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Sport
Runde Sache - Was die Faszination Boule ausmacht

Sie lassen die Kugeln fliegen: die Mitglieder des Boule Clubs Trier beim Spielen vor dem Trierer Dom. Frank Weinke (ganz links hinten) hat Boule als Jugendlicher im Südfrankreich-Urlaub lieben gelernt.
Sie lassen die Kugeln fliegen: die Mitglieder des Boule Clubs Trier beim Spielen vor dem Trierer Dom. Frank Weinke (ganz links hinten) hat Boule als Jugendlicher im Südfrankreich-Urlaub lieben gelernt. FOTO: Marek Fritzen
Trier. In unserer Serie “Spochtipedia - alles, was Sport ist!“ geht’s diesmal darum, wie französische Soldaten Boule einst nach Deutschland gebracht haben, was ein Schweinchen damit zu tun hat und was den Sport heute ausmacht. Marek Fritzen

"Wenn die Franzosen das hier sehen würden", sagt Frank Weinke, "wenn sie das sehen könnten, sie würden kopfschüttelnd davonrennen, so was verstehen die nicht". Der 76-Jährige weiß, wovon er spricht. Er weiß, wie die Menschen in Südfrankreich ticken. Seit seiner Jugend ist der pensionierte Lehrer des Trierer Max-Planck-Gymnasiums dort schon unzählige Male im Urlaub gewesen. Genau dort hat er auch seinen Lieblingssport kennen- und lieben gelernt, den mit den silbernen Kugeln, dem Sand, dem Schweinchen - Boule.

Mit drei silbernen Boulekugeln in der Hand steht er an diesem kühlen, regnerischen Dienstag im März auf dem von Platanen gesäumten Domfreihof in der Trierer Innenstadt. Um ihn herum klackert's, wenn die Kugeln seiner Kollegen vom Boule Club Trier auf der Sandfläche gegeneinanderprallen. "An Ostern", sagt Weinke, "da fahre ich jedes Jahr nach Südfrankreich und treffe die alten Freunde wieder". Seine Kollegen dort, so erzählt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht, freuten sich immer sehr auf ihn. "Die finden's toll, dass der Deutsche immer wieder zum Boulespielen vorbeikommt." Weinke hat den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als er plötzlich beginnt, den Kopf zu schütteln. Dann sagt er: "Aber eins steht fest: Bei diesem Wetter würde in Südfrankreich niemand eine Boulekugel in die Hand nehmen. Bei Kälte und Regen spielen - das geht für die gar nicht." Boule, das ist Entspannung, das ist Urlaub, das ist Sonne, das sind Marktplätze in Städten wie Perpignan, auf denen sich tiefenentspannte Franzosen mit den silbernen, hohlen Kugeln duellieren. Tatsächlich schlägt rund 300 Kilometer von Perpignan entfernt, im kleinen französischen Mittelmeerstädtchen La Ciotat, die Geburtsstunde des Boule-Spiels. 1904 ist das. Obwohl, Moment, Boule ist hier das falsche Wort. Richtig ist: Pétanque. Ein Begriff, der in Deutschland nicht wirklich geläufig ist, dabei ist Pétanque die meist verbreitetste Boule-Art in Deutschland. Doch wenn hier die silbernen Kugeln durch die Parks fliegen, ist meist von Boule die Rede - dabei ist Boule lediglich der Überbegriff für Sportarten mit Kugeln wie Boccia oder eben Pétanque.

Der wesentliche Unterschied zu einem Spiel wie Boccia ist der, dass Pétanque von einem Anwurfkreis aus gespielt wird. Dabei muss der Spieler mit beiden Füßen solange im Kreis Kontakt zum Boden behalten, bis die geworfene Kugel den Grund berührt hat.

