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"Diese Wahl war eine Qual" - Helfer beschweren sich: zu lange Schichten, zu wenig Urnen

Stressfaktor Stimmabgabe: In Trier beschweren sich Wahlhelfer über Mängel in der Organisation. TV-Foto: Friedemann Vetter
Stressfaktor Stimmabgabe: In Trier beschweren sich Wahlhelfer über Mängel in der Organisation. TV-Foto: Friedemann Vetter
Trier. Zwangsverpflichtungen, schlechte Schulungen, extreme Belastungen und Organisationsmängel: Wahlhelfer sprechen über unzumutbare Zustände während der Europa- und Kommunalwahl. Ein als Wahlvorstand aktiver Staatsanwalt und Stadtrat wird zu ihrem Sprecher. Jörg Pistorius

"Das mache ich nicht mehr!" In diesem Satz, ausgesprochen von einem erfahrenen Wahlvorstand, steckt jede Menge Frust. "Ich bin seit mehr als 20 Jahren in Wahlvorständen dabei, aber solche Missstände wie am vergangenen Sonntag habe ich noch nie erlebt. Diese Wahl war eine Qual."

Der Job des Wahlhelfers war noch nie angenehm. Doch ohne die Scharen von Zählern und Helfern läuft keine Wahl. Wenige Tage nach der Europa- und Kommunalwahl lassen einige dieser Helfer ihrem Frust freien Lauf. Die Belastung sei viel zu hoch gewesen. "Wenn es bei der Auszählung dieser Wahl keine Fehler gegeben hat, fresse ich einen Besen", sagt eine langjährige Wahlhelferin auf der Internetplattform Facebook. Ihr Einsatz habe 13 Stunden gedauert.

Ein Formfehler wurde bereits erkannt, wird aber folgenlos bleiben: In einem Wahllokal in Heiligkreuz nahmen die Wahlhelfer am Sonntag bereits vor 18 Uhr Stimmzettel aus Wahlbriefen und stapelten sie auf dem Tisch - wegen überquellender Wahlurnen. Hier schaltet sich der Trierer Horst Greimann ein - ein langjähriger OSZE-Wahlbeobachter. Die OSZE ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, eine Staatenkonferenz zur Friedenssicherung. Greimann fragt: "Waren die Wahlhelfer nicht ausgebildet und informiert, dass ein solches Verhalten nicht hinnehmbar ist?"

Keiner der Wahlhelfer und Wahlvorstände, die dem TV ihre Eindrücke der Europa- und Kommunalwahl schildern, will seinen Namen in der Zeitung lesen. Sie alle stehen im Dienst der Stadtverwaltung Trier und wollen ihren Arbeitgeber nicht öffentlich attackieren. Staatsanwalt Thomas Albrecht, seit langer Zeit Stadtrat in den Reihen der CDU, war am Wochenende ebenfalls als Wahlvorstand aktiv und hat keine Scheu, die geballte Kritik der Helfer zu unterstützen. "Ich habe den Leuten versprochen, dieses Thema aufzugreifen."

Albrecht kritisiert die Schulung der Wahlhelfer, die der OSZE-Beobachter angesprochen hat: "Bei mir haben sich Mitarbeiter der Stadtverwaltung darüber beklagt, dass sie nicht hinreichend ausgebildet worden sind, um diese schwierige Aufgabe zu bewältigen. Der Unterricht war zu kurz und zu oberflächlich." Das sei bei Weitem nicht alles. "Die Vorplanung des Wahlablaufs war völlig unzureichend, es waren viel zu wenige Wahlkabinen aufgestellt." Auch die Anzahl der Wahlurnen habe nicht ausgereicht. Das zeigt auch der Vorfall in Heiligkreuz.

Die Wahlvorstände, so Albrecht, mussten die vielen abgegebenen Wahlzettel wieder zurück ins Rathaus bringen, doch es gab nur eine einzige Annahmestelle. "Das führte zu extrem langen Wartezeiten am späten Abend."

Albrechts Fazit: "Meines Erachtens muss alles viel besser vorbereitet werden. Kein Wunder, dass sich immer weniger freiwillige Helfer finden."

Auf Anfrage des TV reagierte die Stadt auf die Vorwürfe. 800 Wahlhelfer - ebenso viele wie 2009 - waren am vergangenen Wochenende im Einsatz. Die Hälfte bestand laut Mitteilung des Presseamts aus städtischen Bediensteten, die andere Hälfte aus Freiwilligen aus der Bürgerschaft. Kein Mitarbeiter der Stadt sei zwangsverpflichtet worden. "Das führt zu Frust und schlechten Arbeitsergebnissen und bringt nichts", meldet Pressesprecher Ralf Frühauf.

Frühauf weiter: "Die Situation war die gleiche wie bei den Wahlen in den Vorjahren. Die Bedingungen waren insofern anders, als die Auszählung komplizierter und zeitintensiver war." Die Auszählung sei enorm arbeitsintensiv, das räumt der Sprecher der Stadtverwaltung ein. Eine Unterbesetzung dementiert er: "Es waren ausreichend Helfer vorhanden, alle Wahlvorstände waren wie vorgeschrieben besetzt."

Wie geht es weiter? Thomas Albrecht will eine Verbesserung erreichen. "Es wäre notwendig einen Arbeitskreis zu bilden, in dem mehrere Wahlforscher sitzen, die überlegen, wie der organisatorische Ablauf zu verbessern ist."
Oberbürgermeister Klaus Jensen dankte gestern allen Wahlhelfern. "Sie haben mit ihrem Einsatz, der viele an den Rand ihrer Kräfte brachte, einen überzeugenden Dienst der Demokratie bewiesen."
Meinung

Völlig unnötige Strapaze

Von Jörg Pistorius

Die Auszählung einer Wahl gehört zu den unfairen Aufgaben, die keinen einzigen Fehler verzeihen, weil ein solcher fatale Folgen bis hin zur Anfechtung haben kann. Jeder Wahlhelfer und Wahlvorstand ist natürlich selbst für die Qualität seiner Arbeit verantwortlich. Die Rahmenbedingungen und die Organisation sind aber entscheidend für das Erreichen dieser Qualität - und hier hat dieses Mal in Trier offensichtlich einiges nicht gestimmt. Einsätze von zwölf Stunden oder mehr lassen keine fehlerfreie Arbeit mehr zu. Fehlende Wahlurnen sind ebenso inakzeptabel wie nicht ausreichende Schulungen. Nächtliches Schlangestehen der Wahlvorstände vor dem Rathaus ist nichts anderes als eine völlig unnötige Strapaze.
All das muss sich bis zur nächsten Wahl ändern. Einen Arbeitskreis mit Wahlexperten wird man für diese Schlussfolgerung nicht brauchen. Einsicht und Logik reichen völlig.

j.pistorius@volksfreund.de