Strahlengefahr bei Turnern „kein Thema“

Strahlengefahr bei Turnern „kein Thema“

Noch vor Wochen wurde protestiert oder zumindest hinter vorgehaltener Hand gemosert. Jetzt sind mögliche Negativ-Wirkungen der Reaktor-Katastrophe von Fukushima im deutschen Turn-Team offiziell tabu.

„Dies ist für unsere Mannschaft kein Thema mehr. Wir wollen zu Olympia und wollen uns nicht durch irgendwelche Gedanken ablenken lassen“, sagte Mehrkampf-Europameister Philipp Boy aus Cottbus. Gemeinsam mit seinen Gefährten trainiert er seit einer Woche im modernen National Training Center (NTC) von Tokio intensiv für die Welt-Titelkämpfe, die am 7. Oktober mit der Qualifikation der Frauen starten. „Ich gehe aber definitiv nur selten auf die Straße, weil uns unsere Fachleute das so geraten haben. In der Halle oder im Hotel soll die Strahlenbelastung echt geringer sein als auf der Straße“, fügte der Lausitzer hinzu.

Schon immer ein Befürworter der Austragung der WM in Tokio trotz aller Zweifel war Fabian Hambüchen. Schon im Mai hatte er mit einem Geiger-Zähler in der Hand die japanische Hauptstadt aufgesucht und danach via Bildschirm an alle Kollegen „Entwarnung“ gegeben. „Ich habe damit meinen Freunden und Sportkameraden in Japan volle Unterstützung nach ihren schweren Stunden signalisiert“, sagte er zum Grund seines überraschenden Besuches.

Doch auch bei ihm bleibt die Sorge um ein Restrisiko. „Jetzt hoffe ich nur, keine weitere Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Taifune passieren. In den vergangenen Wochen wurde das alles sehr dramatisiert in der Presse. Ich kann nur hoffen, dass mit dem AKW Fukushima nicht noch etwas Unvorhergesehenes passiert“, meinte Hambüchen vor dem Abflug nach Japan, wo er sich seit vielen Jahren wohlfühlt und jährlich Trainingsgast in Tokio ist.

„Natürlich ist das Bauch-Grummeln weiter da“, räumte Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), ein. Aber da das Auswärtige Amt und andere Organisationen längst alle Reisewarnungen aufgehoben hätten, gebe es überhaupt keinen Grund, Zweifel anzumelden. „Wir gehen davon aus, dass in Tokio absolut keine Gefahr für unsere Sportler besteht“, bestätigte er.

Viel mehr Ärger über die Protesthaltung von Turnern gab es in anderen Verbänden. Die Ungarin Tünde Csillag zog sich die Wut der Verbandsgewaltigen um Präsident Zoltan Magyar zu, als sie wegen ihrer Bedenken aufgrund nuklearer Gefahren den Start in Tokio absagte. Als „Verrat an der Nationalmannschaft“, bezeichnete dies Ex-Weltmeister Magyar. „Ich bin besorgt über die Lage in Japan und deshalb nicht dem Rat meiner Trainer gefolgt“, begründete die Ungarin ihren Boykott und nahm auch das gegen sie eingeleitete Disziplinarverfahren in Kauf.

Einen Maulkorb erhielten die russischen Turner, die zu den heftigste Kritikern der WM-Austragung in Tokio zählten. Öffentliche Statements wurden ihnen von ihrer Verbandsführung untersagt, nachdem der Weltturnverband FIG im Juli endgültig pro Tokio entschieden hatte. Dabei hatten selbst Prominente wie Cheftrainerin Walentina Rodionenko offen Position gegen die Austragung in Japans Hauptstadt bezogen. Der österreichische Verband ließ sich von Athleten mit Unterschrift bestätigen, dass sie juristisch keinerlei Konsequenzen gegen den Verband geltend machen, falls sie in Tokio starten sollten und eventuell Schäden davontrügen.

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