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Suche nach dem versteckten Gesicht

Beschäftigt sich ausgiebig mit ihren Motiven und der Filmentwicklung: Simonetta Reh.Foto: Jutta Edinger
Beschäftigt sich ausgiebig mit ihren Motiven und der Filmentwicklung: Simonetta Reh.Foto: Jutta Edinger
TRIER. Fotos ab einer Stunde: Mit ihrer Kamera will Simonetta Reh einen heimlichen Blick auf das Gesicht hinter dem öffentlich sichtbaren Konterfei der Menschen erhaschen. Von unserer Mitarbeiterin <br>JUTTA EDINGER

Waspassiert mit einem Gesicht, wenn die Person eine Stunde langalleine und in Ruhe gelassen in einem Raum auf einem Stuhl sitzt?Diese Frage beschäftigt die Künstlerin Simonetta Reh, die damitaktuelle Wahrnehmungsmuster umkehrt. In Zeiten von Digitalkameraund Foto-Handy ist der Druck auf den Auslöser ein Kinderspiel. Nicht der flüchtige, vergängliche Augenblick fasziniert hingegen Simonetta Reh: "Ich will wissen, was in der Dauer mit Menschen passiert und was sich in diesem Prozess bei ihnen verändert." Die 1962 geborene Schweizerin begann erst vor vier Jahren in Trier, sich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen. Kurse bei Klaus Meis und in der Fotografischen Gesellschaft belegte sie dazu.

Unterschiedliche Gesichter

Simonetta Reh machte die Erfahrung, dass viele Menschen vor der Kamera eine Pose einnehmen oder ein bestimmtes Gesicht "aufsetzen". "Jeder von uns hat unterschiedliche Gesichter - ein öffentliches und ein verstecktes Gesicht, das nur in unbeobachteten Momenten zum Vorschein kommt", erklärt sie. Von dem Bedürfnis besessen, die Gesichtsausdrücke von sich unbeobachtet wähnenden Menschen einzufangen, fotografierte sie vor einiger Zeit unbemerkt auf öffentlichen Plätzen.

"Doch diese Aufnahmen habe ich nie verwendet und habe sie weggeschmissen. Ich mag es selbst nicht, wenn ich ungefragt abgelichtet werde", erinnert sich die Fotografin. Mittlerweile ist die Idee ausgereift: "Bei meinem neuen Projekt frage ich die Leute, ob sie zur Aufnahme bereit sind." Ihre Versuchsanordnung: Mit einem schwarzen Rollkragenpulli bekleidet, sitzt das Modell in einem abgedunkelten Raum vor einer schwarzen Wand. Bei minimaler Beleuchtung lässt Simonetta Reh den Verschluss der gegenüber aufgestellten Kamera etwa eine Stunde lang offen. Sie verlässt den Raum. Erst wenn sie zurückkommt, stoppt sie die Belichtung des Films.

An den technischen Details hat Simonetta Reh ein halbes Jahr getüftelt. "Wieviel Licht brauche ich, was ist die richtige Entfernung, und wie lange muss ich belichten - bis ich diese Fragen gelöst hatte, habe ich selbst Stunde um Stunde vor der Kamera gesessen", erzählt die Künstlerin. Auch in diesen Arbeiten möchte sie mit der Kamera etwas abbilden, was dem bloßen Auge, mit dem der Mensch Wirklichkeit erfasst, oft entgeht.

Reh spielt mit dem Genre Porträt: Sie verfolgt jedoch nicht das traditionelle Ziel, mit der Fotografie äußerliche Ähnlichkeit zu erreichen. Reh treibt die technische Inszenierung bei den Foto-Sitzungen ins Extreme. Während sie den Film eine Stunde lang belichtet, huschen verschiedene Regungen und Ausdrücke über das Gesicht des Modells, die alle auf dem Film ihre Spuren hinterlassen.

So will die Fotografin die Persönlichkeit zum Vorschein kommen lassen. "Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich. Obwohl ich jeden auf die gleiche Art und Weise fotografiere", wundert sich Reh. Es gibt lebhafte Menschen, die auf dem Foto ausgesprochen leblos wirken. Bei manchen verwischen die Lippen stark, bei anderen treten sie verstärkt hervor. Die Pupillen haben bei einigen scharfe Konturen, bei anderen scheinen die Augen geschlossen zu sein.

Der Fotografin geht es jedoch nicht nur um die Ergebnisse, sondern auch um den Prozess: "Wann haben wir heute noch Zeit, uns eine Stunde lang hinzusetzen? Keine Musik hören, nicht telefonieren, sondern einfach nur sein." Simonetta Reh hat inzwischen rund 40 Gesichter festgehalten. Bei 100 will sie das Projekt abschließen.

Wer für zwei Fotografien zur Verfügung stehen möchte und älter als 14 Jahre ist, kann sich mit ihr unter Telefon 0171/6836925 oder per e-mail unter DasGesicht1@gmx.de in Verbindung setzen.