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Spurensuche hinter Glas

Haben sich für die Ausstellung eingebracht: Michael Pütz (links) und Mechthild Hartmann, Stadtbibliotheks-Mitarbeiter, und VHS-Leiter Rudolf Hahn.Foto: Jutta Edinger
Haben sich für die Ausstellung eingebracht: Michael Pütz (links) und Mechthild Hartmann, Stadtbibliotheks-Mitarbeiter, und VHS-Leiter Rudolf Hahn.Foto: Jutta Edinger
TRIER. (jue) Die Ausstellung "Gesichter eines Europäers - Kurt Tucholsky in Texten und Bildern" im Atrium des Palais Walderdorff lädt dazu ein, den Literat und Publizisten Kurt Tucholsky neu zu entdecken.

"Undimmer sind da Spuren. Texte und Portraits 1890" lautet derprogrammatische Untertitel der Schau, die erst zum zweiten Mal inDeutschland zu sehen ist. Speziell für den Raum im PalaisWalderdorff hat Peter Böthig, Leiter der Tucholsky-GedenkstätteSchlossRheinsberg, die Ausstellung konzipiert. "Erst hier an Ortund Stelle haben wir zusammen aus dem reichen Fundus an Exponatenentschieden, was gezeigt werden soll", erklärt VHS-Leiter RudolfHahn. An der Fensterfront zeigen fünf Tafeln die unterschiedlichen Gesichter Tucholskys in den Lebensphasen von 1890 bis 1935. Die Exponate laden zur Spurensuche auf drei Arten ein. Zunächst zu einer durch die Zeit geprägten: Tucholskys Leben erstreckt sich vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zum Nazi-Deutschland. Fotografien zeigen die Kindertage im wilhelminischen Deutschland. Mit 17 Jahren Tucholskys erste Veröffentlichung, mit 25 die Promotionsschrift in Jura. Mit 30 dann der Mitgliedsausweis der USPD.

Programme von Tucholsky-Rezitations-Abenden oder -Lesungen lassen die 20er Jahre in Berlin lebendig werden. Ein Plakat vom August 1933 zeigt schließlich Tucholsky neben Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Alfred Kerr. Tucholsky wurde vom Nazi-Regime ausgebürgert.

Die Ausstellung zeigt zudem Spuren, die Tucholsky hinterlassen hat: Die Erstausgabe vom heiteren "Rheinsberg", dem bissigen Satire-Buch "Deutschland, Deutschland, über alles" und die spitzen Glossen in der "Weltbühne". Seine Reiseschreibmaschine veranschaulicht, dass er seit 1924 nur noch besuchsweise in Deutschland war und von Paris aus unter seinen Pseudonymen Peter Panter, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Kaspar Hauser vor gesellschaftlichen Fehlentwicklungen in der immer noch von wilheminischem Geist geprägten ersten deutschen Demokratie warnt.

Die Ausgabe der "Weltbühne" vom September 1932 enthält seinen letzten Beitrag. Danach verstummte Tucholsky. Dass der aktive Zeitkritiker seinem Leben gegenüber gleichgültig wird und ihm selbst ein Ende setzt, davon erzählen Spuren in Form von Zitaten.

Sie zeigen vor allem eines ganz deutlich: Das Leben hat deutliche Spuren bei dem Menschen Tucholsky hinterlassen. Auf bedruckten Stoff-Fahnen werden unterschiedliche "Gesichter" des Literaten aufgegriffen: der Liebhaber, der Pazifist, der Visionär eines versöhnten und vereinten Europas und schließlich der Resignierte. "Und immer sind da Spuren, und immer ist einer da gewesen, und immer ist einer noch höher geklettert als du es je gekonnt hast, noch viel höher", schreibt er.

Den eigenen Spürsinn kann der Besucher gleich im Anschluss an die Ausstellungsfläche erproben. Die Stadtbibliothek hat zusammengetragen, was sie von und über Tucholsky zum Lesen und Hören anzubieten hat. Die Ausstellung ist mehr als ein buntes Sammelsurium von Exponaten. Durch die begleitenden, erstaunlichen Texte ermuntert sie, hinter den "ausgestellten" Menschen zu blicken: Auszuloten, dass seine politische Haltung sich nicht auf die Aussage "Soldaten sind Mörder" verkürzen lässt, sein Versteckspiel mit Pseudonymen zu verstehen, seine schwierige Beziehung zu Frauen zu erkunden. Das "du" war Tucholsky bis zuletzt zu nah, er redete seine zweite Frau Mary mit "er" an. "Es war wie Glas zwischen uns" schreibt er in seinem Abschiedsbrief an Mary.

Die Ausstellung ist noch bis zum 9. April zu folgenden Zeiten zu besuchen: Montag bis Freitag von 10 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 13 Uhr.