1. Dossier

Bundestagswahl: Angela Merkel und Peer Steinbrück gehen in den Endspurt über

Bundestagswahl: Angela Merkel und Peer Steinbrück gehen in den Endspurt über

Im Schlussspurt des Wahlkampfs setzt Angela Merkel auf die Mobilisierung ihrer Wähler, Peer Steinbrück auf die Unentschlossenen.

Peer Steinbrück sagt, dass er "wie ein hospitalisiertes Raubtier" auf der Bühne "herumtigert". Er wirkt aufgedreht, redet ohne Punkt und Komma, wechselt zwischen Witz, Ernst, Drohung. Sein Publikum ist begeistert. Zufrieden sind sie jetzt mit ihm in der SPD. "Nur", fürchtet einer aus seinem Team, "hätten wir vielleicht zwei Wochen mehr gebraucht."

Im Schlussspurt holt der Herausforderer auf. Die Amtsinhaberin wirkt da vergleichsweise verhalten. Oder ist Angela Merkel nur ruhig, weil sie sich sicher ist, dass sie weiter regieren wird? Es wird knapp.

Hamburg, Mittwochabend. Schauplatz für den Beginn des Showdowns. Beide Kanzlerkandidaten reden zur gleichen Zeit. Vier Kilometer voneinander entfernt. Beide sind in der Hansestadt geboren. Es ist purer Zufall, schwören die Organisatoren in den Parteizentralen. "Angie, Angie" skandieren sie in der Fischauktionshalle direkt an der Elbe. Dicht an dicht stehen die rund 4000 Anhänger, es riecht nach Krakauer und Kräuterbraten, das Bier fließt in Strömen. Eine Band spielt den Song von Roland Kaiser "Schachmatt durch die Dame im Spiel". Störer, gegen die sie sonst auf den Marktplätzen immer zu kämpfen gehabt hat, müssen draußen bleiben.

Merkel spricht von Jüngeren, Älteren, von Menschen mit handwerklichen oder technischen Fähigkeiten, denen man Möglichkeiten eröffnen müsse, ihre Talente einzubringen. Wenn ihr mich wählt, gibt es vier weitere gute Jahre - das ist ihre Botschaft. Sie will möglichst jedem eine Berufsausbildung zur Verfügung stellen, wer Vollzeit arbeite, müsse auch von seinem Lohn leben können. "Wir glauben nicht, dass man Ihnen sagen muss, wann Sie Fleisch essen und wann nicht" - für die Anspielung auf den Veggie-Day der Grünen erntet sie den lautesten Applaus. Vor allem geht es Merkel darum, zu motivieren, ihrer Partei zu sagen, dass das Rennen noch nicht gelaufen ist. "Beide Stimmen für die CDU, dass würde mir am besten gefallen", ruft Merkel in den Saal. Die Band darf nochmal ran und intoniert "Wonderful World".

Unter dem runden SPD-Zeltdach am Speersort spielen sie Peter Fox' "Haus am See", "Ich hab' den Tag auf meiner Seite, ich hab' Rückenwind". Die Stimmung ist fröhlich. Steinbrück springt schwungvoll auf die Bühne, zeigt das Victory-Zeichen und reißt erstmal ein paar Witze. Zum Beispiel, dass ihn gar nicht stört, dass Angela Merkel gerade am Fischmarkt redet. "Da war ich mal Parkwächter. Hab\' mich hochgearbeitet. Von den Motorrädern zu den Autos. Das war mal eine Karriere." Sie lachen viel bei der SPD an diesem Abend.

Anschließend werden Fragen der Bürger vorgelesen. Einige lassen sich von Steinbrücks lustiger Stimmung mitreißen "Welches Ministeramt bekommt Frau Merkel unter Ihrer Kanzlerschaft?" "Oha", sagt Steinbrück. "Ich glaube, Ministerin für Ungefähres." Das löst einen Lach- und Beifallssturm aus. Aber dann ist er schnell bei der Abschaffung des "saudämlichen Betreuungsgeldes". Und beim Mindestlohn, bei dem man sich sehr wohl von dem unterscheide, was Merkel wahrscheinlich am Fischmarkt verspreche. Es ist ein Fernkampf auf vier Kilometer Distanz.

Seit dem Fernsehduell fühlt sich Steinbrück mit der Amtsinhaberin auf Augenhöhe. Mindestens. Seitdem ist er offensiver. Er teilt aus. Die Presse bekommt in seinen Reden immer ihr Fett weg. Und für den Stinkefinger schämt er sich nicht. Wer den Humor nicht habe, der solle zum Lachen in den Keller gehen, sagt er. Steinbrück ruft zur Abwahl Merkels auf. "In vier Tagen können Sie sie los sein. Können Sie die tatenloseste, zerstrittenste, rückwärts gewandteste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung loswerden." Dafür bekommt er Riesenbeifall. Merkel hingegen betont, wie erfolgreich ihre Regierung doch vor allem in der Euro-Krise gewesen sei. Und schenkt sich solche scharfen Angriffe auf ihren Herausforderer.

Am Donnerstagabend geht das Duell weiter. Sie ist zur "Abschlusskundgebung" der hessischen CDU nach Fulda geflogen. Er tritt auf dem Alexanderplatz in Berlin auf. Bei der SPD nennen sie es "Auftakt zum Endspurt". Hier singt Roland Kaiser selbst. Es geht um die noch unentschlossenen Wähler. Steinbrücks Hoffnung. 72 Stunden lang soll ohne Pause im Internet und auf den Straßen agitiert werden. Sogar Sonntag noch hat der Herausforderer in Bonn eine kleine Veranstaltung. "Unser Finale", sagen sie im Wahlkampfstab. Demgegenüber schaltet die Union noch einmal Anzeigen in über 100 Zeitungen. Merkel muss ihre Wähler mobilisieren. Bei der CDU heißt es auf den letzten Metern: "Alle Kräfte bündeln". Ausgang offen.Mehr zum Thema

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