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Alexander Zverev: „Ich kann kein zweiter Boris Becker sein“ - Interview

Tennis : Tennis-Weltmeister Alexander Zverev: „Ich kann kein zweiter Boris Becker sein“

Tennis-Olympiasieger und Weltmeister Alexander Zverev äußert sich vor Beginn der Australian Open im TV-Interview über seine sportlichen Ziele, das Leben auf der ATP-Tour und wieso der gebürtige Hamburger ein eher schwieriges Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen hat.

Er hat das geschafft, was vor ihm noch keinem deutschen Tennis-Spieler gelang: keinem Boris Becker, keinem Michael Stich, niemandem. Alexander Zverev hat beim olympischen Turnier des vergangenen Jahres in Tokio die Goldmedaille gewonnen.

Olympiasieger. Diesen Titel darf der 24-Jährige als bisher einziger Vertreter dieser Sportart hierzulande für sich in Anspruch nehmen. Aber der aufschlagstarke Rechtshänder hat noch jede Menge weiterer Ziele. Nicht nur sportliche. Denn Zverev ist ein ambivalenter Mensch, ein Charakterkopf der besonderen Sorte. Ab dem kommenden Montag versucht er bei den Australian Open in Melbourne zum wiederholten Male, sein erstes Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. TV-Mitarbeiter Jürgen C. Braun traf den aktuellen Weltranglisten-Dritten am Rande der Gala „Sportler des Jahres“, wenige Tage bevor dieser auf den fünften Kontinent abreiste.

Alexander Zverer im Interview über Titel, Ziele und sein Verhältnis zu Deutschland

TV: Alexander, Sie haben schon mehrfach betont, wie wichtig dieser Titel in Tokio außerhalb des normalen Turnierlebens eines Tennisspielers für sie ist. Was war so besonders für Sie an diesem olympischen Turnier?

Alexander Zverev: Es war vor allem das Gefühl, zu einer Mannschaft zu gehören. Wir Tennisspieler ziehen im Regelfall während des ganzen Jahres von Kontinent zu Kontinent, von Turnier zu Turnier. Wir sind abgeschottet, wir leben in unserer eigenen Blase. Das ist jetzt unter Corona-Bedingungen natürlich besonders der Fall. Aber das war auch schon vorher zum großen Teil so. Wir logieren in den besten Hotels mit dem höchsten Wohlfühl-Standard. Wir sind unter uns, können uns völlig auf Tennis konzentrieren, alles andere wird uns abgenommen. In Tokio war ich einer unter Vielen. Dieses Gemeinschaftsgefühl, im olympischen Dorf untergebracht zu sein, und nicht nur für mich, sondern für Deutschland an den Start zu gehen, das war unbeschreiblich. Ich habe während dieser Zeit Kollegen und Freunde aus anderen Sportarten kennengelernt, die hätte ich im Leben nicht getroffen. Und dann das Gefühl, diese Goldmedaille als Teil der Mannschaft für das Land, in dem ich aufgewachsen bin, gewonnen zu haben: Das hat ungeahnte Emotionen ausgelöst.

TV: Sie stehen morgen früh in ihrer Wahlheimat in Monaco schon wieder auf dem Tennisplatz und trainieren. Mit welchen Zielen reisen Sie auf den fünften Kontinent?

Zverev: Ich will natürlich auch irgendwann einmal mein erstes Grand-Slam-Turnier gewinnen. Diese Chance bekommen wir viermal im Jahr. Melbourne bietet mir dazu 2022 die nächste Möglichkeit. Und dann will ich natürlich auch irgendwann einmal  die Nummer eins in der Weltrangliste sein. Dort steht zurzeit zurecht Novak Djokovic. Novak ist der beste Tennis-Spieler der Welt derzeit, daran ändert auch mein Olympiasieg nichts. Aber er ist 34, zehn Jahre älter als ich. Ich will jetzt die Nummer eins werden, wenn er noch auf seinem höchsten Level spielt. Nicht erst, wenn er aufhört oder wenn er in seinen Leistungen nachlässt.

TV: Alexander, Ihre Eltern stammen aus Russland. Sie sind gebürtiger Hamburger, dort aufgewachsen. Dennoch gilt ihr Verhältnis zu Deutschland als zwiegespalten. Was trifft daran zu, was ist vielleicht nur ein Missverständnis? Auch, weil Sie den größten Teil des Jahres auf der ATP-Tour weltweit von Turnier zu Turnier tingeln?

Zverev: Mitunter habe ich das Gefühl, dass meine Erfolge, auch wenn der Grand-Slam-Titel noch fehlt, in Deutschland nicht so richtig wahrgenommen werden. Als ich den Masters-Titel in Madrid gewonnen hatte, was nach Olympia einer meiner größten Erfolge war, kam anschließend in der Pressekonferenz nicht eine einzige Frage auf Deutsch. Das hat mich schon sehr irritiert. Offenbar interessiert es die Deutschen nicht wirklich.

TV: Woran kann so etwas liegen? An Ihrer Sportart Tennis bestimmt nicht. Boris Becker und Steffi Graf haben die Deutschen geliebt und vergöttert. Was ist bei Ihnen anders?

