Streiten hält jung

Streiten hält jung

Wer den Rechtsanwalt Rudolf Zimmer sprechen will, hat es in der Regel nicht einfach: "Herr Zimmer ist bei Gericht" oder "Herr Zimmer ist in einer Besprechung", sagen die freundlichen Sekretärinnen. Trotz seiner 82 Jahre ist der Jurist ein gefragter Mann.

Wer den Rechtsanwalt Rudolf Zimmer sprechen will, hat es in der Regel nicht einfach: "Herr Zimmer ist bei Gericht" oder "Herr Zimmer ist in einer Besprechung", sagen die freundlichen Sekretärinnen. Trotz seiner 82 Jahre ist der Jurist ein gefragter Mann. Und wenn man ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, würde man ihn ohne weiteres als Endsechziger oder Anfangsiebziger einschätzen. "Streiten hält jung" sagt der mitunter etwas knorzig anmutende Herr in seiner verschmitzten Art.Seine Kanzlei in der Dietrichstraße Nummer 39, direkt gegenüber vom Arbeitsgericht, ist ein unauffälliges Gebäude. Drinnen ist die Einrichtung im Stil der 60er-Jahre gehalten. Ein kahler langer Flur mit rotem Teppich und an den Türen kleine Messingschilder mit schwarzer Schrift. "Anmeldung", "Wartezimmer" und "Chefbüro". Letzteres hängt an der Tür in der Mitte des Flures. In dem großen Raum dahinter "residiert" Rudolf Zimmer an einem großen, dunklen Schreibtisch vor einer riesigen Weltkarte, auf der weiße Schnüre Punkte in der ganzen Welt mit Deutschland verbinden. "Die Karte steht für die weltumspannende Arbeit meiner Kanzlei", sagt der Herr im dunklen Anzug mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht und ergänzt nach kurzer Pause: "Die Fäden führen zu Wohnorten von Mandanten, die ich im Rahmen der Wiedergutmachung gegen die Bundesrepublik in den 60er-Jahren vertreten habe".

"Ich wollte frei sein", antwortet Zimmer auf die Frage, warum er Rechtsanwalt geworden ist. "Freiheit ist für mich die größtmögliche Unabhängigkeit, die man als Mensch in einem Gemeinwesen, unter Beachtung der gesetzlichen Regeln, haben kann." In der Auseinandersetzung mit Texten von Schiller lernte Zimmer als junger Pennäler den Begriff zum ersten Mal kennen und war begeistert: "Schiller ist für mich ein Markstein in meiner Denkweise. Er hat die Freiheit in Werken wie zum Beispiel ,Wilhelm Tell' in einer besonderen Art dargestellt." Aber aus Zimmers Streben nach Freiheit wurde zunächst nichts. Nach mehr als drei Jahren als Soldat im Zweiten Weltkrieg kam er 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Erst im Herbst 1948 kehrte er als so genannter Spätheimkehrer zurück nach Konz, wo er 1923 auch geboren worden war.

Nach dem Krieg arbeitete er bei der Bundesbahn

Unterernährung und der Alltag in Gefangenschaft hatten ihn gezeichnet und so stand ihm zunächst nicht der Kopf nach Studieren. Er begann eine Arbeit bei der Bundesbahn, die ihm der Vater - ein langjähriger Bahnbeamter - besorgt hatte. Erst 1953, im Alter von 30 Jahren, startete er mit dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Mainz. 1957 legte er das erste, 1959 das zweite Staatsexamen ab. Anschließend folgten Jahre als Assessor bei einem Trierer Rechtsanwalt und schließlich im Januar 1962 der Start in die Selbständigkeit.

In den 44 Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich viel getan in der Rechtswissenschaft, oftmals zu Ungunsten der Mandanten, wie Zimmer findet. "Immer häufiger werden Rechtsmittel beschnitten. In Zivilangelegenheiten entscheidet nicht wie früher der Rechtsuchende mit Hilfe des Anwaltes, ob Berufung eingelegt wird oder nicht, sondern das Gericht. Damit wird die Chance einer weiteren Verhandlung genommen, in der der Fall noch einmal aufgerollt würde und dabei vielleicht Tatsachen ans Licht kämen, die vorher nicht aufgefallen waren. Die Möglichkeit, dass es zur Willkür der Behörden kommt, ist größer geworden."

In seinen fast 50 Jahren als Anwalt hat er unzählige Mandanten in allen nur denkbaren Angelegenheiten vertreten, darunter auch Mörder. Was ist das für ein Gefühl, eine solche Person zu verteidigen? "Es geht darum, dass jemand, der in tiefsten Problemen steckt, jemanden haben muss, der ihm hilft. Ich möchte als Anwalt in erster Linie helfen. Wenn ich nicht von diesem Gedanken ausgehe, habe ich meinen Beruf verfehlt."

Bei seiner täglichen Arbeit kommen Rudolf Zimmer die Erfahrungen aus seiner Kriegsgefangenschaft zugute. "Ich habe so viel Niederträchtigkeit und menschliche Unzulänglichkeiten erlebt, dass es mir heute leichter fällt, Nörgler, Querulanten oder Menschen, deren Handeln scheinbar unerklärlich ist, zu verstehen. Ich kann ihnen besser helfen, ohne oftmals ihr Handeln zu tolerieren."

Der Tag beginnt für den notorischen Frühaufsteher in der Regel um 3.30 Uhr. "Ab vier bin ich im Büro", sagt er. Dafür geht's abends meistens nach der Tagesschau ins Bett. Seine Wochenenden verbringt Zimmer in Wincheringen an der Obermosel. Dort hat er ein altes Bauernhaus vom Vater geerbt, das auf einem etwa 6000 Quadratmeter großen Gelände steht.

"Die körperliche Arbeit, die ich dort verrichte, ist ein Ausgleich zu meiner Arbeit in der Kanzlei." Da draußen findet der "Poet" Zimmer die nötige Ruhe, um Musiktexte zu schreiben, eine Leidenschaft, die zu Schulzeiten geweckt wurde. "Wenn ich Musik hörte, habe ich einen Text dazu geschrieben."

Nebenbei schreibt er Liedtexte, produziert Platten

Anfang der 70er-Jahre lernte er durch Zufall den belgischen Künstler, Komponisten, Pianisten, Entertainer und Chanson-Sänger Johan Stollz kennen. Für ihn hat er seither rund 250 Texte geschrieben. "Es geht um Liebe, Lust und Leidenschaft", sagt er mit seinem typisch verschmitzten Lächeln und wird ernst: In den Texten transportiere ich Erfahrungen, Wahrnehmungen, Beobachtungen und Empfindungen aus meinem Leben." Sogar einige Schallplatten haben die beiden schon produziert. Auf der Hülle steht als Künstlername ganz unprätentiös: Zimmer-Mertes. Eine Kombination mit dem Geburtsnamen seiner Mutter.

Ans Aufhören denkt Rudolf Zimmer weder als Texter noch als Rechtsanwalt. "Ich arbeite in einem Beruf, der mir Freude bereitet und werde deshalb weiter machen, solange ich dazu geistig und körperlich in der Lage bin."

Gernot Ludwig