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"Ein sehr skurriles Feld": Kirchenkritiker und Buchautor Horst Herrmann über die Faszination von Reliquien

Trier. Horst Herrmann hat das "Lexikon der kuriosesten Reliquien" geschrieben. Im Interview mit Volksfreund-Redakteurin Christiane Wolff erläutert der Theologe und profilierte Kirchenkritiker, was es mit der katholischen Reliquienverehrung auf sich hat - und spricht über die skurrilsten Reliquien, die ihm bei seinen Recherchen begegnet sind.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein "Lexikon der kuriosesten Reliquien" zu schreiben?
Horst Herrmann: Ich habe seit den 1970ern den Ruf, ein scharfer Kirchenkritiker zu sein - da bot sich irgendwann auch dieses Thema für eine Veröffentlichung an. Anfangs dachte ich zwar, dass es bereits kritische Untersuchungen auf diesem Gebiet gäbe - so war es aber nicht, und deshalb fing ich an zu recherchieren. Erst war ein schmaler Band geplant, dann hatte ich aber schnell spannende Informationen über 400 Reliquien zusammen, und es wurde ein ganzes Buch daraus - das sich übrigens sehr gut verkauft hat.

Welches ist die sonderbarste Reliquie, die Ihnen bei den Recherchen unterkam?
Herrmann: Nun, es ist insgesamt ein sehr skurriles Feld. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts behaupteten zum Beispiel sage und schreibe 13 europäische Kirchen, die Vorhaut Christi zu besitzen - und vorzuzeigen. Erst dann schob der Vatikan einen Riegel vor und verbot jegliche Verlautbarung über diese vermeintliche Reliquienfülle. Eine gute Quelle sind im Übrigen Italien-Reiseführer aus den 1970ern: In diesen fand ich Hinweise auf etliche italienische Kirchen, die Ampullen mit Muttermilch Mariens aufbewahren.

Wie viele Reliquien sind Ihrer Meinung nach denn überhaupt echt?
Herrmann: Es gibt neuere Reliquien - zum Beispiel von ehemaligen Päpsten wie Johannes Paul II. - die durchaus echt sein können. Sämtliche ältere Reliquien, vor allem aus der Zeit Jesu, sind dagegen mit Sicherheit nicht authentisch. Zum Beispiel die sogenannten Helenen-Funde: Helena, die Mutter des in Trier wohlbekannten Kaisers Konstantin, ist etwa 300 Jahre nach Jesu Tod ins Heilige Land gepilgert und hat dort auf wundersame Weise gleich kistenweise diese Reliquien gesammelt. Da fragt man sich doch, wie und wo diese die Zeit seit Jesu Tod unversehrt überstanden haben sollen? Hinter vielen zu Reliquien erklärten Dingen steckt pures Wunschdenken. Würde man beispielsweise alle in Kirchen aufbewahrten Holzsplitter vom Kreuz Jesu zusammenfügen, könnte man daraus eine ganze Arche Noah bauen.

Viele Gläubige sind trotzdem von Reliquien fasziniert.
Herrmann: Zum einen hat die katholische Kirche die Reliquienverehrung im 18. und 19. Jahrhundert bewusst wieder aufleben lassen. Die Katholiken wollten so nach Napoleon und dem evangelischen Preußentum wieder Fuß fassen und etwas Besonderes aufbieten, um sich von den Protestanten abzuheben. Zum anderen werden Reliquien gewisse heilende oder glaubensstärkende Kräfte zugeschrieben. Viele Pilger erhoffen sich auch einen Ablass der Sündenstrafen - und dass sie so für kürzere Zeit im Fegefeuer schmoren müssen. Dass Reliquien nicht echt im eigentlichen Sinne sind, ist für die wahren Gläubigen offenbar nicht ausschlaggebend.

Zur Heilig-Rock-Wallfahrt werden mehr als eine halbe Million Pilger erwartet. Was macht ausgerechnet die Trierer Reliquie so anziehend?
Herrmann: Es ist in der Tat unglaublich, dass "eine Völkerwanderung durch eine Handvoll Lammwolle erregt wird", wie schon im 19. Jahrhundert der aus Koblenz stammende katholische Publizist Josef Görres über die Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt gesagt hat. Aber immerhin handelt es sich beim Heiligen Rock um eine sogenannte Herren-Reliquie, die direkt von Jesus stammen soll. Und die sind selten, schließlich ist Jesus ja in den Himmel aufgefahren - Knochen oder andere Körperteile kommen daher nicht als Reliquien infrage.
Der Heilige Rock ist außerdem gut anzuschauen, besser als Blutstropfen oder Fingerknöchelchen. Er lässt sich prunkvoll in einem Schrein präsentieren - was eine gute Show bedeutet.

Lässt sich die Reliquienverehrung denn theologisch aus der Bibel heraus begründen?
Herrmann: Die Bibel ist eindeutig: Die Nähe zu Jesus Christus geschieht ausschließlich im Glauben, nicht über die Betrachtung oder die Berührung von Stoffresten und anderen Reliquien - das steht aus theologischer Sicht außer Zweifel.
Wie kann denn dann ausgerechnet eine Reliquien-Wallfahrt die Ökumene voranbringen, wie das Trierer Bistum es durch das Wallfahrtsmotto "Und führe zusammen, was getrennt ist" beabsichtigt?
Herrmann: Die Reliquienverehrung gehört zum Befremdlichsten, Skurrilsten, das die katholische Kirche hervorgebracht hat. Der Gedanke, dass ausgerechnet die Heilig-Rock-Wallfahrt die getrennten Kirchen inhaltlich zusammenbringen soll, ist daher absurd bis wunderlich. woc
Extra

Horst Herrmann, 1940 geboren, wurde 1970 zum Professor für katholisches Kirchenrecht an der Universität in Münster berufen. Wegen kritischer Forschung, Lehre und Veröffentlichungen entzog ihm die Kirche 1975 als erstem Theologen in Deutschland die Lehrerlaubnis. 1981 trat er aus der Kirche aus, wechselte in den Fachbereich Sozialwissenschaften und hatte an der Universität Münster bis zu seiner Emeritierung 2005 einen Lehrstuhl für Soziologie inne. Herrmann war Herausgeber der im Goldmann Verlag erschienenen "Bibliothek des Querdenkens". Unter dem Pseudonym Peter Simon veröffentlichte er auch zwei Kriminalromane, die im Umfeld des Vatikans spielen. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zu kirchen- und religionskritischen Themen geschrieben, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Zu seinen bekanntesten Büchern zählt das 1976 mit einem Nachwort von Heinrich Böll erschienene "Die sieben Todsünden der Kirche". Das "Lexikon der kuriosesten Reliquien" ist 2003 im Verlag Rütten&Loening erschienen und zurzeit vergriffen. woc