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"Ich bin der höchste Ortsvorsteher Triers"

"Ich bin der höchste Ortsvorsteher Triers"

Der kleinste Stadtteil braucht mitunter einen besonders energischen Fürsprecher, um seine Interessen durchzusetzen. Karl-Josef Gilles ist seit 1999 Ortsvorsteher und berichtet im TV-Interview, wie ihm das gelingt.

Trier. Im Landesmuseum kümmert er sich um die römischen Münzen, in seiner Freizeit um die Interessen der Filscher: Karl-Josef Gilles. Für die Stadtteiltour stand der gebürtige Moselaner TV-Redakteur Michael Schmitz Rede und Antwort.
Herr Gilles, welches ist der schönste Trierer Stadtteil?
Karl-Josef Gilles: Nicht nur als Ortsvorsteher muss ich natürlich sagen, dass Filsch der schönste ist. Es ist der kleinste und höchstgelegene. Deshalb sage ich auch immer scherzweise: Ich bin der höchste Ortsvorsteher von Trier (lacht).

Sie selbst sind kein "Ur-Filscher".
Hat es lange gedauert, bis Sie im Stadtteil akzeptiert wurden?
Gilles: Ich hatte schon 15 Jahre in Trier gewohnt, da hat sich mein Sohn im Stadtteil engagiert. Und er hat mich dann bearbeitet, als Ortsvorsteher zu kandidieren. Ich wurde gewählt, also wurde ich offenbar auch akzeptiert.
Wenn man in Filsch rausgeht, sagt man dann, "Ich geh ins Dorf"?
Gilles: Früher hat man das vielleicht gesagt, aber es gibt ja leider nichts mehr, wo man hingehen kann. Es ist keine Kneipe mehr da, und wer zum Friseur geht, der sagt ja nicht: "Ich geh ins Dorf."
Vermissen viele im Stadtteil das Filscher Häuschen?
Gilles: Das wird schon vermisst. Wir schaffen ja jetzt Ersatz, indem wir die Kulturscheune haben. Da finden ab und an Veranstaltungen statt. Und wir haben demnächst, wenn die Kita errichtet ist, dort einen eigenen Versammlungsraum, den wir mit Ortsbeiratsmitteln geschaffen haben.
Im Grunde ist Filsch noch in vielerlei Hinsicht ein Dorf geblieben, oder?
Gilles: Ja, knapp 50 Prozent der Bevölkerung sind noch richtige Ur-Filscher, und die lassen einen das mitunter auch spüren. Damit hat Filsch vermutlich auch den höchsten Anteil in der Stadt. Das wird sich natürlich jetzt völlig ändern. Die entstehenden Neubaugebiete BU 13 und BU 14 sind von der Bevölkerung her dann vielleicht doppelt so groß wie Alt-Filsch. Falls ich als Ortsvorsteher noch mal antrete, wird das auch meine Hauptaufgabe sein: wie man diese Neubürger integriert bekommt.
Wie kann so etwas gelingen? Viele von den Bewohnern ziehen ja vermutlich nicht dorthin, weil sie nach Filsch wollen, sondern weil sie froh sind, eine schöne Baustelle zu bekommen …
Gilles: Ja, landschaftlich ist es sehr schön, Wälder sind in der Nähe. Das ist vermutlich auch der Grund, dorthin zu ziehen. Alles andere in Sachen Integration müssen nun die Vereine leisten. Und ein Anfang wird sicher mit der Kita gemacht, die auf Filscher Gebiet liegt und das ganze Neubaugebiet umfasst. Wenn die Kinder gemeinsam in die Kita gehen, bilden sie ja eine Einheit und fühlen sich verbunden.
Die Eingemeindung von Filsch liegt 40 Jahre zurück. Gibt es heute noch Filscher, die der Selbstständigkeit hinterhertrauern?
Gilles: Die gibt es schon noch. Aber damals bei der Eingemeindung gab es ja Probleme, die heute gar nicht mehr aktuell sind. Im Eingemeindungsvertrag ging es zum Beispiel um solche Themen wie die Befreiung vom Schlachthofzwang oder Friedhofsangelegenheiten. Andererseits steht da auch der Bau des Kindergartens drin - der jetzt erst realisiert wird.

Man muss also keinen Separatismus mehr befürchten? 2012 wurde in Filsch ja eine eigene Ortsteil-Fahne gehisst …
Gilles: Nein, das diente wie das überarbeitete Wappen von 2003 dazu, das Selbstbewusstsein und die Identifikation mit dem Stadtteil zu fördern. Mit Separatismus hatte das nichts zu tun. Es war bestenfalls eine kleine Provokation (lacht).
Ein Stadtteil mit 800 oder bald 1000 Einwohnern hat einen Ortsvorsteher und einen Ortsbeirat. Ist das wirklich nötig, oder wäre es nicht besser, eine gemeinsame Vertretung für die Höhenstadtteile Tarforst, Irsch, Kernscheid und Filsch zu organisieren - die ja immer mehr zusammenwachsen und gemeinsame Interessen haben?
Gilles: Das ist, glaube ich, nicht möglich. Die Mentalität lässt das nicht zu. Zwischen einzelnen Ortsbezirken sind die Unterschiede sehr stark. Das ist schon historisch so gewesen. In kirchlicher Sicht geht das zwar, mit Olewig und Tarforst zusammen bilden die Stadtteile ja eine Pfarrei. Aber ich glaube, als großer Ortsteil, das ginge auf Dauer nicht gut.
Bis jetzt haben wir bei unseren Interviews zur Stadtteilserie keinen Ortsvorsteher getroffen, der nicht über Verkehrsprobleme geklagt hätte. Welche Klage führen Sie?
Gilles: Der Verkehr geht an Filsch ja überwiegend vorbei. Nur manchmal, wenn es zu Staus kommt, fahren Leute dann die Schleichwege durch den Ort. Was noch stört, ist die Lärmbelastung bei den Filscher Häusern, die an der Straße gebaut sind. Sie liegen eigentlich an den Parallelstraßen, haben aber die Gartenseiten zur L 143 und L 144. Die Anwohner sind genervt. In Tarforst hat man Lärmschutz gemacht für die Anlieger - und das fordern wir auch für Filsch.
Am Wochenende wird in Filsch das Scheunenfest gefeiert. Warum lohnt es sich, auch als Nicht-Filscher da mal vorbeizukommen?
Gilles: Man kann da einiges erleben - und auch mal sehen, was man aus einem alten, eigentlich nutzlosen Gebäude wie dieser Scheune machen kann, wenn es kein Gasthaus mehr in einem Stadtteil gibt. Man kann gar nicht genug hervorheben, was der Heimat- und Kulturverein da mit viel Eigenarbeit alles erreicht hat.Extra

Karl-Josef Gilles ist Ortsvorsteher in Trier-Filsch. Erstmals gewählt wurde er in dieses Amt 1999 - damals war er mit 49 Jahren jüngster Ortsvorsteher in Trier. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er stammt aus Zell an der Mosel. Mit seinem Sohn Joachim sitzt er für die FDP im Trierer Stadtrat. Ob er noch einmal als Ortsvorsteher antritt, hat er noch nicht entschieden. Er ist nicht abgeneigt, sagt aber auch: "Ich habe keine Lust, mir später den Geburtstagswein selbst als Ortsvorsteher vorbeizubringen." mic