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Unbekümmert, gereift, flexibel: Jogi Löw im Wandel der Zeit

Unbekümmert, gereift, flexibel: Jogi Löw im Wandel der Zeit

Er stammt aus Schönau im Schwarzwald. Joachim Löw, 54, gilt als bodenständig. Als Bundestrainer hat er mit der Nationalelf in den vergangenen Jahren mehrfach zu Höhenflügen angesetzt. Er gilt als Architekt des neuen Spielstils.

Rio de Janeiro. Schon vor der Weltmeisterschaft hat Joachim Löw seinen Vertrag als Bundestrainer bis 2016 verlängert. Und er wird als Wunschkandidat des DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach betrachtet. Das sind schon mal zwei gewichtige Argumente für einen Verbleib im Amt. Das dritte: Er hat beim Turnier in Brasilien bewiesen, dass er weiter hohen Ansprüchen gerecht wird. Vor allem, weil er sich andere Meinungen anhört und daraus die richtigen Schlüsse ziehen kann. Diese Meinungsbildung ist manchmal ein quälend langsamer Prozess. Weil Löw es überhaupt nicht liebt, klare Entscheidungen zu treffen, sondern lieber dem freien Spiel der Kräfte vertraut. Aber er trifft sie endlich. Und das macht ihn groß.
Seine Laufbahn beim DFB schien lange eine lupenreine Erfolgsgeschichte. Während Jürgen Klinsmann in der Aufbruchzeit zwischen 2004 und dem Sommermärchen 2006 den Verband und den deutschen Fußball mit reichlich öffentlichem Getöse umkrempelte, galt Löw als der Stratege. Als Architekt einer neuen deutschen Spielweise. Zu Klinsmanns Zeiten überraschte die DFB-Elf mit ihrem Mut, ihrer Frische, ihrer Abenteuerlust.
Als Löw dann in vorderster Linie das Sagen hatte, arbeitete er den Fußball mit viel Geschick noch einmal um. Seine Maxime: "Weltmeister wird nur, wer schönen Fußball spielt." Das war Musik in den Ohren einer erstaunten Öffentlichkeit, die sich in nie gekannter Art mit der Nationalmannschaft identifizierte.
Löws Team zahlte zurück. Mit einer bemerkenswerten Vorstellung bei der WM 2010 in Südafrika kam eine junge Mannschaft, die ohne ihren Leitwolf Michael Ballack antreten musste, auf Platz drei. Die Fachwelt begeisterte sich für Löws Stil. Aber es wuchsen auch die Ansprüche. Die logische Folge daraus war, dass dieses große Team irgendwann die Reife für einen Titel haben sollte. Mit diesem Anspruch schickte Fußball-Deutschland Löw und seine Mannschaft schon in die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Tatsächlich wirkte der Fußball nun reifer, abgeklärter und deshalb ein kleines bisschen langweiliger. Das nahm das Fußballvolk in dankbarer Erwartung eines ersten Titels für die vielleicht begabteste deutsche Mannschaft aller Zeiten hin.
Aber bei dieser EM fiel der erste Schatten auf Löws Erfolgsgeschichte. Er leistete sich im Halbfinale gegen Italien grobe taktische Fehler. Seine Mannschaft verlor, und Löw wurde zum ersten Mal in seiner so ruckelfreien Laufbahn hart kritisiert.
So richtig erholt hat er sich davon nicht. Es hat sein Verhalten deutlich verändert. Löw ist unnahbarer geworden.
Ins WM-Turnier 2014 ging Löw mit seiner Mannschaft wieder als einer der großen Favoriten. Weil die Qualifikation fast makellos war, und weil sein Team nach wie vor die größte Sammlung von Talenten aufweist, die je zugleich für Deutschland Fußball spielen durfte.
In Brasilien kehrte Löw in die Erfolgsspur zurück. Er ging dafür einen Umweg. Weil Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, wesentliche Größen in seinem Konzept, in die Vorbereitung humpelten, beförderte er Philipp Lahm ins Mittelfeld. Und er baute sein System komplett auf 4-3-3 um. Dazu erfand er eine Abwehrkette aus vier Innenverteidigern. Zum ersten Mal in der Ära Löw galt nicht mehr das Prinzip des Schönen, Guten, Feinen. Es zählte das Ergebnis. Im Lauf des Turniers hat Löw noch einmal alles umgekrempelt. Er kehrte zum 4-2-3-1 zurück und gehorchte der taktischen Vernunft, als er Lahm wieder zum Verteidiger machte. Beide radikalen Umbaumaßnahmen könnten böse Menschen als Ergebnisse einer um sich greifenden Torschlusspanik bezeichnen. Gute Menschen nennen sie flexibles Denken und die Fähigkeit, anderen zuzuhören. Es hat von beidem etwas.
Weil der Erfolg in diesem Geschäft der entscheidende Maßstab ist, hat Löw sicher vieles richtig gemacht. Deshalb gibt es zum Bundestrainer Löw immer noch keine sinnvolle Alternative. Vor dem Finale hatte er einen schönen Satz gesagt: "Der deutsche Fußball hat eine Zukunft, diese Mannschaft hat eine Zukunft." Und auch dieser Trainer hat eine Zukunft.