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Trier: KV Heuschreck feiert Kappensitzung in der Europahalle

Karneval : Die Trierer Heuschrecken narren ganz Europa

Unter dem Motto „Heuropa“ ruft Triers älteste Karnevalsgesellschaft die Revolution aus und feiert auch gleich ihr 170-jähriges Bestehen. Es ist einer ihrer letzten Auftritte in der Europahalle.

Satire, Biss, Witz, Action auf der Bühne – all das erwartet man  von der 1848 gegründeten Karnevalsgesellschaft Heuschreck. Die Europahalle ist am Samstagabend wie immer voll, als um 18.11 Uhr die Heuschreck-Hymne ertönt und der Einmarsch der Narren beginnt. Das Thema Europa liefert auf vielen Ebenen hervorragende Munition für den motivierten Narren.

Das beweist Gerhard Kress gleich in der ersten Bütt des Abends als Lehrer einer multinationalen Klasse und gibt dem Klassenversager Alexander Gauland gleich mal eine Sechs in Geschichte. „Nein, Alexander, Mehmet Scholl ist nicht der Bruder von Sophie.“ Kress ist in Form, mit Souveränität und Esprit hat er die Zuschauer auf seiner Seite.

 Jetzt geht die Party los: Mehr als 700 Zuschauer feiern in der Europahalle die Auftaktsitzung der KG Heuschreck. Helmut Leiendecker (Foto rechts) hat dieses Mal keine eigene Bütt, tritt aber zusammen mit der Bloas auf.
Jetzt geht die Party los: Mehr als 700 Zuschauer feiern in der Europahalle die Auftaktsitzung der KG Heuschreck. Helmut Leiendecker (Foto rechts) hat dieses Mal keine eigene Bütt, tritt aber zusammen mit der Bloas auf. Foto: TV/Hans Krämer

Ebenso beliebt wie gefürchtet sind die Schmähgesänge des Heuschreck-Chors. Dieser erscheint als bunte Sammlung typischer Europäer vom Franzosen mit einem Baguette bis zum Schotten mit einem Kilt und erhält Besuch von einem freundlichen Chinesen, der wegen Karl Marx nach Trier kommt, aber irrtümlich im gleichnamigen Modehaus bei der Konstantinbasilika landet.  Der Brexit, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron,  der Separatismus in Spanien – der Chor nutzt alle Vorlagen, die Europa ihm bietet.

Als im Publikum schon erste Befürchtungen wach werden, die Kommunalpolitik sei dieses Mal dem europäischen Motto zum Opfer gefallen, macht der Heuschreck-Chor auch eine kurze Stippvisite in Trier und singt angelehnt an das Musical Les Misérables über die Aral-Tankstelle in der Ostallee. Der Kampf um die als blaue Lagune berühmt gewordene Aral-Tankstelle ist aber auch eine Vorlage, die jeder Karnevalist sicher gerne annimmt.

Die Pratzbähnt aus Irsch präsentiert Blasmusik, die man nicht für möglich gehalten hätte. „Rhythm is a Dancer“ von Snap (1992) mit Tuba und Trompete? Kein Problem für die Jungs. Die Kindergarde, die Heuschreck-Garde und das Heuschreck-Ballett mit einer starken Interpretation von „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd (1979) bieten Action auf der Bühne.

Andrea Ley steht schon sehr lange für Heuschreck in der Bütt. Marika Leonardy nicht. Sie ist erst zum dritten Mal dabei, übernimmt wieder ihre Stammrolle als luxemburgisches Landei und begeistert das Publikum. Ganz klar: Sie mag die Bütt, und die Bütt mag sie. Ley und Leonardy spielen gemeinsam eine Trierer und eine Luxemburger Weinkönigin und erreichen Platz zwei auf der Liste der meisten Lacher des Abends. Platz eins folgt noch.

Harald Reuschs Spielwiese ist die große Politik. Als Zigarrenfabrikant Andreas Tond sinniert er, frei und ohne Vorlage sprechend, über Deutschland und Europa. „Martin Schulz schaut ja oft so, als habe er das Sodbrennen erfunden“, sagt Reusch und fügt hinzu: „Aber durch ihn wissen wir wenigstens, dass Würselen kein Druckfehler ist.“

Rainer Lübeck, ebenso wie Reusch ein Veteran der Heuschreck-Bütt, ist völlig unpolitisch, dafür aber frivol und schon in Mimik und Gestik so witzig, dass die Leute Tränen lachen. Er ist der eben erwähnte Platz eins auf der Lacher-Liste. Alexander Houben nimmt als „Wichshännschen“ Trier aufs Korn.

Aber da fehlt doch einer. Mundart-Kultautor und Musiker Helmut Leiendecker ist zwar mit seiner Bloas auf der Bühne und macht aus der Sitzung wieder eine große Party, aber er hat dieses Mal keine eigene Bütt. Seine intensive Arbeit für das kleine Volkstheater hat das Schreiben des für ihn typischen dadaistischen und urkomischen Vortrags nicht zugelassen. Das Publikum in der Europahalle nimmt es mit Humor und tanzt trotzdem ausgelassen.

 Auftaktsitzung KG Heuschreck Trier
Auftaktsitzung KG Heuschreck Trier Foto: TV/Hans Krämer

Die Akteure: Gerhard Kress, Andrea Ley, Marika Leonardy, Rainer Lübeck, Harald Reusch, Alexander Houben, Kindergarde, Heuschreck-Garde und Ballett (Leitung Reveriano Camil), Heuschreck-Chor (Leitung Stephan May), Mehringer Winzerkapelle, Pratzbähnt, Helmut Leiendecker und die Leiendecker Bloas.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Auftaktsitzung der KG Heuschreck Trier