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Auf der Suche nach dem Wahlkampf

Auf der Suche nach dem Wahlkampf

Wahlkampf-Zeit ist für Spitzenpolitiker Reise-Zeit. Auch für Grünen-Chefin Claudia Roth. Ihr Pensum vor dem 27. September: neun Wochen unterwegs, 25 000 Kilometer und 126 Orte. Gestern legte Roth einen Boxenstopp in der TV-Redaktionskonferenz ein.

Trier. Die zwei Gesichter der Claudia Roth: Als die grüne Bundesvorsitzende mit ihrer Referentin um kurz nach 10 Uhr den TV-Konferenzraum betritt, strahlt sie über beide Backen. "Ich bin super gut aufgelegt", freut sich die 54-Jährige und liefert den Grund gleich nach: "Wir haben hier in Trier in einem sehr schönen Hotel übernachtet." Die Besitzer der Vier-Sterne-Jugendstil-Villa Hügel wird's freuen.

Überhaupt sieht Claudia Roth an diesem Morgen mehr nach Urlaub aus als nach Wahlkampf: hellgrünes Shirt, grünes Jäckchen, gelber Sommerschal. "Wir sind schon seit fünf Wochen auf der Suche nach dem Wahlkampf unterwegs", scherzt sie, als könnte sie Gedanken lesen.

Und, war die Suche erfolgreich? "Wir machen im Gegensatz zu anderen mit Inhalten Wahlkampf", lautet die Antwort, und Claudia Roths Miene wird langsam etwas ernster. Aber mit welchen Themen wollen die Grünen punkten, wo sich doch Angela Merkel als Retterin des Weltklimas zu profilieren versucht und SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel als Totengräber der Atomenergie? "Das ist nicht mehr als green-washing", meint Claudia Roth, soll wohl heißen: Die Fassade ist grün, aber eben nicht der politische Inhalt. Merkt das auch Otto Normalwähler? Claudia Roth ist optimistisch. "Die Leute können Versprechungen nicht mehr ab", sagt sie und nennt als Beispiel die von der Union angekündigten Steuer-Senkungen: "Die wissen genau, dass das finanziell nicht drin' ist."

Apropos Versprechungen: Werben nicht auch die Grünen mit einer Million neuer Arbeitsplätze, wenn die Wähler das Kreuzchen an der richtigen Stelle machen? "Ja", sagt Claudia Roth, aber im Gegensatz zu SPD (vier Millionen neue Arbeitsplätze) und Linkspartei (zwei Millionen) sei die Grünen-Rechnung seriös und zurückhaltend.

Aber ist die Wahl nicht längst gelaufen, reicht es entweder für Schwarz-Gelb, oder die Große Koalition muss eine Ehrenrunde drehen? "Nichts ist vorbei", sagt Claudia Roth und wirkt jetzt noch ein bisschen kämpferischer als zuvor. "Ein Drittel der Wähler entscheidet sich schließlich erst kurz vor der Wahl."

Und wie sieht Claudia Roths Wunsch-Ergebnis aus? "Zweistellig und dazu drittstärkste Kraft", sagt die grüne Bundesvorsitzende. "Zudem noch die Große Koalition beenden und Schwarz-Gelb verhindern - dann kommt an uns niemand vorbei." Wäre denn Schwarz-Grün eine Option? Man merkt Claudia Roth an, dass sie eine solche Konstellation für denkbar hält. Nur Jamaika (CDU, FDP, Grüne) komme keinesfalls in Frage. Sagt es und sitzt schon fast wieder in ihrem grünen Transporter. An diesem Tag stehen noch Bitburg, Bad Ems und Koblenz auf dem Programm.