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Sport
Spochtipedia: Das hat Steel

Aach. Darts erlebt derzeit in Deutschland einen echten Hype. Der TV hat in der Region nach den Gründen dafür gesucht, dabei zwei Legenden getroffen und ein Dart-Großereignis an der Saar besucht. Johann Wacht

Wenn man vor dem Wohnhaus in Aach (Kreis Trier-Saarburg) steht, ahnt man nicht, was sich darin verbirgt. Vor über zwanzig Jahren begann Rudi Schmitt mit ein wenig Darts-Zubehör, mittlerweile hat er in seinem Kellerraum für Dartspieler ein wahres Paradies erschaffen. Beeindruckende 180 verschiedene Satz Darts und insgesamt über 1000 verschiedene Darts Artikel hat "Dart Rudi" in seinem Reich zur Auswahl. 140 Euro kostet das Topmodel, der "Daytona Fire". Wolfram, Titan und Carbon werden hier verarbeitet, mit billigen Plastikpfeilen hat das nichts zu tun. Termine vergibt "Dart Rudi" nach Absprache, die Zeit für eine individuelle Beratung ist ihm wichtig. "Ich lege die Termine mittlerweile zwei Stunden auseinander. Ich trinke mit den Leuten lieber einen Kaffee, als dicke Geschäfte zu machen." Über Mund-zu-Mund-Propaganda ist so über die Jahre ein Kundenstamm entstanden, der sich von Belgien über Luxemburg, Rheinland-Pfalz bis ins Saarland erstreckt. Nach kurzer Zeit ist klar, warum diese Menschen ihre Darts nicht im Internet bestellen, sondern weite Strecken auf sich nehmen, um hier einzukaufen. Die Atmosphäre ist familiär, und nach wenigen Minuten steht man selbst an der Scheibe. Rudi analysiert den Wurf und kann dank seiner jahrelangen Erfahrung wertvolle Tipps geben, auch wenn man - wie der TV-Mitarbeiter - blutiger Anfänger ist. "Stell' dir vor, du stehst im nassen Sand. Vergrabe jetzt die Zehen von deinem rechten Fuß im Sand", sagt "Dart Rudi". Dieser Tipp erscheint komisch, schließlich ist Rudis Keller meilenweit entfernt vom nächsten Strand. Der Effekt ist jedoch direkt sichtbar. Es ist ein simpler Trick, um die Gewichtsverlagerung des Spielers zu beeinflussen. Rudi gibt nicht nur Tipps, er erklärt auch, was die Ursache der Verbesserung ist. Früher ist er am Wochenende die Kneipen abgefahren, um seine Artikel direkt an Spieler vor Ort zu verkaufen. "Das waren dann acht oder neun Kneipen am Abend. Da sieht man viele Leute spielen, das hat für die Beratung sehr geholfen." Er selbst hat bereits 1984 in Welschbillig mit Darts angefangen und ist Gründungs- und seit 2010 Ehrenmitglied der Eifel- Hunsrück-Mosel-Dartliga (EHM). Mit 31 Mannschaften aus 17 Vereinen ist die EHM Dartliga die größte Steel-Dart-Liga in Rheinland- Pfalz. Aach ist eine der Darts-Hochburgen der Region. 1991 gründete sich der Verein mit wenigen Leuten, heute sind es 67, 15 neue Mitglieder allein in diesem Jahr. "Der Hype ist auch bei uns spürbar. In der EHM Liga sind seit 2014 zehn neue Mannschaften hinzugekommen" sagt Florian Klein, 1. Vorsitzender des DC Aach e.V. und Geschäftsführer der EHM-Liga. Durch eine Tombola bei der Dorfkirmes hat er seine ersten Pfeile gewonnen und spielt nun seit 13 Jahren. In der Jugend wurde er Deutscher Vizemeister im Team. Acht Jugendliche spielten zeitweise im Verein, momentan gibt es allerdings keine Jugendmannschaft mehr, eine Situation, die Florian Klein verändern will. "Wir haben extra einen Raum geschaffen für die jungen Spieler, hier darf auch nicht geraucht werden", erzählt er in den Räumlichkeiten der alten Schule in Aach. Hier haben sie ein schmuckes Dartheim aus Eigenleistung aufgebaut. Sechs Scheiben in zwei Räumen, Bildschirme und eine Bar. Jeden Donnerstagabend beim Training treffen sich hier rund 20 Darts-Begeisterte, auch Anfänger sind herzlich willkommen. Doch was treibt all diese Leute neuerdings zu diesem Sport? Einer, der es wissen muss, ist Elmar Paulke, die Stimme des deutschen Darts. Im Jugendzentrum Mergener Hof in Trier hat er kürzlich aus seinem Buch "Game on!" gelesen. Paulke studierte Sport in Köln, hatte dort 1994 eine Dartscheibe in der Studentenwohnung, die allerdings nur für "Strip-Darts" genutzt wurde - wer die Scheibe nicht traf, musste ein Kleidungsstück ausziehen, das ganze fand naheliegenderweise in Verbindung mit Alkohol statt, wie er im Rahmen seiner Trierer Lesung erzählte. Danach verliert sich zunächst Paulkes Bezug zum Darts. Erst zehn Jahre später kauft der Fernsehsender Sport 1 ein Rechtepaket, in dem auch Darts enthalten ist. Der Sender wendet sich an Elmar Paulke, fragt ihn, ob er Interesse habe, die WM zu kommentieren. Er sagt spontan zu. Dabei hat er zu diesem Zeitpunkt noch kein Profispiel live gesehen. Ohne Erwartungen gehen er und der Sender in die erste Übertragung, wie rasant sich das Ganze in den kommenden Jahren entwickeln wird, ahnt damals keiner. Heute ist Darts eine feste Größe im deutschen Fernsehen - und Elmar Paulke gehört als Kommentator dazu. Sein zweites Buch "Game on!" gibt Einblicke hinter die Kulissen der Trendsportart und bringt einem die Topstars näher. Seine Lesung in Trier ist dabei so unterhaltsam wie die Fernsehübertragungen. Als er die Zuschauer fragt, ob jemand schon einmal an einer Qualifikation für ein PDC-Turnier teilgenommen habe, lautet die Antwort: "Nein, zu teuer", Paulke kontert schlagfertig mit: "Wenn du gewinnst, nicht." Damit hat er recht. Die Stars der Szene sind Millionäre, 125 Euro Startgeld für die Teilnahme an der Qualifikation sind dort kein Thema. Momente wie die 17 perfekten Darts von Weltmeister Michael van Gerwen begeistern die Massen, allein im letzten Jahr kamen 250 000 Menschen zu Turnieren in Deutschland. "Wenn man nie live dabei war, kann man das Ganze nicht nachvollziehen, das ist verrückt, was da abgeht", erzählt Paulke. Was rund um diesen Sport abgehen kann, erlebt man bei den German Darts Open Ende April in Saarbrücken. Das Turnier ist nach nur zwei Wochen restlos ausverkauft, insgesamt 13 000 Menschen besuchen das Spektakel an drei Turniertagen in der Saarlandhalle. Es ist wie eine Reise in eine andere Welt. Bereits um 13 Uhr fließt Bier in Strömen, die Menschen sind verkleidet und brüllen lauthals die Dartshymnen. Um 19 Uhr ist es dann soweit: Der 16-jährige deutsche Nico Blum steht zum "Walk on" bereit, dem Spieler- Einlauf. Er hat sich für das Turnier qualifiziert und ist damit der erste Spieler, der in diesem Jahrhundert geboren wurde und bei der European Tour im Hauptfeld antreten darf. Seine Einlaufmusik startet, aus den Boxen dröhnt der Song "Kölsche Jung" der Kölner Band Brings, 3000 Fans rasten komplett aus, es schallt ohrenbetäubend "Oh Oh Oh Ijeho" durch die Halle. Elmar Paulke hat recht - es ist völlig verrückt. Zwei Menschen werfen aus 2,37 Metern Pfeile in ein Board (die Scheibe), und Tausende feiern dazu die Party ihres Lebens - Darts ist ein herrliches Phänomen, das man erlebt haben muss.

