Der Star und das Sternchen "Wir würden gerne wiederkommen"

Timo Bolls Rekordjagd war nicht erfolgreich. Bei den deutschen Tischtennis-Meisterschaften in der Arena Trier hat er seinen zehnten Einzel-Titel verpasst — und damit auch die alleinige Führung in der ewigen Bestenliste. Bei den Frauen spielten sich drei Tischtennis-Küken in den Vordergrund. Eine zwiespältige Bilanz haben die Organisatoren der Tischtennis-Meisterschaften gezogen. Logistisch lief alles nach Plan, die Zuschauerzahl blieb hinter den Erwartungen zurück.

Trier. Fünfter Satz, es steht 1:1. Die Herren-Finalisten Timo Boll und Christian Süß liefern sich gerade ein atemberaubendes Topspin-Duell, bis ein Netzroller Süß den nächsten Punkt beschert. Die Arena tobt. Glück für Süß, Pech für Boll.

Doch Süß muss an diesem Tag das Glück nicht überstrapazieren, um dem Top-Favoriten gehörig in die Suppe zu spucken. Der Ahlener, Zweiter der deutschen Rangliste, besiegt Boll mit 4:3 Sätzen. Der Weltranglisten-Vierte verpasst damit seinen zehnten Einzel-Titel. "Schade, ich hätte gerne gewonnen und mir ein vorgezogenes Geschenk zu meinem Geburtstag am Montag gemacht. Aber ich gönne es auch Christian." Boll und Süß sind Teamkollegen bei Borussia Düsseldorf, beide sind im Doppel amtierende Europameister.

Boll hatte zuletzt wegen muskulärer Probleme und einer Weisheitszahn-Operation zweieinhalb Wochen pausieren müssen. "Ich hatte darauf spekuliert, dass sich sein Trainingsrückstand bemerkbar macht. Dennoch ist mein Erfolg etwas überraschend, wenngleich ich während des gesamten Turniers sehr konzentriert war", sagte Süß, der erstmals deutscher Einzelmeister wurde. Für Boll, Süß und die anderen deutschen Nationalspieler geht es heute um 13.50 Uhr von Frankfurt aus nach Katar ins Trainingslager zur Vorbereitung auf die Mannschafts-Weltmeisterschaft Ende Mai in Moskau.

Die Zuschauer in der Arena kamen am gestrigen Finaltag voll auf ihre Kosten. Nicht nur das Herren-Finale, auch die anderen Endspiele gingen über sieben Sätze. Einen versöhnlichen Abschluss im Herren-Doppel gab es für die beiden nach ihrem vorzeitigen Aus im Einzel enttäuschten Patrick Baum (TTC Grenzau) und Dimitrij Ovtcharov (Royal Charleroi). Sie gewannen gegen das Duo Lars Hielscher/Bastian Steger.

Neben Boll war Petrissa Solja in Trier der Liebling der Fans. Das 15-jährige Tischtennis-Küken schaffte es im Damen-Einzel bis ins Finale. Dort war gegen Kristin Silbereisen Endstation — auch die 24-Jährige vom TV Busenbach gewann ihre erste Einzel-Meisterschaft. "Vor zwei Wochen hatte ich noch eine schwere Kehlkopfentzündung. Am Einspieltag war gar nicht klar, ob ich überhaupt antreten kann. Umso stolzer bin ich, ins Finale gekommen zu sein", sagte Solja, die in drei Tagen 16 Jahre alt wird und in der Bundesliga für den TTSV Saarlouis-Fraulautern spielt. Die Silbermedaille ist nach zahlreichen Titeln im Jugendbereich ihr erster Erfolg bei den Damen.

Auch im Frauen-Doppel sorgte der Nachwuchs für Furore. Kathrin Mühlbach (18 Jahre, Dippoldiswalde) und Sabine Winter (17, Bad Soden) gewannen überraschend den Titel. Im Finale schlugen sie das hochfavorisierte Duo Elke Schall/Wu Jiaduo. Bundestrainer Richard Prause stellte begeistert fest: "Die Gesamt-Offensive im Frauenbereich beginnt erste Früchte zu tragen." Trier. (bl) Tischtennis und die Arena Trier — ist das eine Liasion mit Zukunft? Nach den deutschen Meisterschaften in Trier kann diese Frage nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantwortet werden. "Die Halle ist sehr schön. Wir würden gerne mit einer Großveranstaltung wiederkommen, auch wenn es derzeit keine konkreten Planungen dazu gibt", sagte Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Tischtennis-Bunds, am Rande der Wettbewerbe in einer ersten Bilanz.

