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Turner Traum: Anführer der „Boy“-Group werden

Turner Traum: Anführer der „Boy“-Group werden

Stets galt er als der Kronprinz hinter König Hambüchen - plötzlich ist er der neue Schwerstarbeiter im deutschen Turn-Team. Drei Sechskämpfe, 18 Geräte, hat Philipp Boy bei den Weltmeisterschaften von Rotterdam in sechs Tagen zu „bezwingen“.

Dazu kommt als Krönung obendrauf am 24. Oktober noch das Reckfinale gegen den großen Fabian. „Das ist so obergeil. Ich spüre das Adrenalin. Jetzt will ich alles aus mir herausholen“, bekundete der 23-jährige Cottbuser, nachdem ihm an den sechs Geräten mit Platz zwei hinter dem überragenden Titelverteidiger Kohei Uchimura im Vorkampf bereits ein Meisterstück gelungen war. Eine Medaille gibt es dafür jedoch nicht.

Dreimal stand der gelenkige Bundeswehr-Sportsoldat bisher in einem Allround-Finale: Als 18. in Stuttgart 2007 - da wurde Hambüchen WM-Zweiter. Als 13. in Peking 2008 - da belegte Hambüchen bei Olympia Rang sieben. Und als 4. in Mailand 2009 - da gewann Hambüchen als erster Deutscher sogar die Mehrkampf-Krone in Europa.

Der lange Schatten des überragenden deutschen Vorturners hat also Philipp Boy geprägt, zumal sie beide einem Jahrgang entstammen. Durch sein Handicap mit der entzündeten Achillessehne musste Hambüchen nun in Rotterdam schweren Herzens den Mehrkampf absagen - und Boy will die Lücke ausfüllen. „Ich fühle mich körperlich so fit wie nie. Ich bin viel freier im Kopf und kann deshalb den Mehrkampf besser abspulen“, meinte Boy, der dem Kampf um die Krone gegen Hambüchen nie aufgibt und unbedingt auch mal die „Boy“-Group der deutschen Elite-Turner anführen möchte.

„Keiner will gern Zweiter werden“, begründete Boy und verzichtete auch nicht auf die eine oder andere Spitze gegen Hambüchen. „Wenn sich alle bei den Händchen fassen und im Kreis tanzen, wäre das schön. Aber wenn alle dafür nur mittelmäßig wären, hätten wir nichts gewonnen“, ist Cheftrainer Andreas Hirsch aber nicht böse über die Rivalitäten.

Von einer Medaille am 22. Oktober möchte Boy nicht reden, ganz dicht liegt das Feld zusammen. „Ich will mein Zeug durchturnen, dann kommt alles andere von ganz allein“, gibt er fast eine Wendung von Hirsch wieder. Einige Reserven offenbarte auch der Vorkampf, wo er den Abgang am Pausenpferd vermasselte und sich auch am Boden und Sprung Standfehler leistete. Dennoch will er erst recht keine Kampfansage an den Japaner Uchimura richten. „Der turnt in einer einer anderen Liga. Das wäre vermessen.“

Zwar blieb Boy in diesem Sommer erstmals verletzungsfrei, doch macht sich das harte Training für die WM inzwischen mit Knie- und Rückenschmerzen bemerkbar. Doch ein Nachlassen gibt es jetzt für ihn nicht. „Das hier ist der wichtigste Wettkampf des Jahres, da lasse ich nicht nach. Zum Ausruhen habe ich danach wieder mehr Zeit.“

Und so war es für Philipp Boy auch keine Überlegung wert, als Hirsch vor dem Team-Finale meinte, das Beste wäre, wenn er nochmals alle sechs Geräte turnen könnte. „Ich mache es“, sprudelte es aus ihm heraus. „Ich bin so gut drauf und optimistisch, dass mein Körper auch drei Sechskämpfe ohne Leistungsverlust durchhalten wird“, meinte der Lausitzer und stellte sich in den Dienst des Teams. „Wer etwas besonderes will, muss auch etwas besonderes leisten“, begründete Hirsch. Sein Musterschüler hat die Worte verstanden.