Nah dran statt mittendrin!

Auch wenn die Tour de France in diesem Jahr doch nicht durch Trier rollt, kommt sie der Region ab Samstag ziemlich nahe.

Düsseldorf/Trier Start auf deutschem Boden ja! Etappenziel in Trier nein! Die Radsportfreunde in der Region sehen nach der Enttäuschung über das Verpassen des insgeheim ersehnten Ziels, die besten Radprofis der Welt in diesem Jahr in den Mauern der eigenen Stadt willkommen heißen zu können, dem Start zur Tour de France am Samstag mit gemischten Gefühlen entgegen. Immerhin bleiben Ihnen nach dem Grand Départ in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf - einem Prolog über 13 Kilometer - ein Trost und eine Gewissheit: So nah an der Region und damit auch so leicht erreichbar in den ersten Rundfahrt-Tagen war das Spektakel Le Tour mit allem Drum und Dran schon seit vielen Jahren nicht mehr gewesen.
Deutschland sei keine Radsport-Nation, hatte Sprintstar und Lotto-Soudal-Kapitän André Greipel (34) im Winter anlässlich eines PR-Termins in Bitburg im Gespräch mit unserer Zeitung geäußert. Ab Samstag gehört der 34-Jährige, der im vergangenen Jahr die prestige-trächtige Schluss-Etappe der Tour auf den Champs-Elysees gewonnen hatte, wieder zu den Hoffnungsträgern der deutschen Radsport-Anhänger, wenn es zum Massenspurt kommt.
Zunächst aber wird nicht er, sondern ein anderer deutscher Profi im Fokus stehen. Zeitfahr-Ausnahmeathlet Tony Martin will versuchen, vor geschätzten 700 000 Menschen in Düsseldorf als erster Pedaleur in diesem Jahr in das begehrte Gelbe Trikot des Gesamtführenden zu fahren. Der Parcours, fast doppelt so lang wie der übliche Prolog, dürfte Martin auf den Leib geschneidert sein. "Die Strecke ist wie ein Jackpot für mich", sagte der dreimalige Weltmeister im Einzelzeitfahren dem Internetportal Radsport-News.com und fügte gleich noch hinzu: "Der Start in einer deutschen Großstadt ist eine Auszeichnung für unsere Generation, die tollen, interessanten, sauberen und erfolgreichen Radsport bietet." Seit den unseligen Zeiten der Armstrong, Ullrich, Zabel, Klöden & Co. vor rund einem Jahrzehnt, seit dem Ende des Teams Gerolsteiner mit Weltstars wie Levi Leipheimer oder Davide Rebellin im Jahr 2008, haben sich viele (auch deutsche) Funktionäre, Trainer, Athleten, Betreuer und Sponsoren daran gemacht, dem dopingverseuchten Sumpf einen neuen, trocken gelegten Boden zu verpassen.
Dass die Wunden der Vergangenheit aber längst noch nicht alle verheilt sind, zeigte sich erst vor wenigen Wochen. Kurz nach seiner Ernennung als Sportlicher Leiter des Radrennens Rund um Köln gab Jan Ullrich, der lange umjubelte Tour-Sieger von 1997, diesen Posten wieder ab. Zu groß waren Skepsis und Misstrauen an seiner Person als ehemaliger Fuentes-Schützling in der Öffentlichkeit immer noch gewesen.
Mit diesem Spagat aus zumindest teilweise immer noch unbewältigter Vergangenheit und den Vertretern der neuen Generation Saubermann geht der Tross der 198 Profis am Samstag auf die 21 Etappen bis zum 23. Juli. In Trier, in der Eifel, an der Mosel, im Hunsrück und an der Saar wird man den Tross der 22 Mannschaften und des gigantischen Werbe-Lindwurms mit großem Interesse und noch längst nicht verstummter Hoffnung verfolgen. Denn der abschlägige Bescheid des Ausrichters, der Amaury Sport Organisation (A.S. 0.) und von Tour-Chef Christian Prudhomme für das Jahr 2017 ist kein Menetekel auf Lebenszeit.
Der 56-jährige Direktor des größten Sportereignisses der Welt nach Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaft weiß als ehemaliger Fernseh-Journalist das gesprochene Wort zu gewichten. Vielen mehr als einmal gescheiterten Bewerbern hat er immer wieder Mut gemacht und sie aufs Neue ermuntert auf ihrem Weg zur ville étape. Und dann wird ja aus der Tour de France vielleicht doch noch in absehbarer Zeit einmal "Trier de France".