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Ein Gewand mit vielen Schichten

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann und Weihbischof Jörg Michael Peters inspizieren den Heiligen Rock, die Tunika Christi. Foto: Bistum Trier
Der Trierer Bischof Stephan Ackermann und Weihbischof Jörg Michael Peters inspizieren den Heiligen Rock, die Tunika Christi. Foto: Bistum Trier
Trier. Was ist echt am Heiligen Rock? Mit dieser Frage hat sich die Textilrestauratorin und Kunsthistorikerin beschäftigt. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen: Die eigentliche Reliquie steckt im Rückenteil der Tunika, sichtbar sind die später entstandenen Schutzhüllen. Regula Schorta

Zumindest seit 1810 ist belegt, dass im Vorfeld jeder öffentlichen Ausstellung des Heiligen Rocks auch sein Erhaltungszustand ins Blickfeld rückte. Die mehrere Jahrzehnte langen Abstände zwischen den einzelnen Zeigungen brachten es mit sich, dass die Verantwortlichen die Reliquie nicht aus eigener Anschauung kennen konnten.
Um die jeweilige Ausstellung zu planen und die Stabilität und Sicherheit des Gewandes während der Wallfahrt gewährleisten zu können, waren deshalb Inspizierungen im Vorfeld regelmäßiger Brauch.
Auch das Aussehen des Heiligen Rockes wurde sorgfältig dokumentiert, so dass schon lange bekannt ist, dass das Gewand aus Stoffschichten unterschiedlichen Alters aufgebaut ist. Im Wesentlichen sind dies: ein wollenes Kerngewebe - die eigentliche Reliquie im Rückenteil des Gewandes, dann als älteste Hüllen mehrere Schichten Seidengaze und ein gemusterter frühmittelalterlicher Seidenstoff, dazu verschiedene jüngere stützende und schützende Hinzufügungen.
Besonders folgenschwer waren die Feststellungen zum Erhaltungszustand, die 1890 gemacht werden mussten. Die Reliquie war in desolatem Zustand, hatte "durch Feuchtigkeit stark gelitten und viel Schimmel angesetzt". Das Kerngewebe wurde zudem als "in tausend und tausend Partikeln" von nur wenigen Quadratmillimetern Größe beschrieben.
Der Schimmel konnte mit Alkohol erfolgreich behandelt werden, während die brüchigen Gewebe zur Stabilisierung mit Tragant, einem Naturgummi, getränkt wurden. Allerdings versprödet Tragant mit zunehmendem Alter massiv. Damit er flexibel bleibt, ist eine erhöhte Luftfeuchtigkeit notwendig - diese wiederum fördert aber das Wachstum des Schimmels.
Dass diese Gefahr durchaus real ist, zeigte sich 1973, als am Rückenteil des Heiligen Rocks erneut akuter Schimmelbefall festgestellt wurde. Seither wird die Reliquie in einem klimatisierten Glasschrein aufbewahrt, der die 1891 hergestellte Holztruhe umgibt. Regelmäßige Inspektionen des Gewands - alle zwei bis fünf Jahre - dienen der kontinuierlichen Überwachung und Kontrolle seines Zustands.
Im Hinblick auf die Wallfahrt 2012 sind diese Kontrollen intensiviert worden, denn der Heilige Rock soll so ausgestellt werden, dass den Bedürfnissen der Gläubigen nach Nähe und Sichtbarkeit möglichst entgegengekommen, die langfristige Erhaltung des Gewandes aber in keiner Weise gefährdet wird.
Um dieses doppelte Ziel erreichen zu können, ist die genaue Kenntnis der Reliquie in ihrer materiellen Beschaffenheit eine wichtige Voraussetzung. Nur das Wissen um die spezifischen Bedürfnisse und Empfindlichkeiten des komplexen textilen Gegenstandes erlaubt es, die richtigen Rahmenbedingungen zu definieren.
Beispielsweise wurden während eines ganzen Jahres im Dom Klimamessungen durchgeführt, um die zu erwartenden Schwankungen von Temperatur und Feuchtigkeit besser abschätzen zu können. Die Außentemperatur, feuchtes oder trockenes Wetter oder der ständige Aufenthalt von sehr vielen Menschen im Kirchenraum werden darauf erheblichen Einfluss haben.
Aktive Konservierungsmaßnahmen am Heiligen Rock sind nicht notwendig und werden auch heute nicht durchgeführt. Zu den vorbereitenden Arbeiten gehörte aber eine detaillierte Inspektion, die Aufschluss geben wird über möglichen Schimmelbefall und über den Zustand der brüchigen, tragantverklebten Partien.
Selbstverständlich gibt es daran - wie schon vor 200 Jahren - immer auch ein textilarchäologisches Interesse. Und auch dabei geht es einzig darum, diese einzigartige Gewandreliquie und ihre Geschichte besser verstehen und dank diesem Wissen für die Zukunft bestmöglich erhalten zu können.
Denn Herkunft und Alter der Reliquie lassen sich auch textilarchäologisch nicht mehr eindeutig bestimmen. Die Frage, ob der Heilige Rock das Gewand ist, das Jesus vor fast 2000 Jahren getragen hat, kann auch die textilarchäologische Forschung nicht beantworten.

Dr. Regula Schorta

Regula Schorta ist Textilrestauratorin und Kunsthistorikerin. Sie leitet seit 1994 die Textilkonservierungsabteilung der Abegg-Stiftung in Riggisberg (Schweiz) und ist seit 2002 deren Direktorin.
Die Abegg-Stiftung ist ein privat finanziertes, nichtkommerzielles Institut für das Sammeln, Erhalten und Erforschen historischer Textilien von den Anfängen bis um 1800, überwiegend aus dem europäischen und Mittelmeerraum. Seit 1973 werden Textilrestauratorinnen der Abegg-Stiftung zur Begutachtung des Erhaltungszustandes des Heiligen Rockes beigezogen.