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Sport
Vier Loopings, vier Tore, eine Legende

Edgar Schmitt feierte heute vor 25 Jahren eine magische Nacht mit dem Karlsruher SC: Der Eifeler erzielte beim legendären 7:0 im Uefa-Pokal gegen den FC Valencia vier Tore.
Edgar Schmitt feierte heute vor 25 Jahren eine magische Nacht mit dem Karlsruher SC: Der Eifeler erzielte beim legendären 7:0 im Uefa-Pokal gegen den FC Valencia vier Tore. FOTO: C3343 Sungu Camay
Trier/Karlsruhe. Heute vor 25 Jahren: Karlsruhe erlebt eine magische Nacht, das „Wunder vom Wildpark“. Das 7:0 gegen den spanischen Tabellenführer FC Valencia zählt zu den ganz großen Spielen der Fußball-Historie. Der Eifeler Edgar Schmitt erinnert sich im TV an die Geburt von  „Euro-Eddy“. Von Andreas Feichtner
Andreas Feichtner

Wenn die große Boulevard-Zeitung in fettesten Lettern Spitznamen verpasst, muss das nicht immer schmeichelhaft sein. Nicht karriereförderlich, vielleicht schädlich – manchmal auch nur irritierend. Etwa vor 25 Jahren und vier Tagen: Winnie Schäfer, Trainer beim Karlsruher SC, sieht beim Blick in die Zeitung einen Schrotthaufen, der wohl mal ein Seat Toledo war. Bevor es den Wagen von der Autobahn bei Freisen in den Graben schoss, bei hohem Tempo. Am Steuer: „Looping-Schmitt“, wie der Titel verspricht, Schäfers Torjäger beim KSC. Edgar Schmitt informiert nach der Flugnummer samt vierfachem Überschlag gleich pflichtschuldig seinen Coach: „Trainer, ich hatte einen kleinen Unfall, bin in einen Graben gerutscht. Komme ein bisschen später“ - „Alles klar, kann passieren“.

Eine zarte Untertreibung. „Als Winnie dann den riesengroßen Bericht in der Bild-Zeitung sah, meinte er nur zu mir: ‚Schmitt, sind Sie bekloppt? Ein bisschen in den Graben gerutscht?’“ Daran erinnert sich Edgar Schmitt im Telefonat mit dem TV noch bestens. Er hatte viel Glück, das weiß er. Nur ein „Ganzkörperkrampf am nächsten Tag“.  Nichts Bleibendes. Dem Rückspiel im Uefa-Cup gegen den FC Valencia steht nichts im Weg. „Und der Unfall hatte mit dem Spiel nichts zu tun“, sagt Edgar Schmitt. „Der war schnell aus den Kleidern.“ Aber er ist der Auftakt einer irren Woche für ihn, zwischen Glück und Wahnsinn. „Looping-Schmitt“ nennt ihn längst keiner mehr. Heute vor 25 Jahren hat sich der Südeifeler einen Spitznamen erarbeitet, der sich gehalten hat, der ein Markenzeichen wurde. Euro-Eddy! Der Abend, an dem aus einem „ganz normalen Bundesliga-Fußballer“ (O-Ton Schmitt) eine große Nummer wurde. „Es gibt viele Nationalspieler, die man heute gar nicht mehr kennt. Ich werde aber immer noch überall erkannt, das ist unglaublich“, sagt er. „Und darauf bin ich schon stolz.“

Der 2. November 1993, nüchtern gesehen: Edgar Schmitt schießt im Uefa-Pokal-Rückspiel gegen den spanischen Tabellenführer FC Valencia vier Tore. 1:0, 2:0, 5:0, 6:0. Das Hinspiel hatte Valencia 3:1 gewonnen. Auch dort hatte Schmitt für den KSC getroffen. Am Ende gewinnt Karlsruhe mit 7:0. Für die Badener ist später erst im Halbfinale des Europapokals Schluss. Schmitt ist mit acht Treffern bester Torschütze des Wettbewerbs. „Gemeinsam mit Dennis Bergkamp“, sagt Schmitt. Der hatte mit dem Cupsieger Inter Mailand aber zwei Spiele mehr bestritten. Zum Vergleich: Bergkamp war damals einer der teuersten Spieler der Welt. Während Schmitt gut zwei Jahre zuvor – als 28-Jähriger – noch für Eintracht Trier in der Oberliga gespielt hatte. Erst mit 29 Jahren stand er zum ersten Mal in der Bundesliga in einer Startelf.

Der 2. November 1993, euphorischer: Sat1-Live-Kommentator Jörg Dahlmann ist etwas aufgekratzt nach Schmitts Tor zum 6:0 „Eine Sternstunde im Europapokal … Edgar Schmitt! Das ist nicht möglich, es ist unfassbar, unglaublich, ich raff’s nicht, ich werd’ wahnsinnig hier! Wie schön kann Fußball sein, wie schön kann Europapokal sein.“ Das ist auch der Moment, in dem der Stürmer auf dem Platz realisiert, dass gerade Fußballgeschichte geschrieben wird. „Auf dem Platz machst du ja erst mal deinen Job. Erst nach dem 6:0 konnte ich mich mal umschauen. Da habe ich die unglaubliche Stimmung wahrgenommen. Wie sich wildfremde Menschen in den Armen lagen, das war unglaublich“, erinnert er sich an das, was als „Wunder vom Wildpark“ in die Annalen einging. „Die Leute wollten nach dem Schlusspfiff gar nicht heim. Sie feierten alle noch eine Stunde weiter. Das war ein Spiel, das Menschen durchdrehen ließ. Ein Spiel, das Sehnsüchte erfüllte. Im modernen Fußball erlebe ich das nicht mehr so.“ Es ist das alte Klischee-Ding: Dass man es packen kann, wenn man nur fest daran glaubt, hart genug arbeitet. Schmitt mag’s in diesem Fall martialisch. „Das Spiel war – wie alle großen Schlachten – nicht von taktischen Manövern geprägt. Es war ein archaischer Kampf.“ Mit dieser Einstellung auf dem Platz hatte es Schmitt, der seit Jahren im schwäbischen Aalen lebt („abgelegen, mit Familie, Hunden und Pferden“), auch zu einem anderen Spitznamen gebracht: „Der Stier von Dudeldorf“. Am Tiernamen stört er sich nicht. „Aber ich bin aus Rittersdorf!“

Es war ein Abend, der seine Karriere veränderte. Lange nach dem Spiel saß er mit Rainer Schütterle im Whirlpool, trank ein Bier – während die Presse wartete. „Ich bin dann raus, mache die Tür zum Presseraum auf, sehe zehn Kamerateams und 50 Journalisten und denke mir, was ist denn hier los?“, erinnert er sich. Damals wusste er noch nicht, dass dieses Spiel noch Jahrzehnte später immer wieder Thema sein würde – nicht nur, weil es für den stolzen FC Valencia bis heute die größte Schmach ist. „Das habe ich erst später begriffen, als der Hype tagelang anhielt.“ Um den KSC – und seinen Euro-Eddy.

Edgar Schmitt.
Edgar Schmitt. FOTO: TV / Jürgen C. Braun