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Self-Made-Millionär mit Kunstverstand

Self-Made-Millionär mit Kunstverstand

Internationales Viersterne-Dressurturnier: Die zweite Peterhof Dressur Gala in Perl-Borg (18. bis 21. Juli) ist ein Sportevent der Spitzenklasse für Pferdefreunde und Reitsport-Fans. Das Sportereignis ist eng verbunden mit dem Engagement des Ehepaars Edwin Kohl und Arlette Jasper-Kohl.

Merzig. Im September 2012, nach nur 15-monatiger Bauzeit, machten die Kohls die Tore ihres Peterhofs auf für die internationale Reiter-Elite. Und die kam, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Mehr noch: 7000 Besucher machten die erste Peterhof Dressur Gala zum Fest-Ereignis. Ein Kantersieg.
Irgendwie hat Edwin Kohl (63) wohl ein Sonderlos des Schicksals auf Erfolg gezogen. Selbst wenn er kürzlich mit seinen Elektro-Autos eine Schlappe erlitt. Sein ökologisches Sendungsbewusstsein war ihm das Wert. Sowieso wird seine Berufs- und Lebens-Bilanz dauerhaft überstrahlt vom kometenhaften Aufstieg: Schwemlinger Metzgerssohn wird zu einem Top-Unternehmer der europäischen Pharmabranche. Und jetzt ist da auch noch der Durchbruch des Gestüts, der Trainerinnen von Weltrang wie Dorothea Schneider nach Borg zieht. Kohl, ein Glückskind?
Nein, bei Kohls Ausnahme- Karriere ist wenig Zufall mit im Spiel - aber viel Instinkt, Kalkül und Selbstvertrauen. Der Mann verkörpert die amerikanische "Ein-Mann-auf-eigene-Faust"- Methode. "Wir haben drei Architekten rausgeschmissen", sagt er denn auch bei der Peterhof-Besichtigung. Anschließend hätten er und seine zweite Frau Arlette Jasper-Kohl (48) den 2009 gekauften, stark heruntergekommenen Hof allein konzipiert. Er, ein passionierter Bauherr, der alle seine Firmengebäude mit entwarf und sich beim Saarbrücker Museums-Erweiterungs-Bau nicht als Sponsor, sondern als Mitgestalter verstand - und deshalb tief enttäuscht und ausgestiegen ist. Aber das wäre eine andere, eine politische Geschichte.
In Borg erkennt man den Bau- Enthusiasten Kohl, der schon bei der Modernisierung seines Wohnhauses in Perl, einem 1600 Quadratmeter großen Palais von 1733, sein Faible für historische Authentizität auslebte. An seiner Seite hat er eine Frau vom Fach, eine (Teppich-)Designerin. Arlette Jasper-Kohls Wiesbadener Firma Va-tout richtete viele Hotels ein. Dementsprechend duchgestylt ist das Kohlsche Gemeinschafts-Projekt Peterhof, eine Ikone für Überfluss und Exklusivität. "Es muss gut tun, etwas anzuschauen", sagt Kohl. Leicht könnte man den Peterhof als Selbstverwirklichung und Hobby eines "reichen Sacks" missverstehen, wie Kohl sich selbstironisch nennt. Doch "der Peterhof ist eine nachhaltige Investition und soll sich rechnen", sagt Arlette Jasper-Kohl.
Mit dem imposanten, symmetrisch angelegten Ensemble wollten die Kohls eine PRwirksame Mundpropaganda-Reaktion auslösen, ein "Das musst du sehen!". Muss man - und findet sich wieder in der blitzblanken Filmkulisse eines Rosamunde-Pilcher- Streifens. Auf der Innenhof-Piazza der Auffahrt parkt Kohls lichtblauer Iso Grifo, eine italienische Sportwagen-Schönheit aus den 1970er Jahren. Rundum badet das Auge in 30 Hektar (!) Grün, strukturiert von strahlend weißen Zäunen der 32 Koppeln. Gusseiserne Balkongitter, dunkle Fensterläden, Kieswege, Buchsbäume, die Pflasterung mutet an wie ein Mosaik, die pompejanische Farbgestaltung der Häuser schmeichelt nicht nur dem Auge, sondern nimmt Bezug auf die römischen Wurzeln des Ortes Borg. Ursprünglichkeit und Komfort gehen an diesem Ort ein designpreiswürdiges Zusammenspiel ein.
Vordringlich aber ist der Peterhof eine Nobelherberge für verletzungsanfällige Top-Athleten, für 38 kostbare Pferde, zwölf davon gehören dem Ehepaar. Alle genießen von ihrer Box aus freien Gartenblick, haben ganzjährig Weidegang und mögen den Spa-Bereich mit Infrarotkabine und Aqua-Gymnastik.
