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Unter den Wolken - und fast grenzenlos frei

Unter den Wolken - und fast grenzenlos frei

In der Serie "Die Reportage - Sport im Sommer" testen TV-Reporter Sportarten, über die mitunter eher selten berichtet wird. Heute berichtet Andreas Feichtner von seinem ersten Tandemflug an der Mosel. Wenn es nach ihm geht, war es nicht der letzte.

Trier/Wittlich. Kurz bevor der Boden unter den Füßen verschwindet, denke ich an - Tischtennis. Das muss an meinem Hintermann liegen und den seltsamen Assoziationen, die gerade durch die Synapsen segeln. "Lauf, lauf, lauf!", ruft Michael Müller, mein erfahrener Gleitschirm-Pilot. Und Gump läuft, läuft, läuft ins Leere. Forrest Feichtner denkt an einen alten Film mit einem tischtennisspielenden Tom Hanks. Und ist, bevor Sie fünf Zeilen quergelesen haben, schon abgehoben. Runter vom Startplatz gegenüber von Zeltingen-Rachtig und zwei, fünf, zehn Meter in der Luft.Sport im Sommer die Reportage

Das nennt man vielleicht Übersprungs-Handlung, ich weiß es nicht. Michael Müller hatte mich eine Stunde vorher angerufen, er meinte: "Sie wollten doch fliegen. Setzen Sie sich ins Auto und kommen Sie nach Zeltingen." Jetzt passe es gerade. Die Thermik stimme. "Okay", sagte ich. Dieser verdammte schwüle Sommertag im heißen Büro, ein bisschen fliegen, springen, landen, was auch immer, kann man machen. "Wenn ich bis 18 Uhr nicht wieder zurück bin, taugt\'s vielleicht sogar für die Titelseite", verabschiede ich mich von der Kollegin: "Dann muss aber jemand anderes schreiben."Dabei hat der Tandemflug, der mich in den Himmel über Wittlich steigen lässt, nichts mit Springen zu tun. Kein freier Fall, der den Adrenalin-Haushalt unappetitlich über die Ufer treten lässt, bevor der Fallschirm aufgeht. Ein Fallschirm sei auch aus einem völlig anderen Material, sagt Müller. Die müssten luftdurchlässig sein. Gleitschirme naturgemäß nicht. Fallschirmspringen war nicht seines. Gleiten, das ist die Liebe.Die Mosel unten, wir hier oben. Glückshormone brauen sich zusammen, wenn man erst mal dem Frieden unter den Schleier-Wölkchen getraut hat. "Wenn Ihnen schlecht werden sollte, schauen Sie Richtung Horizont. Das hilft", sagt mein Pilot von den "Moselfalken". Wieso sollte mir schlecht werden? Das Gegenteil ist der Fall. Ich hänge völlig entspannt in der Luft. Vor Jahren bin ich mal mit einem belgischen Rallye-WM-Fahrer als Copilot durch die Spitzkehren in den Weinbergen gebrettert. Der Mensch trug den passenden Spitznamen "Psycho", was mir vorher niemand gesagt hatte. Da war kein Horizont zu fixieren. Meine einzige Sorge ist gerade, dass meine Kamera bei Dr. Oetker aufs Werkdach rummst. Fast 1000 Meter hoch kommen wir heute. Je nach Höhe der Wolken geht es an manchen Tagen auch noch höher. Hinter mir piept es. Immer wieder. Mal ein hoher Ton, dann ein tiefer. "Alles okay da hinten?", frage ich. Klar. Kein Grund zur Aufregung. Ein hoher Ton bedeutet: Aufwind, wir steigen. Ein tiefer heißt sozusagen - Achtung, kein Wind, die Schwerkraft ruft. Vor uns war ein Gleitschirmflieger gestartet, der nach fünf Minuten wieder am Boden war. Die Thermik. Wir bleiben insgesamt über eine Stunde in der Luft. Der Wind gibt die Richtung vor, klar. "Wenn die Thermik gut ist, kann ich schon mal bei mir im Garten in Schweich landen", sagt Müller, der auch eine Gleitschirm-Schule betreibt. Wie das als Sport ist? Als Gleitschirmflieger braucht man Präzision, Erfahrung, Ruhe. "Und man sollte immer demütig sein - sonst kann es gefährlich werden", sagt Müller. Er hat vor 25 Jahren als Teenager angefangen. In Tausenden Flügen ist nie was passiert. Aber Unfälle lassen sich auch nicht kategorisch ausschließen. Es geht runter, die Landung steht, auf der Wiese neben dem Wittlicher Freibad. "Einfach die Beine hoch halten", sagt er. Fast im gleichen Moment landen wir etwas unsanft auf der Wiese. "Oh, da kam eine Böe von oben, das war nicht zu ändern." Ist ja nichts passiert. Das war höchstens wie ein Allerwelts-Foul beim Fußball. Arbeitsteilung zum Abschluss. Aufstehen, Schirm zusammenpacken (Müller), zwei Radler im Schwimmbad kaufen (ich). Und darauf warten, dass wir abgeholt werden. Die meisten, die einmal oben waren, wollen wieder hoch. Ich kann\'s verstehen. AFDas Gleitschirmfliegen - im Englischen als Paragliding bekannt - ist wohl der einfachste Weg, die Welt als Pilot aus der Vogelperspektive zu sehen - und, das sagen zumindest die Gleitschirm-Fans, - auch der schönste. Es gibt mehrere Clubs in der Region - etwa die Moselfalken mit rund 250 Mitgliedern, die auch die Mosel Open ausrichten. Zudem gibt es den Drachenfliegerclub (DFC) Trier. Startplätze finden sich unter anderem bei Zeltingen-Rachtig, Graach, Klüsserath, Veldenz, Mehring oder Serrig. Eine neue Gleitschirm-Ausrüstung kostet etwa 3000 Euro. Wer selbst fliegen will, braucht mindestens einen L-Schein für den Übungshang (vier bis sieben Tage Grund-Ausbildung) und für mehr Freiheit in der Luft den A-Schein (beschränkter Luftfahrerschein). Wer einen Passagier mitnehmen will (Tandemflug), braucht eine Extra-Ausbildung. Ein Tandemflug kostet bei Moseltandem.de 95 Euro. Es gibt auch weitere Anbieter. Flugzeit, Höhe und Strecke richten sich jeweils auch nach den Windbedingungen. Mehr über Flüge in der Region im Internet: www.moseltandem.de, www.moselfalken.de, www.dfc-trier.de www.moselglider.de AF