Zverev: Es ist sicher auch eine Frage der Zeit, in der sich alles abgespielt hat. Boris und Steffi haben damals in den 1980er Jahren einen Boom ausgelöst. Beide wurden urplötzlich zu Helden, weil keiner mit so etwas gerechnet hatte. Tennis stand auf einmal für eine kurze Zeit auf einer Stufe mit Fußball. Ich habe natürlich auch noch nicht die ganz großen Erfolge aufzuweisen. Boris wurde durch seinen ersten Wimbledon-Sieg mit 17 Jahren zur Legende. Da kann man nicht erwarten, dass sich so ein Hype in der Öffentlichkeit auch nur annähernd  wiederholt.

TV: Beschreiben Sie doch bitte einmal ihr persönliches  Verhältnis zu Deutschland?

Zverev: Ich wohne zwar seit ein paar Jahren in Monte Carlo, aber ich bin in Deutschland groß geworden. Ich mag Hamburg, mag die Stadt und auch die Menschen, die dort leben. Und es ist nicht so, dass mich nicht interessiert, was in Deutschland los ist, wenn ich unterwegs bin. Die Deutschen sind in vielen Dingen schon sehr speziell. Das merkt man um so mehr, wenn man ständig unterwegs ist. Aber ich schätze auch viele Verhaltensweisen, die man sonst nirgendwo oder zumindest nicht so stark ausgeprägt vorfindet. Unsere Kultur, auch unscheinbare Dinge wie Pünktlichkeit oder feste Strukturen im Alltag. Letztendlich bin ich Deutscher.

TV: Viele vorschnelle Kritiker urteilen über Sie, Sie seien abgehoben. Was immer sie damit meinen. Können Sie so etwas verstehen oder beschäftigt es Sie überhaupt?

Zverev: Naja, wenn jemand meint, ich sei abgehoben, dann muss die betreffende Person ja wissen, von was ich abgehoben bin. Oder wie ich bin oder war, bevor ich abgehoben habe. Denn das würde ja bedeuten, dass ich mich zum Negativen verändert habe. Ich glaube, da maßen sich auch Leute ein Urteil an, die mich weder kennen noch mich beurteilen können. 

TV: Kann man Ihre Rolle heute in der Öffentlichkeit und die von Becker und Graf seinerzeit überhaupt miteinander vergleichen? Stellt die Öffentlichkeit da vielleicht nicht Ansprüche, die Sie oder auch jemand anders an Ihrer Stelle gar nicht erfüllen könnten?

Zverev: Vielleicht ist inzwischen ja auch eine gewisse Gleichgültigkeit oder zumindest ein größerer Abstand zu den Ereignissen eingetreten. Das muss nicht unbedingt an meiner Person liegen, das kann auch den Umständen geschuldet sein. Heute spielen auch andere Dinge in der öffentlichen Wahrnehmung eine wichtigere Rolle.

Boris und Steffi waren neu, sie waren einzigartig. Und da stürzten sich damals auch die Medien drauf, jedes Spiel von ihnen, auch im Davis-Cup oder im Fed-Cup, war ein Fernsehereignis. Dass da plötzlich eine junge Sportlerin und eine ähnlich gleichaltriger junger Mann da waren, die  sich mit diesem unbedingten Willen und diesem Kampfgeist in die Herzen spielten, das war unfassbar. Meine Eltern haben mir erzählt, dass damals ganze Familien vor dem Fernseher gesessen hätten, wenn Boris oder Steffi gespielt hatten. So was wäre heute undenkbar. Ich glaube aber auch nicht, dass irgendjemand von mir erwartet, ein zweiter Boris Becker zu sein oder zu werden. Nicht nur die Spieler, auch die Zuschauer und Fans waren damals eine andere Generation. Das will ich nicht, das kann ich auch nicht.

TV: Sie haben sich vor Kurzem von Ihrer Management-Agentur, die Roger Federer mitgründete, getrennt. Spielt das in diesem ganzen Zusammenhang auch eine Rolle?

Zverev: Ja, ganz bestimmt. Mein Bruder Mischa und mein Freund Sergej Bubka jr. kümmern sich jetzt um mein Management. Um alles, was neben dem Platz getan werden muss. Zwischen uns herrscht ein komplettes Vertrauens-Verhältnis. Ich wollte einfach alles mehr unter eigener Kontrolle haben, wissen, was abläuft. Mein Vater ist auch wieder mein hauptamtlicher Coach. Wir regeln das jetzt familienintern. Wie eine Mannschaft. Es nimmt mir viel Druck, zu wissen, dass da alles so läuft, wie ich mir das vorstelle. Gerade jetzt auch unter den Corona-Bedingungen.

TV: Sie haben Ihr mit Abstand erfolgreichstes Jahres hinter sich, sind Olympiasieger, Weltmeister und Sportler des Jahres 2021. Glauben Sie, dass ein Turniererfolg in Melbourne ihnen nicht nur mehr Respekt für die sportliche Leistung bringen würde, sondern auch etwas mehr persönliche Anteilnahme und Herzlichkeit auslösen würde?

Zverev: Der Respekt für meine Leistung ist bei den deutschen Tennisfreunden auf jeden Fall da. Alles andere kann ich nicht oder nur wenig beeinflussen. Tatsache ist jedoch, dass man an seinem Image in der Heimat nur wenig ändern kann, wenn man drei Viertel des Jahres unterwegs ist. Bei Olympia habe ich erleben dürfen, wie großartig es sich anfühlt, für sein Land einen historischen Sieg zu erringen. Was ein Grand-Slam-Erfolg bewirken würde, ist hypothetisch. Aber ich würde es gerne registrieren und mich über spontane herzliche Anteilnahme aus der Heimat sehr freuen.