"Wir wollten keinen Bauernhof bauen wie sonst üblich", sagt Arlette Jasper-Kohl. Die Saarländerin ritt bereits als Kind, später Turniere. 15 Jahre hatte sie dann wegen ihres reiseintensiven Berufs nichts mehr mit der Reiterei zu tun. Bis ihr Mann Edwin - selbst strikter Nicht-Reiter - sie wieder dazu ermunterte und ihr ein Pferd kaufte. Heute ist sie Eigentümerin des Peterhof-Gestüts und dessen Managerin - ein Fulltime-Job.
Für Edwin Kohl fungiert der Peterhof als "Rückzugs- und Repräsentations- Ort", so die Homepage. Kohl legt Wert auf die "persönliche Note", die das Gestüt prägt. Ein Graf Protz? Nein, ein Feingeist mit riesiger Bibliothek, der sich bereits als junger Mann für Kunstgeschichte interessierte - und BWL studierte. Ein Kunstsammler, der seine Wohnräume mit Bildern tapeziert: Lovis Corinth, Emil Nolde, Gabriele Münter, dazu Max-Beckmann- und Picasso-Grafiken in einer atemberaubenden Unzahl, doch nichts wirkt museal. "Ich will die Kunst sehen, ich empfinde es als Privileg, damit leben zu können", sagt Kohl. Er ist auch Antiquitätensammler. Bei Christies in London wird er mit Handschlag begrüßt. Übers Internet jagt er nach filigranen Rokoko-"Petits Meubles", nach Meisterwerken der Handwerkskunst, die, wie er sagt, "schon zu Zeiten Katharinas der Großen das Teuerste waren, was man sich leisten konnte". Heute kosten sie sechsstellige Beträge. Kohl schart sie in Perl und in Borg geradezu in Massen um sich: "Meine Schätzchen" nennt er sie zärtlich.
Gleichwohl: Kohls Liebe und Verehrung sind nicht ganz selbstlos. Denn er hat erkannt, dass, egal welches Produkt man kauft, die absolute Spitze immer die werthaltigste Investition darstellt. Doch der Nachhaltigkeits- Fanatiker Kohl ist freilich auch ein Genussmensch, der es als "traumhaft" empfindet, mit nackten Füßen über seine chinesischen Teppiche aus dem 19. Jahrhundert zu gehen. Auch erzählt er von seiner Vorliebe für sehr teure Bordeaux-Weine. Er braucht keines seiner vielen Lexika, um die Qualität der Jahrgänge seit 1949 zu benennen. Diese Kennerschaft datiert aus den frühen 1980er Jahren, kurz nachdem Kohl 1979 in der Zwergschule in Borg sein Ein-Mann- Unternehmen eröffnet hatte und der Rubel zu rollen begann. Damals kaufte Kohl Flaschen für 80 Euro, die heute 1000 Euro wert sind. Er gönnt sie sich oft und guten Gewissens: "Ich muss nichts mehr nachkaufen, die Bestände reichen, bis ich sterbe."
Und dann sind da noch die kubanischen Zigarren, "die immer dicker wurden", je besser er verdiente. Als Student, mit 20, rauchte er in Spanien die ersten billigen Zigarillos. Damals machte der Sohn aus einer gut gestellten Familie Urlaub im Mekka der Reichen und Schönen, in Marbella. Wer weiß, welchen Aufstiegswillen-Virus er sich dort gefangen hat? Sicher ist, dass er gute Gene und Vorbilder in seiner Familie hat. Bis in Ururgroßvaters Zeiten reicht die Selbstständigkeit und Kohls Berufsmotto: "Ich habe gelernt, man muss sich kümmern, dann wird das schon." Dann muss man sich auch nicht schamhaft wegducken vor neidischen Blicken wie das Gros der Millionäre in Deutschland. Der "neureiche" Kohl mag ebenso wenig das Versteckspiel wie einst die Aristokraten. Der Peterhof ist die Manifestation dafür - eine Einladung, teilzuhaben - und zu staunen.Extra

Zur zweiten Peterhof Dressur Gala in Perl-Borg (18. bis 21. Juli) reisen Olympiasieger und Europameisterschaftssieger an. Über 100 Pferde sind dabei. Zusätzlich zum Wettkampf gibt es ein tägliches Show-Programm: Die Tiertrainerin Anne Krüger-Degener tritt mit Collies, Schimmeln und Ziegen auf, außerdem ist der Freiheitsdressur-"Meister" Jean-Francois Pignon dabei. Infos: www. gestuet-peterhof.de; Tickets: Telefon 01805/119115. Das Unternehmen Kohlpharma hat seinen Sitz in Merzig: 800 Mitarbeiter, Jahresumsatz bis zu 840 Millionen Euro. Kohlpharma führt Originalpräparate, die in anderen EU-Ländern kostengünstiger produziert werden, ein, um sie mit neuen Verpackungen oder Beipackzetteln wieder zu verkaufen. Kohlpharma engagiert sich ökologisch, war bis 2013 bei Mia Electric (Elektroautos) aktiv und ist Hauptgesellschafter der Timber Tower GmbH (Holzturm-Windräder). ce