Extra

Wie ist der Darts-Sport entstanden? Um diese Frage gibt's zahlreiche Theorien. Festzustehen scheint allerdings, dass Darts aus England kommt. Der Name allerdings stammt wohl aus dem Französischen. Die Franzosen pflegten bei Schlachten kleine speerähnliche Wurfpfeile als Waffen einzusetzen - die Darts. Auch in England war diese französische Waffe bekannt; angeblich schenkte Anne Boleyn ihrem Mann Heinrich VIII. einen Satz dieser Pfeile. Trotz der Herkunft wird das Spiel in Frankreich heute Les fléchettes genannt. Der Dartsport dagegen entstand wahrscheinlich zwischen 1860 und 1898. Im letztgenannten Jahr ließ ein Amerikaner die ersten für Darts entwickelten Papier- Flights (Flügel am Ende des Schaftes zur Stabilisierung des Flugverhaltens) patentieren. Die ersten sportlichen Wettbewerbe fanden Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien statt. In der Region existieren zahlreiche Darts-Clubs. Unter anderem den DC Morbach (www.dc-morbach. de), DC Heavy Darts Bitburg (www.heavydarts.jimdo. com) oder DC Gäßestrepper Wittlich (www.dc-gaessestrepper. de)

Der Sport von A bis Z

Von Aikido bis Zumba, von Boccia bis Yoga: Weltweit werden über 250 Sportarten praktiziert, die meisten davon auch in der Region Trier. Der Trierische Volksfreund stellt in der Serie "Spochtipedia - alles, was Sport ist!" jede Woche eine davon vor. Wie es geht, was man braucht und wie viel es kostet, erfahren Sie bei uns. Ganz nebenbei lernen Sie auch noch interessante Persönlichkeiten, die hinter den Sportarten stecken, kennen. Lesen Sie im nächsten Teil unserer TV-Serie am kommenden Mittwoch, 10. Mai: Was sich hinter dem Begriff Piloxing verbirgt.