1. Dossier

Ein Absturz, ein Krimi und strahlende Sieger

Ein Absturz, ein Krimi und strahlende Sieger

Das Ausscheiden der Liberalen aus dem Bundestag und das historisch gute Abschneiden der CDU setzten am Sonntagabend bei den Wahlpartys der Parteien Emotionen frei. In ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der AfD sind sich CDU, SPD, Linke, Grüne und FDP allerdings einig.

Trier. Kurz vor 18 Uhr ist Henrick Meine noch zu Witzen aufgelegt. "Ich bereite mich schonmal auf die erste Fraktionssitzung am Montagfrüh in Berlin vor", scherzt der FDP-Spitzenkandidat im knallgelben Pullover. Dass er selbst keine Chance auf ein Ticket in die Hauptstadt hat, weiß er da bereits. Dass seine ganze Partei in wenigen Minuten eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte einstecken muss, trifft ihn allerdings unerwartet. 4,7 Prozent für die FDP flimmern bei der ersten ARD-Prognose um 18 über den Großbildschirm im Restaurant La Palma in Trier-Nord.

Die Liberalen sind raus. Ein Stöhnen geht durch die Reihe der rund ein Dutzend FDPler, die zur Wahlparty gekommen sind, die nun keine mehr ist. Dass für die AfD Sekunden später 4,9 Prozent prognostiziert werden, dreht das Messer in der Wunde noch einmal um. "An dir lag\'s nicht", versucht einer, Meine zu trösten und klopft ihm auf die Schulter. Parteichef Tobias Schneider hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich das FDP-Ergebnis im Laufe des Abends noch nach oben korrigiert. "Schockiert bin ich allerdings darüber, dass so viele Menschen auf die sehr populistischen Thesen der AfD hereingefallen sind statt auf die Fortsetzung der christlich-liberalen Koalition zu setzen."

Applaus und Jubelrufe löst der offenbare Absturz der FDP beim Publikum in der Studentenkneipe Astarix aus, wo sich die Grünen getroffen haben. "Dass die FDP draußen ist, freut uns", sagt Parteivorsitzende Sarah Jakobs. Und das eigene Abschneiden mit immerhin nur rund acht Prozent? "Unsere Erwartungen haben in den letzten Wochen einen Dämpfer erhalten, auf ein einstelliges Ergebnis waren wir daher eingestellt."

Trotzdem ist der Wahlabend für die Grünen eine Zitterpartie: Schafft die AfD es in den Bundestag, ist der so sicher geglaubte Platz im Bundestag für Corinna Rüffer, die an dritter Stelle der grünen Landesliste kandidiert, weg. Am späten Abend sieht es zwar nicht danach aus, "aber sicher können wir erst sein, wenn das amtliche Endergebnis vorliegt", gibt sich Parteisprecher Wolf Buchmann vorsichtig.

Fast euphorisch ist dagegen die Stimmung bei der CDU: "Gerechnet hatte ich mit 40 Prozent, dass es jetzt sogar deutlich mehr sind, freut mich natürlich sehr", sagt Parteivorsitzender und Spitzenkandidat Bernhard Kaster. Das Büfett - Würstchen und Brötchen - wird allerdings noch nicht eröffnet. "Damit warten wir noch, bis unsere Wahlhelfer auch alle eingetroffen sind", sagt Kaster.

Nicht nur mit dem viel größeren Büfett, darunter auch Vegetarisches, sondern auch mit den weitaus meisten Parteimitgliedern und Gästen wartet die SPD bei ihrer Party im Café Balduin an der Christophstraße auf. Glücklich mit den vorläufigen rund 26 Prozent ihrer Partei ist Spitzenkandidatin Katarina Barley allerdings nicht: "Ich hatte deutlich mehr erwartet, aber der sehr geschickte Wahlkampf Angela Merkels, die sich bei keinem Thema wirklich festgelegt hat, hat offenbar seine Wirkung nicht verfehlt."