Beim Zwei-gegen-Zwei- oder Eins-gegen-Eins-Duell startet jeder Spieler mit drei Kugeln - beim Drei-gegen-Drei-Duell hat jeder Spieler nur zwei Kugeln - und versucht dabei, näher an das Schweinchen, die kleine bunte Zielkugel, zu gelangen. Am Ende jeder Aufnahme gibt's für jede Kugel einen Punkt, die näher zum Schweinchen liegt, als die beste Kugel des Gegners. Ein Spiel geht dabei bis 13.
Auch in Trier, wo die Wolkendecke über dem Domfreihof an diesem Dienstagnachmittag plötzlich aufreißt, spielen die Vereinsmitglieder des Trierer Boule Clubs Pétanque. Frank Weinke hat gerade die letzte von drei Kugeln geworfen. Auf Pétanque-Fachsprache heißt das: "Ich bin leer." Genau das ruft er seinen Vereinskollegen nun zu. "Das Schöne an unserem Sport ist", sagt Mitspieler Christoph Hesse, "dass jeder Pétanque spielen kann, vom EU-Beamten bis zum Busfahrer".
Tatsächlich ist es ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der sich da im Domfreihof duelliert. Mann, Frau, jung, alt - Gerd Luchmann ist mit 79 Jahren der älteste Akteur an diesem Tag. "Es geht bei unserem Sport auch um die Gemeinschaft", erzählt Astrid Lorig, Vorsitzende des Boule Clubs Trier. "Immer wieder spielen auch Flüchtlinge bei uns mit." Frank Weinke formuliert es so: "Für mich ist Pétanque so besonders, weil man es in jedem Alter auf jeder Leistungshöhe spielen kann. So kann ein 17-Jähriger gegen einen 70-Jährigen verlieren oder umgekehrt."
Französische Soldaten und Diplomaten brachten das Spiel einst nach Deutschland. So schreibt es der Deutsche Pétanque-Verband auf seiner Internetseite. "Die ersten Kugelwerfer in Deutschland waren französische Soldaten oder Diplomaten, vor allem im Südwesten, auch in Bad Godesberg und Berlin - kurz: überall dort, wo nach dem Krieg die französischen Garnisonen waren."
Danach, so heißt es, trugen zwei weitere Faktoren dazu bei, die Wurzeln des Spiels in Deutschland zu verankern. Zum einen die Reisewellen nach Frankreich in den 1960er, 70er und 80er Jahren. Zum anderen die sich in der Nachkriegszeit entwickelnden Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Frankreich. "Der erste Verein in Deutschland war 1963 der Boule-Club-Pétanque Bad Godesberg. Dort wurde 1977 auch die erste Deutsche Meisterschaft Triplette ausgetragen. Ebenfalls 1977 nahm ein erstes deutsches Team an der Weltmeisterschaft in Luxemburg teil", schreibt der Deutsche Pétanque Verband.

Heute gibt es in Deutschland ein Pétanque-Ligensystem, beginnend mit der Bundesliga bis hinunter zur Bezirksklasse, zudem finden regelmäßige Weltmeisterschaften statt. Den Boule Club Trier gibt es in diesem Jahr seit 20 Jahren, heute hat der Verein knapp 50 Mitglieder. Auf Initiative der Vereinsmitglieder errichtete die Stadt im Palastgarten Anfang der 2000er Jahre einen Boule-Platz, auf dem sich die Vereinsmitglieder seitdem zwischen April und Oktober zweimal in der Woche treffen. Mit zwei Teams ist der Boule Club Trier in der Bezirksliga Nord vertreten, übrigens genauso wie der zweite Trierer Boule Club Le Petit.
Eine Stunde lang spielen Frank Weinke und seine Vereinskollegen nun schon auf dem Domfreihof, immer noch knallen die Kugeln gegeneinander. Passanten laufen vorbei, immer wieder halten welche an. Ein kleiner Junge zieht seine Mutter zum Spielfeld, verfolgt die silbernen Kugeln gebannt. "Eigentlich kann jeder mitspielen", findet Frank Weinke, "man braucht nur ein paar Kugeln, und schon ist man dabei. Ich würde mich freuen, wenn sich mehr Leute für unseren Sport interessieren würden - es lohnt sich, echt!" Ein Satz, den Weinke gerne auch dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) übermitteln würde. Denn jenes IOC entscheidet darüber, ob Boule ab dem Jahr 2024 olympisch wird. "Das wäre natürlich super und würde unserem Sport einen großen Schub verleihen", prophezeit Astrid Lorig. BOULE IN DER REGION(mfr) Nicht nur in Südfrankreich gibt's viele Boule-Fans, auch in und um Trier leben jede Menge Freunde des Spiels mit den silbernen Kugeln - die übrigens meist aus zwei metallenen, aneinander geschweißten und innen hohlen Halbkugeln bestehen. Wer in der Region Lust hat, das Spiel mal auszuprobieren findet in Trier, Eifel, Mosel und Hunsrück jede Menge Ansprechpartner. So existieren neben dem Trierer Boule Club (www.boule-club-trier.de) und dem Verein Le Petit Trier unter anderem Boule-Abteilungen beim FC Konz-Könen (www.fckoenen.de) und beim VfL Traben-Trarbach (www.vfl-traben-trarbach.de), zudem gibt's den Boule-Club Daun (www.boule-daun.de), den Bouleclub Saubrenner Wittlich (www.boule-wittlich.de) oder beispielsweise den Pétanque 07 Morbach e.V.
Weitere Infos auch unter www.deutscher-petanque-verband.de

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Von Aikido bis Zumba, von Boccia bis Yoga: Es gibt weltweit über 250 Sportarten. Die meisten davon werden auch in der Region Trier betrieben. Der TV stellt in der Serie "Spochtipedia - alles, was Sport ist!" jede Woche eine davon vor. Wie es geht, was man braucht und wie viel es kostet, erfahren Sie bei uns. Ganz nebenbei lernen Sie auch noch einige schillernde Persönlichkeiten kennen.