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Spochtipedia: Wie ein 47-Jähriger aus der Region zum Ultra-Läufer wurde

Spochtipedia : Immer auf Distanz: Wie ein 47-Jähriger aus der Region zum Ultra-Läufer wurde

Markus Krempchen läuft Tausende Kilometer im Jahr: Mal 115, mal 75, mal 50 – kein Rennen ist dem Ultra-Läufer zu lang. Warum tut er sich das an? Der Volksfreund hat ihn für Serie Spochtipedia besucht.

Wer weiß, wie es sonst ausgegangen wäre. Vielleicht hätte er das Ding sogar gewonnen: Es ist irgendwo kurz vor Kilometer 20, als es passiert. So ganz genau weiß Markus Krempchen das heute nicht mehr. Was er weiß: „Ich war zu diesem Zeitpunkt in der Spitzengruppe, vielleicht an zehnter Position.“

Mitte Juni 2018: Markus Krempchen hat sich für den Trail-Lauf an der Zugspitze angemeldet. Auf dem Programm stehen: 39 Kilometer, 2000 Höhenmeter. Eher ein Distänzchen für Krempchen,  wenn man weiß, über welche Strecken er seine Joggingschuhe sonst so ausführt – aber dazu später.

Vom Start weg im Zugspitzort Grainau ist der 47-Jährige stark unterwegs. Krempchen beißt sich in der Spitzengruppe fest. Sein Ziel, unter die ersten zehn zu kommen, scheint machbar an diesem Tag. Er erinnert sich: „Ich fühlte mich wohl, es lief.“ Dann wird’s turbulent: Von rechts kommt plötzlich ein „älterer Herr“ auf seinem E-Mountainbike angerauscht. Die Kontrolle über sein Gefährt, die hat er verloren. Fahren geht noch, bremsen nicht mehr.

„Eine Läuferin vor mir konnte ihm gerade noch ausweichen“, erzählt Krempchen, „aber mich hat er dann voll umgehauen“. Schon liegen sie da, der Fahrer, das Rad, der Läufer. „Dann fing der auch noch an zu diskutieren, sah gar nicht ein, dass er in einen Lauf reingefahren und es eindeutig seine Schuld war.“ Die Minuten verrinnen, die Sekunden erst recht – das war’s mit der angepeilten Top-Platzierung. Erst einem Streckenposten gelingt es, dem Theater vor idyllischem Alpenpanorama ein Ende zu setzen. Krempchen rappelt sich auf, der Hüftbeuger schmerzt. Aber aufgeben? Gibt’s nicht: Humpelnd schleppt er sich die letzten 20 Kilometer ins Ziel. „Da ging nicht mehr viel, es hat alles wehgetan.“ Am Ende landet er auf Rang 40.

Mittlerweile kann er darüber lachen. Er sei ohnehin niemand, der sich lange ärgere, wenn ein Rennen mal nicht so laufe. „Dann war es halt ein gutes Training und der nächste Lauf ist ja meist eh nicht weit.“

Die 40 Kilometer an der Zugspitze – Markus Krempchen weiß längst nicht mehr, der wievielte Langdistanz-Wettkampf das in seiner Karriere gewesen ist. Der 47-Jährige hat aufgehört zu zählen. „Anfang der 2000er Jahre bin ich zeitweise um die 7000 Kilometer im Jahr gelaufen – heute sind es noch 3000 bis 4000.“ Er zuckt mit den Schultern, dann grinst er. „Es macht mir halt Spaß.“

An diesem Montagvormittag Mitte Januar sitzt Markus Krempchen im Keller seines Hauses im saarländischen Orscholz. Dort unten hat er sich einen kleinen Fitnessraum eingerichtet. Krempchen – schwarze Lauf-Multifunktionsjacke, blaue Jogginghose, GPS-Uhr am Handgelenk – sitzt im Ledersessel in der Ecke des Raums. „Heute“, sagt der 47-Jährige, „heute steht nichts Großes an“. Ein paar Stabilisationsübungen, ein bisschen Dehnen – mehr nicht. Denn: Montag ist Schontag, außerdem war gestern schon wieder Wettkampf. Da ist er mal einen „Kurzen“ gelaufen. Heißt nach Krempchen-Maßstäben: 20-Kilometer-Urban-Trail – rauf, runter, links, rechts, über Stock, über Stein. Diesmal ging’s nach Rodemack in Frankreich, direkt an der luxemburgischen Grenze. In 1:24 Stunden war er durch.

