Die Gefahr aus dem Boden

Die Gefahr aus dem Boden

Resistente Keime können nicht nur in Krankenhäusern zum Problem werden. Mit Gülle aus der Nutztierhaltung gelangen Antibiotika auch über Felder und Weiden in die Nahrungsmittel. Der Trierer Bodenkundler Sören Thiele-Bruhn erforscht, wie sie sich in Böden auswirken. Im Rahmen des City Campus informiert er über Risiken und Nebenwirkungen.

Trier. Antibiotika sind Waffen. In der richtigen Menge gegen den richtigen Feind eingesetzt, wirken sie Wunder. Doch gehen von ihnen auch Gefahren aus - besitzen Bakterien doch die Fähigkeit, Resistenzen zu entwickeln und diese Fähigkeit auch an andere Bakterien weiterzugeben. Und sollten ausgerechnet diese resistenten Keime eine Krankheit verursachen, so nutzen Antibiotika nichts mehr. Die Waffe ist stumpf. Und der Patient im schlimmsten Fall nicht mehr zu retten. Der Europäischen Kommission zufolge sterben deswegen in der EU jährlich 25 000 Menschen.
City Campus - Triers lange Nacht der Wissenschaft


Die Warnung, Antibiotika wirklich nur dann einzusetzen, wenn es dringend erforderlich ist und die Dosierungsanleitung streng zu befolgen, ist weithin bekannt. Der Trierer Universitätsprofessor Sören Thiele-Bruhn warnt jedoch noch vor einer anderen, weniger bekannten Gefahr. "Wir sind Rufer in der Wüste", sagt der Bodenkundler - und würde sich wünschen, besser gehört zu werden. Denn gegen Antibiotika resistente Bakterien tummeln sich nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in landwirtschaftlich genutzten Böden. Dem Wissenschaftler zufolge sind die dort nachzuweisenden Antibiotikamengen oft ebenso groß wie jene der Pflanzenschutzmittel. Wo sie herstammen, ist gewiss: aus deutschen Ställen, wo auch nach dem Verbot wachstumsfördernder Antibiotika noch reichlich Bakterienkiller gereicht werden. Denn statt einzelner Tiere werden - das zeigen Studien aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen - oft ganze Tierbestände prophylaktisch mit Antibiotika behandelt. Um wie viel Antibiotika es dabei wirklich geht, offenbart nun erstmals eine vom Bundesamt für Verbraucherschutz veröffentlichte Untersuchung: 2011 haben Tierärzte deutschlandweit 1734 Tonnen Antibiotika verschrieben - 1 734 000 Kilogramm. Vom Stall aus bringen die Bauern einen Teil dieser Medikamente dann mit der Gülle aufs Feld. Weit weniger gewiss ist, welche Auswirkungen dies hat. Seit 1999 arbeitet Thiele-Bruhn gemeinsam mit anderen deutschen Wissenschaftlern daran, dies herauszufinden.
Fest steht: Antibiotika verändern den Mikrokosmos Boden - und auch die Zusammensetzung der rund acht Milliarden Kleinstlebewesen, die dem Professor zufolge in einer Handvoll Erde leben. Das zeigen Genanalysen, die in Trier gemacht werden. Und die Zahl der resistenten Bakterien steigt. Denn dadurch, dass im Boden über einen sehr langen Zeitraum eine niedrige Antibiotikum-Konzentration herrscht, sind die Bedingungen dem Forscher zufolge optimal, um resistente Stämme auszubilden. Ein Gefahrenpotenzial. Ist es laut Thiele-Bruhn doch möglich, dass für den Menschen gefährliche, resistente Keime wie Staphylokokken, Colibakterien (die im Boden viel länger überleben können als gedacht) oder andere Quälgeister über kontaminierte Pflanzen den Weg zurück zum Menschen finden. Ein Problem, das in Ländern, wo aus Wassermangel ebenfalls mit Antibiotika belastetes Abwasser auf die Felder ausgebracht wird, noch viel größer ist.
In einem Vortrag wird Thiele-Bruhn am 28. September um 18 Uhr im Rahmen des City Campus im Angela Merici-Gymnasium in Trier über seine bodenkundlichen Forschungen und über die Problematik informieren. Die Lösung muss aus seiner Sicht hauptsächlich darin bestehen, die Tiere so zu halten, dass groß angelegte, prophylaktische Antibiotikagaben nicht mehr nötig sind.Extra

City Campus ist eine Großveranstaltung von Universität und Fachhochschule Trier am 28. September in der Trierer Innenstadt. Es gibt neun Themenbereiche mit mehr als 150 Projekten, die eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Arbeit und der Lebenswelt der Bürger herstellen. Die Geschütz-Vorführung gehört zum Themenbereich "Ökologie", der mit insgesamt 18 Veranstaltungen vertreten ist. Schauplätze sind das Angela-Merici-Gymnasium, der Domfreihof und der Konstantinplatz. Weitere Themen: Windkraft und Fledermäuse, Forschung für den Denkmalschutz, Energieverschwendung. Das gesamte Programm auf: citycampus-trier.de