Schlüpfrig, spaßig, Schwanitz

Schlüpfrig, spaßig, Schwanitz

Ob gewollt oder nicht: Kugelstoßerin Christina Schwanitz nimmt kein Blatt vor den Mund. Das wurde bei der Gala zur Wahl von Deutschlands Sportlern des Jahres deutlich, wo die Siegerin gleich mehrfach für Schlagzeilen sorgte.

Baden-Baden. Nicht nur das Wahlergebnis war richtig knapp. Ganze vier Punkte Vorsprung hatte Christina Schwanitz als Sportlerin des Jahres 2015 vor ihrer Leichtathletik-Kollegin, Speerwerferin Katharina Molitor.
Bei ihrem Weltmeisterschafts-Gold im Kugelstoßen im August musste Schwanitz nicht minder zittern. Lediglich sieben Zentimeter weiter als die Chinesin Gong Lijao hatte sie das vier Kilo schwere Sportgerät nach vorne getrieben.
"Ich bin die einzige Frau, die sich über sieben Zentimeter freut…", sagte die 29-Jährige zweideutig in Anlehnung an ihre Siegerweite bei der vom ZDF übertragenen Preisverleihung im Baden-Badener Kurhaus - und hatte die Lacher auf ihrer Seite.
Schwanitz - wie sie leibt und lebt. Locker, lachend, immer einen Spruch auf den Lippen.
"Bin keine angepasste Athletin"


Die Dresdnerin, 2015 auch deutsche Meisterin und Siegerin der Diamond League des Weltverbands, kann aber auch ernste Töne anschlagen.
Sie nutzte die Sportlerwahl-Bühne, um sich über ein Nischendasein ihrer Sportart zu beklagen. "Die Leichtathletik wird zur Randsportart gemacht. Im Fernsehen läuft rund um die Uhr irgendwo Fußball, selbst aus der vierten Liga. Der Fokus bei Sendezeiten wird immer mehr dorthin gelegt, wo es um viel Geld geht", beschwerte sich Schwanitz, die einen Vergleich bemühte: "Trotz meines WM-Titels fahre ich noch mit einem Octavia herum, und ich habe eine Mietwohnung." Sie brauche keinen Mercedes und keine Villa - "aber wenn man übers gesamte Jahr hinweg Weltniveau anbietet, ist es schade, dass man davon trotzdem nach der Karriere nicht leben kann."
Einmal in Fahrt, geißelte die Sächsin, die am 24. Dezember Geburtstag feiert, auch vorhandene Restriktionen. "Während Olympischer Spiele gilt für uns ein Werbeverbot. Man macht es uns schwer, uns zu vermarkten." Schwanitz ist keine angepasste Athletin - aus ihrer Sicht ein Nachteil als potenzielle Werbebotschafterin: "Ich bin nicht schlank und habe eine Riesenklappe. Ich passe nicht ins Schema F, das passt vielen nicht. Ich kann zwar 20 Kilo abnehmen, dann werde ich aber nicht mehr Weltmeisterin."
Auf ein Bierchen mit Cerne


Es war eine Rundum-Kritik: am Fernsehen, an den Organisationsstrukturen, an den Idealen der Werbeindustrie. Hat die Sportsoldatin recht? Oder müssen Spitzenathleten aus nicht so im Rampenlicht stehenden Sportarten auch verstärkt Eigeninitiative zeigen? Thomas Lurz, ehemaliger Weltklasse-Freiwasserschwimmer und in Baden-Baden mit dem Preis "Vorbild im Sport" ausgezeichnet, sagte: "Man muss das proaktiv angehen. Der Sport öffnet Türen, aber man muss auch durch die Tür gehen. Man muss Unternehmen einen Mehrwert anbieten."
Wer kommt zu kurz? Und wer ist schuld? Die Diskussion über die Aufmerksamkeitsverteilung im Spitzensport ist nicht neu, aber weiterhin lebendig. Schwanitz wird sie weiter führen - und dabei ihren Spaß nicht verlieren. So wie bei der Sportlerwahl-Gala, bei der sie mit ZDF-Moderator Rudi Cerne auf der Bühne lässig mit einem Bierchen anstieß.