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Karneval
Fastnacht mit der KG Heuschreck Trier – Wenn Gollum auf Knallrotkäppchen trifft

Premiere Heuschreck-Sitzung in Trier FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Spieglein, Spieglein an der Wand – wer sind die Lustigsten im ganzen Land? Die Aktiven der Karnevalsgesellschaft Heuschreck gehören mit ihrem Motto „Heubbit - Märchen reloaded“ auf jeden Fall dazu. Von Rebecca Schaal
Rebecca Schaal

Es war einmal eine Stadt, wie sie schöner nicht sein könnte. Autofahrer, Fahrradfahrer und Fußgänger lebten in friedlicher Koexistenz, niemand musste lange im Stau stehen, gut ausgebaute Radwege machten immer mehr Menschen Lust, aufs Velo umzusteigen. Fernverkehrszüge fuhren im Stundentakt in den repräsentativen Bahnhof ein, Bustickets gab es zu vernünftigen Preisen. Und wer auch immer eine bezahlbare Wohnung suchte, der fand sie auch.

Sie merken schon: Dieses Trier existiert nur im Märchen. Seit dem tollen Auftritt des Heuschreck-Chors bei der ersten Sitzung dieser Session in der Europahalle möchte man fast sagen: zum Glück. Es wäre nämlich schade drum, hätte der Chor diese Probleme nicht mit sehr eingängigen Melodien besingen können: „Bus und Bahn, Radwege-Netz, Mobilität in Planung, davon hat bei uns in Trier keiner so richtig Ahnung.“ Oder – angelehnt an Herbert Grönemeyer: „Auch beim Wohnkonzept wird nicht viel gehen, der Mietpreiswucher bleibt bestehen – was soll das? ... Womit haben wir das verdient, dass ihr euch dem Geld so andient?“

Für die Texte des Heuschreck-Chors verantwortlich ist Gerhard Kress – und er dürfte zudem die wandelbarste aller Heuschrecken sein: genial sein Auftritt als schizophrenes Wesen „Gollum“ aus Herr der Ringe, wenn er zusammen mit dem Heubbit (Alexander Houben) allerlei Angsteinflößendes aus einer Truhe hervorholt – von Fake News über Groko bis hin zu AfD-Mann Alexander Gauland (unter großem Beifall dargestellt von Thomas Kiessling. Was ein akkurat gezogener Scheitel und eine Brille ausmachen können... ). Das wunderschöne Bühnenbild stammt von Claudia Kautz; das Publikum findet sich inmitten des Auenlandes und weiterer Herr-der-Ringe-Figuren wie Gandalf, Baumbart, Galadriel & Co. wieder.

Das war’s dann aber auch nahezu mit den kommunalpolitischen Themen, was bei einigen Stadtratsmitgliedern im Saal für Aufatmen gesorgt haben dürfte, bei so manchem Zuschauer aber für Bedauern. Zumindest politisch wird’s dann aber noch einmal, wenn Hofnarr Kress den Herrscher Houben vor den Augen der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer zum Lachen bringen soll.

So gibt’s Nachhilfe für die AfD, sollte sie sich überlegen, Büttenredner künftig genauso anschwärzen zu wollen wie Lehrer: „Kress ist mein Name. K-R-E – mit dem Rest kennen Sie sich ja aus.“ Und das Publikum bekommt eine Lehrstunde in politischer Korrektheit: „Man sagt nicht mehr Diesel. Das heißt jetzt Auto mit Emissionshintergrund.“

Heuschreck-Premiere feiern an diesem Abend Isabell Kiefer und Francois Rischard als „Der Fischer und seine Frau“, die mit dem wohl kürzesten Märchen der Welt vorgestellt werden: „Es war einmal ein glückliches Ehepaar...“ Die beiden Figuren haben aber doch eine Gemeinsamkeit, nämlich ihre große gegenseitige Abneigung.

Nicht zimperlich geht’s auch bei Rainer Lübeck zu, der als Hans im Glück auf der Bühne steht, sich aber auch schon als Das tapfere Schneiderlein oder Räuber Hotzenplotz verdingt hat  und seine Erlebnisse mit großem schauspielerischen Talent vorträgt.

Und was passiert, wenn Trier auf Luxemburg und das Saarland trifft? Ein ziemlich lustiges Sprachen-Wirrwarr, wie Andrea Ley, Marika Leonardy und Ulrich Leonardy beweisen (Letzterer als herrlich pöbelnder und uncharmanter Geist im Spiegel). Die bisweilen sehr langen Büttenreden sorgen dafür, dass der Ausflug ins Märchenland rund sechs Stunden dauert.

Der letzte Redner-Auftritt des Abends gebührt Helmut Leiendecker – und da kommt keiner heil raus: Lachtränen fließen, Köpfe landen auf dem Tisch oder der Schulter des Nachbarn, Bäuche werden gehalten. Als „Knallruutkäppchen“ kann Leiendecker beim Heuschreck endlich ein Trauma aufarbeiten: dass seine Mutter eigentlich viel lieber ein Mädschie gehabt hätte (Das Problem nämlich: „Meine beiden Brüder sind auch keine Mädchen“). Das ging so weit, dass alles rosa umgefärbt wurde: Vaters Blaumann, Blaumeisen, Blauschimmelkäse... Und überhaupt: So unterhaltsam wurde die Geschichte vom Rotkäppchen (das natürlich Viez im Korb hat), der Großmutter und dem bösen Wolf noch nie erzählt. Wer hätte gedacht, dass es im Magen eines Wolfs gar nicht mal sooo ungemütlich ist – sondern mehr wie 2 Zimmer, Küche, Bad?

Vielleicht ist das ja die Lösung für Triers Mangel an bezahlbarem Wohnraum ...