Außenminister Heiko Maas im Umfeld der Taliban in Doha Die Zeit der Kanalarbeiter
Doha · Außenminister Heiko Maas sondiert in Katar im Umfeld der Taliban mögliche Kommunikationskanäle zu den Religionskriegern. Wenn es politisch wieder möglich ist, will Deutschland seine Botschaft in Kabul wieder betreiben
Als Heiko Maas aus der Regierungsmaschine „Konrad Adenauer“ steigt, ist er im Glutofen. 38 Grad Wüstenhitze. Und das gilt bereits als gemäßigte Temperatur. Maas ist jetzt dort, wo die politische Führung der Taliban ihren Sitz hat. Doha, Hauptstadt des Golfstaates Katar, wo im nächsten Jahr die Fußball-WM gespielt werden soll. Allerdings erst im Dezember, wenn es kühler sein soll, was immer das in der Wüste heißen mag. Aber Fußball ist jetzt nicht. Es geht um Frieden und Ausreisen aus Afghanistan. Doha, Hauptstadt des Golfstaates Katar. Ob der deutsche Außenminister direkt mit den Religionskriegern verhandelt? Offiziell sagt er dazu nichts. Womöglich noch der falsche Zeitpunkt.
Offiziell spricht er in Katar mit Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman bin Jassan Al-Thani. Und mit seiner niederländischen Amtskollegin Sigrid Kaag, die auch am Golf ist, weil die Europäer es in diesen Tagen sehr eilig haben, einen funktionierenden Kanal zu den Taliban aufzubauen. Für Gespräche mit den Taliban unterhalb der Ministerebene hat die Bundesregierung Botschafter Markus Potzel am Ort. Potzel ist jener Mann, der eigentlich den Botschafterposten in der afghanischen Hauptstadt Kabul übernehmen sollte. Aber dann kamen die Taliban und Potzel hatte keine Gelegenheit mehr, sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen. Jetzt verhandelt der deutsche Diplomat, der Dari spricht und vier Jahre im Iran auf Station war, mit den Taliban. Interessanterweise wähnt sich Potzel in keiner schlechten Verhandlungsposition, weil er spürt, dass auch die Taliban eines Tages ihren Staat mit Afghanistan machen wollen und sie dazu Geld und Hilfe aus dem Westen, auch aus Deutschland brauchen.
Im Golfstaat Katar haben die Religionskrieger ihr Abkommen mit der US-Regierung des damaligen Präsidenten Donald Trump jenes Abkommen ausgehandelt, das die Regierung von Joe Biden letztlich übernahm und nur den Abzug um einige Wochen nach hinten schob. Am Ende hatten es die Taliban schriftlich, wann die westlichen Truppen Afghanistan verlassen haben würden. Mit allen bekannten Folgen für die Afghaninnen und Afghanen, die ein solches festes Abzugsdatum mit sich gebracht hat. Auch deshalb muss Maas am Golf Präsenz zeigen, wo die Regierung in Katar doch einen ausgesprochen privilegierten Zugang zu den Taliban pflegt. Und umgekehrt. Ein Gesprächskanal von dem auch Deutschland und die USA profitieren könnten, wollen sie ihre Leute noch sicher raus aus Afghanistan bringen.
Maas hat in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dass man nun, nach Ende der Evakuierung, mit zahlreichen Partnern und, „ja, auch mit den Taliban reden“ müsse. Reden hat noch immer geholfen. Sein pakistanischer Amtskollege Shah Mahmood Qureshi hatte noch gesagt: „Jedes Treffen hilft, sich besser zu verstehen.“ Qureshi spielte damit zwar auf insgesamt drei persönliche Gespräche – Auge in Auge -- mit Maas innerhalb kurzer Zeit an. Aber die Taliban zu verstehen, kann auch nicht schaden, wenn man einen Exodus aus Afghanistan vermeiden und noch deutsche Staatsbürger wie Ortskräfte von der herausholen und nach Deutschland bringen will.
„Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit“, das haben die Taliban den westlichen Besatzern immer wieder gesagt. Jetzt ist die Zeit abgelaufen – nach 20 Jahren. Und die Taliban haben das Land. Maas hat tags zuvor bei seinem Besuch beim Nachbarn in Pakistan noch gesagt, wenn es eine Lehre aus diesem Afghanistan-Einsatz gebe dann höchstens diese: Eine militärische Intervention könne vielleicht eine terroristische Bedrohung, einen Krieg oder die Verletzung von Menschenrechten beenden. Aber der Einsatz von Militär sei nicht geeignet, „eine von uns bevorzugte Staatsform zu exportieren“. Demokratie made by Taliban – wird nicht funktionieren.
Maas und Al-Thani formulieren bei ihrem gemeinsamen Auftritt klare Erwartungen an die Taliban. Der katarische Außenminister spricht von einer „friedlichen Übergabe der Macht“ und von einer „inklusiven, erweiterten Regierung mit allen Bevölkerungsgruppen“, die die Taliban in Kabul sicherstellen müssten. Er mahnt aber auch die internationale Gemeinschaft, die Religionskrieger nicht in die Enge zu treiben. Al-Thani: „Isolieren ist keine Option.“ Maas macht auch auf dieser Station seiner Reise deutlich: „Es führt überhaupt kein Weg vorbei an Gesprächen mit den Taliban.“ Ein funktionierender Gesprächskanal muss her. Ob die Bundesregierung die Taliban nicht anerkennen wollten, wird der deutsche Außenminister von einem arabischen Journalisten gefragt. Maas will nicht. „Wir beschäftigen uns nicht mit formalen Anerkennungsfragen.“ Und auch Al-Thani betont: „Anerkennung ist keine Priorität für uns.“ Die internationale Staatengemeinschaft erwarte von der neuen Regierung in Kabul „gewisse Voraussetzungen“, so wiederum Maas. Dazu zählten: Einhaltung der Menschenrechte, Möglichkeit der Ausreise und kein Unterschlupf für Terrororganisationen. „Wenn es politisch möglich wäre und wenn die Sicherheitslage es erlaubt, dann sollte auch Deutschland in Kabul wieder eine eigene Botschaft haben.“ Das wäre dann wieder der offizielle Draht. Vorerst aber werden informelle Kontakte und Gesprächskanäle gesucht. Es ist die Zeit der Kanalarbeiter. Es muss tief gegraben werden bei der Suche nach Kompromissen und verlässlichen Zusagen. In Doha und in Kabul.