Wer Taekwondo im Postsportverein Trier trainiert, kann von Deutschen Meistern lernen

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Seit 1986 gibt es die Taekwondo-Sparte im Trierer Postsportverein. Wer dort trainiert, kann von Deutschen Meistern lernen.

Als Sabrina Pütz 2011 für das Studium der Erziehungswissenschaften nach Trier zog, wäre ihre Taekwondo-Karriere beinahe zu Ende gewesen, bevor sie erneut große Erfolge feiern konnte. Die Luft war irgendwie raus, die Interessen hatten sich geändert. Wie es oft so ist in einer neuen Lebensphase. Pütz (28) hat bereits früh im Rampenlicht gestanden. Mit 14 Jahren ist sie Mitglied im Landeskader für Formenlauf (eine feste Choreographie) in der Nordrhein-Westfälischen Taekwondo Union und gewinnt im Teamlauf die Deutsche Meisterschaft. Ein Jahr drauf, 2006, gewinnt sie die Meisterschaft sowohl im Team als auch im Einzel.

Ganz hört Pütz dann aber in Trier doch nicht auf. Gemeinsam mit ihrem Freund Lars Bäthke (27), der ebenfalls Taekwondo-Sportler ist und wie sie aus Schleiden in der Eifel kommt, findet sie ihren Weg zum Postsportverein. Der Trainer der Taekwondo-Sektion dort sucht gerade einen Nachfolger, doch das ist viel Verantwortung. Pütz ist froh, dass noch ein Dritter dazukommt. Der Architekt Torsten Berweiler (41) kehrt 2012 nach Trier zurück. Er hatte schon früher den Verein geleitet. Mit Berweiler an der Spitze übernehmen die drei Schwarzgurtträger die Vereinsleitung. Sie ergänzen sich gut. Berweiler (4. Dan) hat als Trainer seinen Fokus auf Grundtechniken und Selbstverteidigung, Pütz (2. Dan) auf Formenlauf und Bäthke (1. Dan, Sieger Bundesranglistenturnier 2018) auf Wettkampf. Sie trainieren rund 120 Mitglieder zwischen sieben und 52 Jahren, mehr als die Hälfte davon Kinder.

2013 stößt Jessica Rau zum Verein, die wie Pütz und Bäthke ebenfalls aus Schleiden kommt und dort im Verein trainiert hat. Gemeinsam sollen Pütz und Rau große sportliche Erfolge feiern, doch bis es dazu kommt, dauert es noch eine Weile. 2014 im Alter von 24 Jahren verliert Pütz plötzlich ihre Mutter. Sie braucht etwas, um das zu verarbeiten, und findet es im Taekwondo. „Ich habe Zuflucht im Sport gefunden“, sagt sie. Im selben Jahr tritt sie bei einem Formen-Turnier an. „Ich war so aufgeregt. Als ob ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Matte stehe.“ Pütz wird Dritte, aber ärgert sich auch, dass sie nicht besser war. „Es hat mich angespornt weiterzumachen.“ Als sie jünger war, wollte sie immer die Beste sein. „Ich mochte es nicht, wenn jemand vor mir war. Ich war nie zufrieden mit meiner Leistung. Das hat sich gelegt. Ich muss nicht anderen gefallen, sondern mit meiner Leistung zufrieden sein. Aber wenn ich etwas will, zerreiße ich mich dafür.“ Auf der Landesmeisterschaft Formenlauf Rheinland-Pfalz wird Pütz 2015 Zweite. Sie wird in den Landeskader aufgenommen. Bei der Deutschen Meisterschaft erreicht sie im selben Jahr den achten Platz. Bei der Deutschen Hochschulmeisterschaft den dritten. Dann kommt ein Turnier, das sie aus der Bahn wirft.

2016 tritt Pütz als Mitglied des Landeskaders bei einem Bundesranglisten-Turnier an. Die Punkte, die man dort sammelt, sind wichtig für die Deutsche Rangliste. Im ersten Durchgang muss Pütz eine Form laufen, die sie nicht mag: Kumgang. Ihre „Angstform“. Untypisch für Taekwondo ist diese Form sehr langsam mit vielen Techniken in Zeitlupe auf einem Bein stehend. Vor den Augen des Punktrichters. Pütz stolpert. Erreicht den 24. von 30 Plätzen. Als wäre es nicht schlimm genug, verspotten zwei andere Sportlerinnen sie auch noch. Noch im selben Jahr reißt sie sich einen Teil einer Sehne und fällt ein halbes Jahr aus. „Leistungssport ist Druck. Wenn du oben bist, kommen alle an, aber wenn du scheiterst, wirst du schnell abserviert. Der Weg wieder von unten nach oben ist sehr schwer.“ Damit kennt sich ihre Sportkollegin Jessica Rau aus.

