Von der Tortur zum Triumph

Vor einem Jahr bricht die Welt von Marina Bechtel zusammen. Die Sportschützin aus Bernkastel-Andel erkrankt an Brustkrebs. Ihren Traum von Medaillen bei den deutschen Meisterschaften gibt die Sportschützin dennoch nie auf Sie kämpft - und wird bei den Titelkämpfen im Oktober belohnt.

Bernkastel-Kues/Andel. Ausblenden gehört zu den Geheimnissen einer guten Sportschützin. Marina Bechtel beherrscht es. Warum, das weiß sie gar nicht so genau. Doch wenn die 56-Jährige aus Bernkastel-Andel bei Wettkämpfen das Kleinkalibergewehr anlegt und millimeterkleine Scheiben ins Visier nimmt, dann drehen sich ihre Gedanken nur um die Zehn. Das ist der kleinste Kreis in der Mitte - und der bringt die höchste Wertung.
Als Bechtel im Oktober bei den Deutschen Meisterschaften in Hannover startet, trifft sie die Zehn so häufig wie noch nie in ihrem Leben. Als sie schießt, blendet sie alles aus. Das Johlen der Zuschauer. Das Klatschen. Den Krebs.
Mit zwei Silbermedaillen fährt sie am Ende glücklich nach Hause. Und das, obwohl sie wegen ihrer Krankheit über viele Monate nicht einmal trainieren konnte.
Ein Traum wird wahr



Die Geschichte, wir ihr das gelungen ist, erzählen sie und ihr Mann Karl-Heinz dem TV-Reporter an ihrem Küchentisch. Marina Bechtel lächelt immer noch über das ganze Gesicht, wenn sie daran denkt. "Ich habe mich riesig gefreut, trotz der Umstände so abzuschneiden. Vielleicht hat es geklappt, weil ich ohne große Erwartungen nach Hannover gefahren bin", vermutet sie.
Denn alleine die Teilnahme war ein Erfolg. Vor einem Jahr, so sagt sie es, war ihre Welt zusammengebrochen. Da erfuhr die Schützin, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Danach begann eine Tortur. Operation, Chemotherapie, Bestrahlung. "Das ganze Programm", sagt sie. Gesund zu werden, das war das Ziel, das sie plötzlich in den Blick nahm.
Ihr größter sportlicher Wunsch rückte in den Hintergrund. Einmal wollte sie bei den deutschen Meisterschaften auf dem Treppchen stehen. 1985 hat Bechtel mit dem Sportschießen angefangen, mit 26 Jahren. Ihr Ex-Mann brachte sie drauf, sie startete in Zeltingen. "Eigentlich war ich schon viel zu alt dafür", sagt sie.
Die Pokale, die im Keller in Bernkastel-Andel stehen, sprechen eine andere Sprache. Ebenso wie die vielen Medaillen, die an der Wand hängen und die Bechtel nie gezählt hat. Wichtiger sind ihr die besonderen Erinnerungen. Wie bei dem ersten Pokal, den sie in Gonzerath gewonnen hat, "in einem umgebauten Kuhstall haben wir geschossen". Oder die Medaillen in Hannover. Lange bleibt es offen, ob Bechtel überhaupt starten kann. Im Sommer qualifiziert sie sich bei den Landesmeisterschaften in Düsseldorf - für den Schützenverein Dreis. Doch ihr Mann zweifelt. "Marina war danach mit den Kräften am Ende. Sie hat sich erschöpft auf einen Stuhl gesetzt und ist eine Stunde lang nicht mehr aufgestanden. Ich habe mich ernsthaft gefragt, ob wir die Meldung für die Meisterschaften zurücknehmen sollen."
Ehemann kann's nicht fassen


Doch so weit soll es nicht kommen. Bechtel ist ehrgeizig, ihr Zustand verbessert sich, die Ärzte unterstützen sie. Sie fährt nach Hannover. Auch ohne vorher trainiert zu haben - und mit ausreichend Schutz durch Mullbinden und Pflaster oberhalb des Brustbereichs, in dessen Nähe sie das Gewehr anlegt.
Am ersten Tag landet sie in einem Wettkampf auf Platz 17, am zweiten Tag verblüfft sie die Zuschauer. Erst geht es mit dem Gewehr in der Disziplin aus 50 Metern ohne Zielfernrohr los. Sie trifft 297 von 300 möglichen Ringen. Abends wird sie dann noch Zweite bei den 100 Metern mit Zielfernrohr. Bechtel hat 30 Schüsse, 29 landen in der Zehn, einer in der Neun. 299 Ringe - ein Traumwert. "Das darf nicht wahr sein", denkt ihr Mann auf der Tribüne, der als Sportschütze und Kreisvorsitzender in Bernkastel-Wittlich schon viel gesehen hat. Zuschauer bleiben stehen und staunen. Karl-Heinz Bechtel sieht, wie die Schützin, die danach schießen soll, bleich wird. Marina Bechtel bekommt davon nichts mit. Sie blendet alles aus, triumphiert - und kämpft nun weiter für ihren größten Sieg. Sie sei auf einem guten Weg, den Krebs zu bezwingen, sagt sie. Und beim Chefarzt sorgt sie mit ihren Medaillen für gute Laune, als sie die mitbringt. Sein Kommentar, erzählt Bechtel: "Da haben wir ja alles richtig gemacht."

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