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TV-Serie Spochtipedia: Turnkunst hoch zu Ross

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Saarburg. Beim Voltigieren entscheidet das Zusammenwirken von Pferd, Sportlern und Longenführer über den Erfolg. Kritik bleibt nicht aus. Mirko Blahak

Das Angebot ist gut gemeint. Ob ich nicht auch mal aufs Pferd möchte? "Och, lassen Sie mal …" Wer zuvor gesehen hat, welche Kunststücke die Voltigierer auf dem Rücken der stattlichen Vierbeiner vollführen und welche Dynamik in dem Sport steckt, sollte sein eigenes (Un-)Vermögen richtig einschätzen können.

Der TV ist zu Besuch bei der Voltigierabteilung des TuS Fortuna Saarburg. Sie umfasst derzeit rund 100 Aktive. Das jüngste Mitglied ist fünf Jahre alt, das älteste 30. Jungs kann man an einer Hand abzählen. Das Domizil der Voltigierer ist auf dem ehemaligen Kasernengelände. Eine alte Maschinenhalle dient als Reithalle - sie wurde mit reichlich Sand hergerichtet. In der Nebenhalle wurden Stallungen für die aktuell zwölf Pferde eingerichtet. Die Lage ist gut - der nah gelegene Wald wird zum Ausreiten genutzt.

Mehr zum Thema: "Es gibt etliche Jungs, die anfangen, aber nicht durchhalten"

An diesem Abend trainieren verschiedene Leistungsgruppen. Bevor es aufs Pferd geht, gibt es ausgiebige Trockenübungen. Am Boden, am Stufenbarren, auf Holzpferden - und auf einem elektronisch betriebenen Bock. "Ihn hat ein Bekannter in 400 Stunden Eigenleistung gebaut. Normalerweise würde solch ein Gerät 10 000 Euro kosten", sagt Alexandra Kohl. Sie ist gemeinsam mit Karin Kramp eins der prägenden Gesichter der Voltigierabteilung - und das bereits seit 27 Jahren.
Mit dem Elektro-Pferd kann langsamer und schneller Galopp simuliert werden. Kohl: "Wenn wir eine Kür einstudieren, ist das aufgrund der vielen notwendigen Übungsstunden rückenschonender."

Voltigier-Neulinge müssen zuerst eins üben: eine richtige Körperspannung. Die Trainer beim TuS müssen dabei teilweise mit schwierigen Voraussetzungen umgehen: "Einige Sechs- oder Siebenjährige können keinen Purzelbaum und kein Rad schlagen. Sie können auch keinen Handstand und auch nicht eine Bank überspringen", stellt Kohl ernüchtert fest.
Wer entscheidet beim Voltigieren über den Erfolg? Der Longenführer, der das Pferd an einer Leine in einem Kreis mit einem Radius von etwa acht Metern laufen lässt? Das Pferd? Die Voltigierer? "Alle drei Komponenten sind entscheidend", sagt Kohl.

Um als Voltigierpferd ausgebildet zu werden, müssen die Tiere mindestens sechs Jahre alt sein. "Die Ausbildung nimmt dann rund drei Jahre in Anspruch", berichtet Kohl. Pferde scheuen, sie sind Fluchttiere - das müssen sie ablegen, wenn in einer Halle mit einer jugendlichen Rasselbande viel Palaver herrscht. Es gibt nicht nur eine Rasse, die sich eignet, wobei Kohl sagt: "Ein Kaltblüter bietet sich nicht so gut an, da es nicht so dynamisch galoppiert.
Kritik bleibt nicht aus. Inwieweit ist Voltigieren pferdgerecht - wenn die Tiere längere Zeit im Kreis unterwegs sind und teilweise beträchtliche Lasten zu schultern haben? "Es gibt die Vorurteile. Aber bei uns sind die Pferde nicht nach ein paar Jahren platt. Wir haben vier Pferde, die 18 Jahre alt sind und eine Stute, die schon 30 Jahre ist. Wir mussten noch nie ein Pferd abgeben, weil es überbelastet worden ist", sagt Kohl.

Bevor das Training beginnt, machen sich nicht nur die Voltigierer warm. Auch die Pferde werden vorbereitet. Die meist jugendlichen Sportler müssen auch Verantwortung übernehmen. Bei der Pflege der Pferde, beim Ausmisten der Boxen.
Auf dem Pferd gibt's für die Voltigierer Hilfsmittel. Das Wichtigste: Ein Gurt mit Hand- und Fußschlaufen (Bild links unten). Er wird auf dem Rücken des Pferds auf einem sogenannten Voltigierpad - vergleichbar mit einer Decke - befestigt. Das Gewicht des Gurts: mehrere Kilo. Der Preis: rund 1500 Euro.

Über Zulauf können sich die Saarburger nicht beklagen. Und auch nicht über Erfolge. Herausragend in diesem Jahr waren Rang drei im Doppel (Hannah Bidon und Jana Schuhmacher) und Rang elf durch Schuhmacher bei der deutschen Jugendmeisterschaft in Aachen. Hinzu kommen regelmäßig Podestplätze bei Landesmeisterschaften.
Dennoch fristet das Voltigieren ein Nischendasein. Sponsoren stehen nicht Schlange. Die Abteilungsleiterinnen leben Enthusiasmus und Idealismus vor. Da wird die eine oder andere nicht gerade niedrige Tierarztrechnung auch schon mal aus eigener Tasche bezahlt.

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Eleganz gepaart mit knallharter Akrobatik: Beim Voltigieren werden Sportlern, Longenführern und Pferden gleich mehrere Fähigkeiten abverlangt. Fotos: privat, TV-Foto: Mirko Blahak
Eleganz gepaart mit knallharter Akrobatik: Beim Voltigieren werden Sportlern, Longenführern und Pferden gleich mehrere Fähigkeiten abverlangt. Fotos: privat, TV-Foto: Mirko Blahak FOTO: (g_sport
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