1. Dossier

Cyberbunker Traben-Trarbach: Angeklagte stehen in Trier vor Gericht

Kriminalität : Überraschendes aus dem Cyberbunker

Moselaner wundern sich, warum noch immer Polizeihubschrauber über dem Traben-Trarbacher Bunker ihre Runden ziehen. Mehr als ein Jahr, nachdem 650 Polizisten den Schutzbau bei einer Razzia stürmten und Cyberkriminellen so einen schweren Schlag versetzten.

Die Erklärung der Ermittler ist einfach. Alles, was sich auf dem 13 Hektar großen Gelände befindet, könnte zum Beweismittel werden – in einem der größten und spektakulärsten Gerichtsverfahren, die es in Trier je gab.

Seit Oktober 2020 müssen sich acht Angeklagte vor dem Landgericht verantworten. Sie sollen eine kriminelle Vereinigung gegründet haben. Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz wirft den vier Niederländern, drei Deutschen und einem Bulgaren vor, Beihilfe zu 249 000 Straftaten geleistet zu haben, indem sie Kriminellen Platz auf ihren Servern im Cyberbunker vermieteten. Über Darkweb-Seiten, die dank des Rechenzentrums online waren, wurden Drogen, Waffen oder gefälschte Papiere verkauft und Kinderpornografie verbreitet. Es ist das erste Mal, dass in Deutschland Webhoster angeklagt werden – also diejenigen, die die Hardware bereitstellen.

Eine Bande in einem Hightech-Bunker, angeführt von einem zwielichtigen IT-Genie im langen schwarzen Ledermantel... Es ist ein Fall, der die Fantasie beflügelt. Ein Fall über den auch international viel berichtet wird. Dennoch könnten sich die vielen Journalisten beim Prozessauftakt gewundert haben über den Anblick dieser Bunkerbande, die sich als Familie mit Anhang entpuppte. Da wären ein Vater – der Hauptangeklagte Herman Johan X., seine beiden Söhne und seine Ex-Freundin, die die Buchhaltung erledigte. Dann ein Manager, der offenbar keine Ahnung von IT hat, sowie drei Männer, die sich um Server und Software kümmerten. Alle bleiben bisher dabei, nichts von den kriminellen Aktivitäten der Kunden gewusst zu haben. Dabei zeigte die Aussage des Managers, dass keineswegs alles mit rechten Dingen zuging: Die Kunden zahlten anonym mit Schwarzgeld, Bunkermitarbeiter hatten meist keine Verträge und wurden schwarz bezahlt. Auch das „Abuse-Management“ – also der Umgang mit Beschwerden über illegale Internetaktivitäten – war sehr lückenhaft.

Die überraschendsten Erkenntnisse bisher sind: Der Cyberbunker war nur ein Geschäftszweig. Wohl noch wichtiger war X. die Entwicklung einer Verschlüsselungssoftware für App-Nachrichten. Nachdem er sich mit seinem Geschäftspartner – einem mutmaßlichen irischen Drogenboss – zerstritten hatte, kaufte er in Luxemburg Firmen, um die Apps zu vermarkten. Dort lebte er zuletzt auch. Überraschend ist ebenfalls: Noch viel mehr Menschen arbeiteten seit 2013 im Bunker. Geht es nach der Generalstaatsanwaltschaft, dann werden auch sie in Trier vor Gericht stehen. Die Strafverfahren laufen bereits.