Markus Krempchen: Der gebürtige Schweicher ist einer der erfahrensten Ultra-Läufer der Region. In der Jugend spielt er Fußball, unter anderem beim SV Leiwen an der Mosel. Doch irgendwann ist die Luft raus. Krempchen hat keinen Bock mehr auf Sport. „Mit 18, 19 Jahren habe ich das Leben genossen“, erzählt der 47-Jährige grinsend. Das Ergebnis: Er nimmt zu. Dann, Anfang der 1990er, steht er beim Trierer Silvesterlauf an der Strecke. Sieht wie die Teilnehmer schnaufend aber glücklich durch die Innenstadt spurten – und denkt sich: „Das musst du auch mal ausprobieren.“ Gedacht, getan: Im März 1991 sein erster Wettkampf, der Leiwener Mittelmosellauf. Mit 90 Kilogramm Körpergewicht und 174 Zentimetern Körpergröße geht’s auf die Strecke. Kein Klacks, aber Krempchen packt’s – und: „Das hat bei mir was ausgelöst, es hat Klick gemacht.“ In den kommenden Monaten kommt er so richtig ins Laufen, es hagelt Anmeldungen: Ein Lauf in Echternach, einer in Trier, dann einer in Wittlich, noch einer auf dem Nürburgring – und im Oktober 1991 der erste Marathon. Der Schweicher erinnert sich genau: „Das war in Echternach nach einem halben Jahr Training, den bin ich in 3:43 gelaufen.“

Seitdem läuft und läuft und läuft und läuft er ... immer weiter, immer länger. Seine Lieblinge, das sind die Ultra-Läufe: mal 75, mal 50, mal 90, mal 100 Kilometer – der Mann geht immer auf Distanz.

Sein längster Lauf bisher, das war ein Ultra-Trail auf Madeira. Einmal quer rüber über die portugiesische Atlantikinsel: 105 Kilometer, 6700 Höhenmeter. Am Ende läuft Krempchen 115 Kilometer. Denn: „Gemeinsam mit einem Belgier habe ich mich verlaufen, wir sind falsch abgebogen, und das auch noch bergab – wir haben es viel zu spät bemerkt.“ Also: Umdrehen und wieder hoch den Berg – das Ganze in der prallen Sonne. „Morgens um sechs Uhr ging’s los, im Ziel war ich nachts um zwei“, erzählt der Ultra-Läufer.

Madeira, das sei ein Traum einer Insel. Landschaftlich einfach schön, sagt Krempchen, um kurz darauf diesen Satz hinterherzuschieben, der dem gemeinen 08/15-Läufer die Trinkflasche aus der Hand rutschen lässt: „Solche Ultra-Läufe muss man auch genießen, es soll ja auch Spaß machen – sonst bringt das ja nichts.“

Damit das Ganze Spaß macht, trainiert der 47-Jährige fünf- bis sechsmal die Woche, schrubbt in diesem Zeitraum im Schnitt um die 180 Kilometer inklusive Wettkämpfe. Wenn seine Kinder morgens im Kindergarten sind, geht’s für ihn rein in die Laufschuhe und raus in den Wald. „Ich laufe am liebsten ganz allein, da kann ich alles um mich herum vergessen, mich bestmöglich vorbereiten auf die Wettkämpfe.“

Steht ein Ultra-Lauf an, sei ein fester Rhythmus im Vorfeld wichtig, betont Krempchen. „Bedeutend ist immer die vorletzte Nacht vor dem Start – da muss ich gut und viel schlafen.“ Unruhig und kurz sei dann meist die Nacht direkt vor dem Wettkampf: „Ultra-Läufe starten sehr früh, meist gegen sechs Uhr“, erzählt er. „Dann stehe ich gegen drei Uhr auf, um vier gibt’s Frühstück.“ Ein bisschen Müsli, Brote – nichts Besonderes. „Da darf man nicht den Fehler machen und irgendwas essen, was der Körper gar nicht kennt – sonst hat man während des Laufs ganz sicher keinen Spaß.“

Am Start sei dann alles meist sehr entspannt. Ein Schwätzchen hier, ein Hallo da – man kennt sich unter Ultra-Läufern. „Ist ein übersichtlicher Kreis“, sagt der gelernte Installateur für Sanitär- und Heizungstechnik, der heute in Orscholz eine eigene Lauf- und Trailschule betreibt.

Damit sich bei den kilometerlangen Rennen kein Läufer verirrt, gibt’s vom Veranstalter den Streckenverlauf auf die GPS-gestützten Uhren. „Außerdem hängen alle paar hundert Meter auf der Strecke Fähnchen, an denen man sich orientieren kann“, berichtet Krempchen. „Verlaufen kann man sich aber trotzdem immer mal wieder“, sagt er und beginnt zu lachen.

Was eigentlich sagen seine Knochen und Gelenke zu diesen Strapazen – keine Schmerzen? „Klar, es zwickt schon mal hier und da. Aber durch regelmäßige Kraft- und Stabilisationsübungen fühle ich mich rundum fit.“

Wenn das so bleibt, kann er Anfang Juni bei seinem nächsten großen Projekt an den Start gehen: den Trailrun-World-Masters im österreichischen Saalbach. Auf dem Programm stehen: freitags ein Zehner, samstags ein 45er und sonntags ein 20er. Alles Trails, alle mit vielen Höhenmetern, alle Zeiten werden addiert. „Hier wird das Entscheidende sein, dass der Körper schnell genug regeneriert – ich bin gespannt.“

Eine Frage, die muss zum Abschluss noch erlaubt sein. Mal ehrlich: Mal 70 Kilometer, mal 105, mal 50 – laufen, laufen, laufen: Ist das eigentlich eine Sucht? „Nein, nein“, sagt Markus Krempchen kopfschüttelnd, „früher schon, aber mittlerweile nicht mehr. Vor ein paar Jahren musste ich laufen, jeden Tag. Wenn’s heute stürmt, regnet oder schneit, sage ich Nein – dann bleibe ich lieber drin.“