Die Eltern von Jessica Rau (25) fanden es immer gut, wenn Mädchen sich verteidigen können. Mit sechs Jahren beginnt sie mit dem Taekwondo-Training und verlässt die Halle immer seltener. Auch heute trainiert sie praktisch jeden Tag. 15 Stunden in der Woche. Als Teenagerin nimmt sie zuerst an Wettkämpfen teil, doch das Asthma, an dem sie damals leidet, macht es schwierig. Mit 16 nimmt sie an ersten Formenlauf-Wettkämpfen teil. Schnell wird sie Landesmeisterin, 2011 nimmt der Landeskader Nordrhein-Westfalen sie auf.  In den Jahren darauf räumt sie ziemlich viel ab. Gewinnt Medaillen für Freestyle-Formenlauf bei der Deutschen Hochschulmeisterschaft und auf internationalen Turnieren.

2015 gewinnt Rau mit ihrem Freestyle-Team die Deutsche Meisterschaft und die  Europameisterschaft. Der Bundeskader nimmt sie auf. Im Jahr darauf tritt sie bei der Weltmeisterschaft an. Das Team verpasst einen Podiumsplatz. Es kommt zu Differenzen im Team. Rau verlässt es. „Das war unfassbar schwierig. Ich war wütend und motiviert gleichzeitig.“ Sie sagt sich: „Jetzt trainiere ich erst recht.“ Nun finden Rau und Pütz in Trier zusammen. Von Lehrgängen kennen sie Jana Abt (21), die in Mainz Jura studiert, und tun sich mit ihr zusammen.

2013 wurde Abt Deutsche Meisterin im Formen-Einzel, bei der Europameisterschaft in Spanien 2013 Dritte und bei der Weltmeisterschaft 2014 in Mexiko Fünfte. Im Jahr darauf wird sie volljährig und wechselt in die Seniorklasse. Plötzlich läuft es nicht mehr ganz so gut. Bei den Austrian Open wird sie 2016 beste Deutsche, „aber das hat keinen mehr interessiert“, sagt Abt.

Im Team finden Pütz, Abt und Rau zusammen. Sie harmonieren perfekt miteinander, sind auf einer Wellenlänge. Obendrein haben sie alle eine ähnliche Erscheinung. Das macht sich gut im Synchron-Formenlauf, wo die Präsentation mehr zählt als die nackte Technik, also zum Beispiel der Rhythmus, der Krafteinsatz und der ganze Eindruck.

Sie trainieren jeden Tag einzeln und treffen sich mehrmals die Woche in Trier, Kaiserslautern, wo Abt trainiert, in Mainz oder in der Eifel, wo Rau neben ihrem Master für die Caritas arbeitet. Viel Fahrerei, aber es zahlt sich aus. Ihr erstes gemeinsames Turnier ist das Bundesranglisten-Turnier 2017. Wieder steht die Form an, die Pütz nicht mag.

„Da ist etwas Interessantes mit mir passiert, das Team hat mir Sicherheit gegeben.“ Sie werden Zweite und trainieren noch härter. Im gleichen Jahr gewinnen sie die Deutsche Meisterschaft. „2018 haben wir dann praktisch alles gewonnen“, sagt Pütz. Die British Open, ein Bundesranglistenturnier, die Deutsche Meisterschaft. Auch dieses Jahr hat das Trio mit den German Open bereits ein Turnier gewonnen.

Cheftrainer in Trier, Torsten Berweiler, ist nicht überrascht über die Erfolge des Trios. „Ich weiß, wie viel die trainieren und wie perfektionistisch sie sind. Überall, wo sie Zeit finden, trainieren sie.“ Berweiler ist wichtig, nicht nur den Leistungssportler, sondern auch den Breitensportler zu fördern, der sich auf Gürtelprüfungen konzentriert. „Als Trainer versuche ich, Taekwondo ganzheitlich zu vermitteln.“ Viel brauche es nicht, um mit Taekwondo zu beginnen, sagt Berweiler. Eine Grundfitness, eine gute Auffassungsgabe und Koordinationsfähigkeit. „Den Rest kann man trainieren.“

Wo Taekwondo herkommt und weitere Informationen zu dem Thema gibt es hier in einem weiteren Artikel.

Die Deutschen Meisterinnen Sabrina Pütz (Foto oben, links) und Jessica Rau (rechts daneben) kommen beide aus der Eifel. Das Trainerteam des PST Taekwondo (Gruppenbild von links): Torsten Berweiler, Sabrina Pütz, Jessica Rau und Lars Bäthke.  Bei der Deutschen Meisterschaft 2018 gewinnen Jessica Rau, Jana Abt und Sabrina Pütz (Bild unten rechts, von links) den ersten Platz im Synchron-Formenlauf. Foto: Jan Söfjer/Maximilian Golla
Foto: Jan Söfjer

Transparenz-Hinweis: Der Autor dieses Textes ist Mitglied im PST Taekwondo.

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