der im Raum der BSG Speicher trainiert, für den „ABM“ an – die Amateurbillardgemeinschaft Mosel, zu der sich Vereine aus der Region zusammengetan haben. Karambolage-Billard hat wie viele andere Sportarten in Deutschland ein Nachwuchsproblem. International sehe das anders aus, sagt Weber. „Da sind die Preisgelder gestiegen. In Ländern ist der Sport viel populärer.“ Etwa in Asien – vor allem in Korea und Vietnam. Aber auch in den Niederlanden und Belgien sei Karambolage-Billard beliebter als in Deutschland.

Musik und Billard – das ist für ihn Beruf und Berufung zugleich: Beides sieht er auch als Kunstformen an. Und dass er es als Landesmeister zur DM in seiner Disziplin geschafft hat, sei auch eine Auszeichnung und ein Zeichen, dass sich das Training lohne. „Das ist schon eine Hausnummer, darauf bin ich stolz.“

Dass die alte Bankräuber- und Flucht-Geschichte immer noch aufgetischt wird, stört ihn übrigens nicht: „Ich will ja auch Hoffnung geben. Wenn ich etwa Kindern aus schwierigen Verhältnissen Billard beibringe, dann bin als einstiger Bankräuber schon mal interessant.“ Er hat auch viele Sponsoren gefunden mit seiner Offenheit und Umtriebigkeit.

Weitere Billard-Pläne hat er auch schon: So werde er an der EM in Brandenburg teilnehmen. Zudem will er im Landesverband Karambol-Sportwart werden. Auf der Bühne wird man den „Gelähmten und die kranken Schwestern“ im nächsten Jahr auch wieder sehen, unter anderem bei der Reunion des Nimsrock-Festivals in Bickendorf (Eifelkreis Bitburg-Prüm). Die „Lebensreise“ geht mit vollem Elan weiter. „Bevor du machen kannst, was du willst“, so beschreibt er sein Motto, „musst du erst mal was leisten“.