Bei Katrin Werner, Bundestagsabgeordnete und Spitzenkandidatin der Linken, ist die Freude groß: "Wie es scheint, sind wir die drittstärkste Kraft im Bundestag - das ist fantastisch!"Meinung

Der Lohn für Bernhard Kaster

Von Michael Schmitz

Der klare Sieger heißt Bernhard Kaster. Der CDU-Abgeordnete hat das Direktmandat verteidigt - mehr als deutlich. Dabei hat er sein eigenes Ergebnis von 2009 noch einmal um drei Prozentpunkte verbessert. Sein Fleiß, seine Präsenz und seine guten Kontakte in die Unionsspitze sind vom Wähler also honoriert worden. Zu den Siegern rechnen darf sich auch Katarina Barley. Zwar blieb die SPD-Politikerin im Vergleich mit Kaster selbst im links-alternativ orientierten Trier deutlich hinter ihm, doch sie hat der SPD aus dem Stand heraus ein deutlich besseres Ergebnis verschafft als ihr blasser Vorgänger Manfred Nink.

Auf der anderen Seite ein klarer Verlierer: Polit-Neuling Henrick Meine hat für die FDP ein Ergebnis eingefahren, das die Partei an den Rand der Bedeutungslosigkeit führt. Ihm allein ist die Schuld allerdings nicht anzulasten. Sämtliche FDP-Mandatsträger in Stadt- und Kreistag und die Parteimitglieder müssen sich fragen, warum offenbar kaum jemand die FDP noch für nötig hält. Auf der Verliererseite stehen mit ihrem Abschneiden eigentlich auch Grüne und Linke. Bei Erst- und Zweitstimmen haben sie deutlich schlechtere Ergebnisse eingefahren als 2009. Weil sie sich auf Landesebene aber innerhalb ihrer Parteien durchgesetzt hatten, ziehen Corinna Rüffer (Grüne) und Katrin Werner (Linke) dennoch - ebenso wie Barley - in den Bundestag ein. Auf der Siegerseite steht deshalb auch der ganze Wahlkreis. Vier Bundestagsabgeordnete aus Trier/Trier-Saarburg, das gab es noch nie. Man darf gespannt sein, ob Kaster und das Damentrio diesen Einfluss auch hinreichend geltend machen.

m.schmitz@volksfreund.de

Umfrage:

Bernhard Kaster (CDU): "Unser Ergebnis ist sogar noch besser, als ich es erwartet habe. Der Bürger hat honoriert, wie und mit welchen Rahmenbedingungen Deutschland dank der Politik der CDU und unserer Kanzlerin dasteht. Gut, dass die AfD es nicht in den Bundestag geschafft hat. Deren Thesen zum Euro und zu europäischen Fragen kann ich als überzeugter Europäer überhaupt nicht teilen." woc

Corinna Rüffer (Grüne): "Die Grünen haben ein super Bundeswahlprogramm, sehr solide und profiliert. Aber mit Inhalten zu punkten, war in diesem Wahlkampf wirklich sehr schwierig.
Es wäre unwürdig für den Bundestag, wenn eine Partei wie die AfD mit ihren populistischen Parolen den Einzug schaffen würde." woc

Katarina Barley (SPD): "Ich würde es für gut halten, wenn die FDP sich erneuert und als wirklich liberale Partei zurück kommen würde. Über das gute Abschneiden der AfD bin ich schockiert, die großen Parteien haben es offenbar nicht geschafft, komplizierte Themen wie die Euro-Frage gut und verständlich zu kommunizieren - das hat der AfD die Gelegenheit verschafft, Stimmen zu fangen." woc

Henrick Meine (FDP): "Das Wahlergebnis ist eine herbe Enttäuschung für uns. Aber wenn der Wähler die Sache so sieht, dann ist das für uns ein deutliches Zeichen, grundlegende Dinge in der Partei zu diskutieren. Wir wissen zudem mit Niederlagen umzugehen, werden wieder aufstehen und engagiert weiter kämpfen. Für mich steht fest: Deutschland wird unsere liberale Stimme fehlen." woc

Katrin Werner (Linke): "Persönlich tut mir für den Trierer FDP-Spitzenkandidaten Henrick Meine der Absturz seiner Partei zwar leid, aber zur FDP haben wir politisch gesehen nun mal den größten inhaltlichen Abstand. Die AfD halte ich dagegen sogar für eine große Gefahr - lieber wären mir da definitiv die Liberalen im Bundestag als diese Rechtsausleger." woc