Das Timbre des Täters: So kommen Spezialisten Stimmen auf die Spur

Das Timbre des Täters: So kommen Spezialisten Stimmen auf die Spur

Ein Trierer, der U sagt, spreizt die Lippen, und betrunkene Erpresser hören sich anders an als nüchterne - schon oft haben die Fähigkeiten der Trierer Phonetiker dabei geholfen, komplizierte Fragen zu klären. Ihr wichtigstes Werkzeug: ein geschultes Gehör. Am 28. September stellen sie im Rahmen des City Campus ihre Arbeit vor.

Trier. Wer damit droht, bei Aldi den Joghurt zu vergiften, wer seinen Chef entführt oder am Telefon über Drogengeschäfte spricht, hat gute Chancen, dass Professorin Dr. Angelika Braun und ihre Kollegen von der Uni Trier ihm irgendwann sehr genau zuhören. Denn immer wieder greift die Polizei auf die Fähigkeiten der Trierer Phonetiker zurück, die ihre Arbeit im Rahmen des City Campus am 28. September im Gebäude der Bundespolizei vorstellen. Zu hören gibt es unter anderem echtes Fallmaterial.
Wenn die Ermittler den Phonetikern solche Aufnahmen geben, wollen sie meist wissen, wie alt ein Sprecher ist, wo er herkommt, wie gebildet er ist, ob er seine Stimme verstellt oder ob es sich um denjenigen handelt, der im Gerichtsverfahren auf der Anklagebank sitzt.
Die Realität sieht dabei ganz anders aus als in amerikanischen Fernsehserien. Statt einen futuristischen Computer zu bedienen, der wenige Sekunden später des Rätsels Lösung ausspuckt, verlassen die Experten für die menschliche Stimme sich meist auf ein ganz anderes Werkzeug: ihr Gehör. "Eine Stimme ist kein Fingerabdruck: Sie bleibt nicht ein ganzes Leben lang gleich", sagt Braun. Oft genüge schon ein Schnupfen, um am Telefon nicht mehr erkannt zu werden. Auch Alkohol wirkt sich phonetisch aus: Sprechtempo und -genauigkeit nehmen ab, die Sprachmelodie ändert sich - und zwar schon lange, bevor ein für alle hörbares Lallen einsetzt. Ein Computer wäre da aufgeschmissen. "Es gibt auch keinen Computer, der das Alter schätzen oder sagen könnte, wo ein Mensch herkommt", sagt Braun.
Ihr Kollege Herbert Masthoff hingegen würde bei einem Sätzchen wie "de Urgrußpabb mullt obb unn aob Muuselfösch" förmlich hören, wie ein Trierer beim O und beim U seine Lippen spreizt, statt sie zu runden. "Bei solchen Fragen ist der ,biologische Computer\' überlegen", sagt Braun, die immer wieder als Expertin zu Kriminalfällen hinzugezogen wird. Im Fall des vor zwei Jahren ermordeten Mirco hat sie mit Hilfe eines phonetischen Experiments festgestellt, aus welcher Richtung ein Schrei kam, den Zeugen gehört hatten. Eines von vielen Puzzlestücken, die die Ermittler zusammensetzen müssen.
City Campus Triers lange Nacht der Wissenschaft



Manchmal ist bei der Analyse aber doch die Technik hilfreich. So machen spezielle Computerprogramme die Stimme sichtbar und erleichtern es, einzelne Buchstaben zu erkennen. Bedeutung hatte dies im Fall eines mutmaßlichen Drogenhändlers. Er behauptete, in seinem Telefonat nicht "Drogen", sondern "droben" gesagt zu haben. Was schon dem Laien für einen Nicht-Muttersprachler merkwürdig lyrisch vorkommen mag, erwies sich mit Hilfe der Analyse als gelogen: Experten können den Unterschied zwischen einem G und einem B nämlich nicht nur hören, sondern auch sehen.
Wer ein solches Klangbild seines eigenen Namens kennenlernen, die Bewegungen der Zunge beim Sprechen per Ultraschall verfolgen, die Herkunft eines Sprechers erraten und mehr über die forensischen Analysemethoden der Phonetiker erfahren möchte, sollte beim City Campus am 28. September zwischen 20 Uhr und Mitternacht in das neue Gebäude der Bundespolizei (Weberbach) kommen.Extra

City Campus ist eine Großveranstaltung von Universität und Fachhochschule Trier am 28. September in der kompletten Trierer Innenstadt. Es gibt neun unterschiedliche Themenbereiche mit mehr als 150 Projekten, die eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Arbeit und der Lebenswelt der Bürger herstellen. Die Show der Phonetiker gehört zum Themenbereich "Krimi", der zwischen der Bundespolizeiinspektion, dem Club Toni am Domfreihof und dem Sozialgericht am Nikolaus-Koch-Platz angesiedelt ist. An historischer Stätte, dem alten Schwurgerichtssaal, laden die Juristen zur Verhandlung über die Frage ein, ob man zur Rettung eines Unschuldigen Folter einsetzen darf. Im Club Toni geht es um ein Computerprogramm, das die Weiterdrehe von Tatort-Krimis ermöglicht. Das ganze Programm: www.citycampus-trier.de