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In geliehenen Turnschuhen auf dem Weg zum Rock

In geliehenen Turnschuhen auf dem Weg zum Rock

Mit Wallfahrten hat er als Jude nichts am Hut, trotzdem ist Michel Friedman nach Trier gepilgert. Der Anwalt, Publizist und Moderator ist auf Recherchereise und hat die Strecke von Schweich zum Trierer Dom zu Fuß zurückgelegt - in Turnschuhen zum Anzug.

Trier. Es ist die erste Wallfahrt von Michel Friedman. Nur deswegen ist er in den feinen Schuhen in Schweich angetreten, um die 18 Kilometer nach Trier zu pilgern. Über vom Regen schlammig gespülte Wege. Sein Fotograf hat ihm dann ausgeholfen und Friedman kam in Turnschuhen zum Anzug in Trier an. Der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Anwalt und Publizist, war beruflich unterwegs. Für die Zeitung Welt am Sonntag schreibt er die Reihe "Ein Fall für Friedman", und diesmal sollte es um die Heilig-Rock-Wallfahrt gehen.
Er ist als Beobachter gekommen. "Nachdem alle sagen, dass das Hemd nicht das Hemd ist, bin ich fasziniert davon, was die Fantasie der Menschen und ihre Sehnsucht nach dem Mystischen für eine Kraft entwickeln können", sagt Friedman. Eine Selbsttäuschung nennt er das, die aber von starken Bedürfnissen motiviert sei. Von der Suche nach Gemeinsamkeit, nach Nähe, nach Trost. "Das sind universelle Bedürfnisse, auf die es verschiedene Antworten gibt", sagt er.
Friedman ist Jude, die katholische Tradition der Wallfahrt ist ihm fremd. Aber unter den Wallfahrern aus Manderscheid fühlt er sich dennoch nicht fremd. "Mein Judentum gibt mir genug Selbstbewusstsein, um mit meinen jüngeren christlichen Geschwistern umzugehen", sagt er. Er habe sich immer für den Dialog zwischen Christen und Juden eingesetzt. Einen Rückschritt sieht er allerdings in dem Bemühen Papst Benedikts XVI., die Piusbrüder wieder in die katholische Kirche einzugliedern. 2000 von ihnen kamen am Sonntag zum Heiligen Rock. "Es würde mich außerordentlich irritieren, und es wäre ein Rückschlag für die katholische Identität, wenn radikale Kräfte, die das Zweite Vatikanische Konzile nicht anerkennen, wieder Einfluss bekämen", sagt Friedman.
Angekommen im Dom will Friedmann von seiner Pilgergruppe wissen, wie es denn nun gewesen sei, den Heiligen Rock zu sehen. Ausgiebige Antworten bekommt er nicht. "Katholiken fühlen", sagt Pater Johannes Müller, der Pastor aus Manderscheid. Viel darüber geredet werde nicht.
Wie Friedman seine erste Wallfahrt erlebt hat, ist am Sonntag, 13. Mai, in der Welt am Sonntag zu lesen. red