Organisatorisch lief nach Aussage von Turnierleiter Franz Homscheid im Zusammenspiel zwischen den Arena-Mitarbeitern und dem rund 100-köpfigen Helfer-Team des ausrichtenden Tischtennisverbands Rheinland (TTVR) alles rund. Auch die Rückmeldungen der Spieler seien gut, betonte Weickert.

Nicht zufrieden stimmt die Macher dagegen die Zuschauerresonanz. Insgesamt kamen rund 3500 Besucher an den drei Tagen (Freitag bis Sonntag) in die Arena, am Finaltag waren es rund 2000. Gehofft hatten die Organisatoren auf insgesamt 5000 Fans.

"Am Samstag hat uns sicher das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht", sagte Dieter Angst, Präsident des TTVR. Die Schneefälle in der Nacht zum Samstag hätten rund 700 bis 800 Besucher gekostet. Zudem habe man mit mehr Besuchern aus Gebieten außerhalb der Region Trier gehofft - etwa aus dem Saarland oder dem Westerwald. Weikert: "Wir müssen die Gründe genau analysieren." Davon dürfte abhängen, ob und wann es mal wieder Spitzen-Tischtennis in der Arena zu sehen gibt.

Hintergrund

Zufriedene Lokalmatadorin: Zwei Siege, drei Niederlagen - so lautet die Gesamt-Bilanz von Anja Schuh aus Schillingen (Kreis Trier-Saarburg) bei den deutschen Meisterschaften. Das 15-jährige Talent erreichte mit ihrer Spielpartnerin Yuko Imamura (Uentrop) am Samstag das Achtelfinale im Damen-Doppel. Dort war gegen die Paarung Michajlova/Guo Schluss (1:3 Sätze). Am Freitag hatte Schuh erwartungsgemäß die Qualifikation fürs Einzel-Hauptfeld verpasst. "Die Meisterschaften waren ein tolles Erlebnis für mich. Ich habe viele Erfahrung sammeln können", sagte Schuh. Ihre Trainerin, Ex-Weltklassespielerin Jie Schöpp, zeigte sich mit der Leistung ihres Schützlings in Trier einverstanden: "Es war von vorneherein klar, dass Anja keine Chance hatte, im Einzel das Hauptfeld zu erreichen. Ich hoffe, dass sie viel gelernt hat. Dann haben wir unser Ziel erreicht." (bl)

Ergebnisse

Herren-Einzel: Halbfinale: Timo Boll - Steffen Mengel 4:0; Christian Süß - Dimitrij Ovtcharov 4:2; Finale: Süß - Boll 4:3 (11:5, 11:8, 2:11, 11:5, 6:11, 9:11, 11:7) Damen-Einzel: Halbfinale: Petrissa Solja - Pengpeng Guo 4:2; Kristin Silbereisen - Wu Jiaduo 4:2; Finale: Silbereisen - Solja 4:3 (14:16, 11:6, 3:11, 11:9, 9:11, 11:7, 11:7) Herren-Doppel: Halbfinale: Lars Hielscher/Bastian Steger - Nico Christ/Lennart Wehking 4:0; Dimitrij Ovtcharov/Patrick Baum - J. Schlichter/A. Flemming 4:2; Finale: Ovtcharov/Baum - Hielscher/Steger 4:3 (15:13, 9:11, 11:9, 10:12, 6:11, 12:10, 11:6) Damen-Doppel: Halbfinale: Wu Jiaduo/Elke Schall - Laura Robertson/Jessica Göbel 4:1; Kathrin Mühlbach/Sabine Winter - Zhenqi Barthel/Kristin Silbereisen 4:3; Finale: Mühlbach/Winter - Wu Jiaduo/Schall 4:3 (11:8, 10:12, 17:15, 4:11, 15:17, 11:9, 11:3)

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort