1. Dossier

Bundestagswahl 2021: Das letzte Triell der Kanzlerkandidaten

Bundestagswahl 2021 : Micky Maus, Mindestlohn und harte Bandagen - So lief das dritte und letzte Triell der Kanzlerkandidaten

Erneut 90 Minuten traten die drei Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU/CSU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) gegeneinander an. Es war das letzte Triell vor der Bundestagswahl. Wer gewann, worum gestritten wurde - und was sonst noch Spannendes passierte.

Es war der letzte große Dreikampf der Kanzlerkandidaten vor der Bundestagswahl am kommenden Sonntag. Bevor die Scheinwerfer um 20.15 Uhr im TV-Studio in Berlin-Adlershof angingen, standen Armin Laschet (CDU/CSU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) noch hinter den Kulissen zusammen, scherzten und lachten. Stressabbau. Dann folgte kein Finale Furioso, aber 90 streitbare Minuten, in denen plötzlich sogar Micky Maus eine Rolle spielte.

Wer ist als Sieger vom Platz gegangen? Nach einer Blitzumfrage des Meinungsinstituts Forsa, die Sat.1, Kabeleins und Prosieben am Abend veröffentlichten, hat Scholz auch das letzte TV-Triell gewonnen. Laut der Forsa-Befragung stimmten 42 Prozent der Befragten für den SPD-Mann. Dahinter folgten Armin Laschet auf dem zweiten (27 Prozent) und Baerbock auf dem dritten Platz (25 Prozent). Sechs Prozent der Befragten gaben an, keinen Favoriten zu haben. Auffällig war, vor allem, dass Baerbock deutlich mehr attackierte als die beiden anderen. Laschet wirkte etwas verhalten, Scholz gab den Erklärer.

In einem Satz…wie vorgegeben, wollte keiner der Kandidaten die Frage beantworten, was sie unterscheide. Scholz wiederholte seinen Wunsch von einer Gesellschaft, in der gegenseitiger Respekt herrsche. Laschet betonte: „Die Menschen spüren, dass es um eine Richtungsentscheidung geht." Baerbock erklärte, Deutschland müsse besser regiert werden - das habe die Corona-Pandemie gezeigt. „Jetzt muss Politik über sich hinauswachsen.“ Ähnliches war auch schon in den beiden anderen Dreikämpfen zu hören.

Die erste Auseinandersetzung gab es…beim Thema Mindestlohn. Weil er als Fachanwalt für Arbeitsrecht gearbeitet habe, kenne er die Nöte von Menschen mit geringem Einkommen, so Scholz. Er wolle in diesem Zusammenhang die Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro. Das sei die Voraussetzung für eine Koalition. „Darauf können sich die Bürger verlassen.“ Laschet antwortete so: „Für diese Idee hat er keinen Partner. Da bleibt nur Rot-Rot-Grün.“ Der CDU-Chef zog Parallelen zu seiner Lebensgeschichte: "Mein Vater war Bergarbeiter, wir waren zu Hause 4 Kinder. Da musste man sich schon sehr einschränken." Auf die Frage, warum Laschet im Gegensatz zu Scholz und Baerbock keinen Mindestlohn von zwölf Euro unterstütze, forderte der CDU-Vorsitzende, dass es mehr Tarifbindung in Deutschland geben müsse. Baerbock warf ihm daraufhin einen Rückfall in die 90er-Jahre vor. „Wir erleben ja, dass ganz viele Menschen nicht in Tarifvereinbarungen drin sind."

Harsche Vorwürfe fielen…auch beim Thema Harzt IV.  Laschet warf Scholz vor, dass man früher immer von „fordern und fördern“ gesprochen habe: „Sie wollen nur noch fördern – und das fordern streichen!“ Das sei ungerecht, besonders für die Menschen, die jeden Tag hart arbeiteten. Scholz suchte daraufhin den Schulterschluss mit Baerbock. Grüne und SPD stünden für eine gemeinsame Sozialpolitik. Scholz betont anschließend auch den Konsens in der Steuerpolitik.

Der ungewöhnlichste Moment war… als Moderatorin Linda Zervakis ein altes Micky-Maus-Heft hochhielt und Armin Laschet fragte, warum in dem Comic aus den 90er-Jahren schon der Klimaschutz thematisiert worden sei, sich die Union damit aber nicht so viel beschäftigt habe. Laschet wehrte sich, verwies darauf, dass damals schon der CDU-Umweltminister Klaus Töpfer die Klimapolitik eingeleitet habe. Laschet warnte vor Verboten. Als Beispiel nannte er das von den Grünen geforderte Ende des Verbrennermotors im Jahr 2030. Zudem forderte eine Abschaffung der EEG-Umlage. Demgegenüber erklärte Baerbock, die Klimapolitik der großen Koalition passe „vorne und hinten nicht zusammen“. Die Grünen-Chefin fragte die Herren in der Runde: "Wie stellen sie sich das vor?" Mit den GroKo-Plänen könne man das Pariser Klima-Abkommen nicht einhalten. Scholz verteidigte die Klimapläne.

Die stärkste Attacke…ritt Baerbock. „Ich frage mich, was mit Ihnen los ist, Herr Laschet“, rief sie dem verdutzt dreinschauenden CDU-Chef nach dessen Äußerungen zur Klimapolitik zu. Zumindest klang Laschet zu Beginn heiser. Wegen der vielen Wahlkampfreden.

Die härteste Frage der Moderatorinnen…kam zum Klimawandel. „Wie viele Tote und Katastrophen braucht es noch, bis die Politik handeln wird?“, fragt Moderatorin Claudia von Brauchitsch. „Es darf keine weiteren Katastrophen geben, damit gehandelt wird“, so Scholz. Man müsse die deutsche Industrie klimaneutral machen – „25 Jahre sind da eine sehr, sehr kurze Zeit." Die nächste Bundesregierung müsse eine „Klimaregierung“, forderte Baerbock sein. Laschet plädierte dafür, das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG)  EEG abzuschaffen. „Das ist die größte Umverteilung sei Jahren.“

Die größte Einigkeit herrschte…weitgehend beim Thema Corona. Scholz sorgte sich wegen der Impfmüdigkeit im Lande. Wer derzeit mit Covid auf einer Intensivstation liege, sei in aller Regel ungeimpft. Deswegen sei es „gut für uns alle“, wenn sich noch mehr Menschen impfen ließen. Laschet plädierte ebenfalls für einen parteiübergreifenden Impf-Appell. Aber bitte: „Impfpflicht halte ich für falsch.“ Baerbock wiederum forderte vor allem, Kitas und Schulen müssten offenbleiben. Dazu seien die Erwachsenen gewissermaßen in der moralischen Pflicht, sich impfen zu lassen, auch wenn Baerbock gleichfalls eine Impfpflicht ablehnte.

Die Schlussworte waren…diesmal keine. Die Kandidaten mussten sich gegenseitig Fragen stellen. Baerbock fragte Scholz nach seiner Rolle beim Thema Geldwäsche und warf ihm vor, zu wenig getan zu haben. Darauf ritt auch Laschet herum. Er fragte Baerbock nach der Sitzung des Finanzausschusses an diesem Montag zur Zollaffäre. Und Scholz fragte wiederum Laschet, warum Vermieter bei der CO-2-Bepreisung nicht an den Heizkosten beteiligt würden. Laschet erläuterte daraufhin sorgfältig.

Die frömmsten Wünsche…äußerten Baerbock und Scholz. Sie wünschten die Union in die Opposition. Auffällig war, dass dann Baerbock, Scholz und Laschet Fragen nach konkreten Koalitionsoptionen auswichen.

Das fehlende Thema war…wie schon bei den letzten beiden Dreikämpfen die Außenpolitik, etwa das Verhältnis zu China, Russland, der weitere Umgang mit den Taliban. Leider auch kein Wort dazu bei diesem Triell.

Außen vor blieb…ausgerechnet Olaf Scholz beim Thema Innere Sicherheit. Der Kanzlerkandidat kam gar nicht zu Wort. Vermutlich drückte die Zeit, und die Moderatorinnen wechselten schnell zu Thema Digitalisierung.

Die schönste Panne…leistete sich ebenfalls Olaf Scholz. Er stoppte um 19.18 Uhr mit seiner Kolonne ausgerechnet vor der Jungen Union und nicht vorm SPD-Nachwuchs. „Olaf, hol die Akten raus“, grölten die Laschet-Anhänger in Anspielung auf den Wirecard- und Cum-Ex-Skandal. Schnell eilte Scholz weiter, um sich von den Jusos feiern zu lassen.

Ein echter Mode-Coup gelang…keinem der Kanzlerkandidaten. Baerbock präsentierte sich elegant im schwarzen Hosenanzug mit lila Schuhen. Laschet im dunkelblauen Anzug mit gepunkteter blauer Krawatte, Scholz im schwarzen Anzug mit tiefblauer, ebenfalls gepunkteter Krawatte. Modisch passten er und Baerbock besser zusammen. Beide würde ja auch am liebsten Rot-Grün wiederbeleben.

Für den größten Frust…sorgten die veranstaltenden Sender ProSieben, Sat.1 und Kabeleins. Und zwar bei Journalisten wie Gästen. Das Triell wurde zwar auf vielen Bildschirmen im Studiogebäude in Berlin-Adlershof übertragen, doch zu Beginn fiel der Ton komplett aus. Dann wurde es mal lauter, mal leiser. Anstrengend.

Zum Spaßen aufgelegt war…am Ende SPD-Chefin Saksia Esken. Sie verfolgte das Triell im „Green Room“, wo die Parteien jeweils 30 Anhänger versammeln konnten. Diesmal waren nur wenige Promis da, fast nur Parteifreunde. Jedenfalls meinte Esken zu unserer Redaktion, sie werde nach dem Triell direkt in die ARD-Talksendung „Anne Will“ gehen. „Da verstecke ich mich dann“, grinste sie. Die Union hatte der SPD immer vorgeworfen, Esken aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, sie zu verstecken wegen ihres linken, politischen Kurses.