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Interview mit Wolfram Leibe: „Man hat nicht geglaubt, dass ich eine Chance habe“

Interview mit Wolfram Leibe: „Man hat nicht geglaubt, dass ich eine Chance habe“

In einer Explosion des Jubels erlebt Wolfram Leibe die ersten Minuten nach dem Endergebnis. Mitten in diesen emotionalen Momenten stellt er sich den Fragen des TV und spricht auch über seine Mitbewerberin Hiltrud Zock.

Das Foyer des Rathaussaals ist ein Tollhaus, Freunde und Anhänger feiern Wolfram Leibe wie einen Bundesliga-Torschützen. Der Sozialdemokrat ist der Sieger der mit hoher Wahrscheinlichkeit knappsten Trierer Oberbürgermeisterwahl aller Zeiten. Mit TV-Redakteur Jörg Pistorius spricht Leibe über den Adrenalinstoß bei der Verkündung des letzten Stimmbezirks, seinen Wahlkampf und auch seine Mitbewerberin Hiltrud Zock.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Leibe. Wie fühlen Sie sich?

Wolfram Leibe: Absolut glücklich. Ein unglaublicher Moment.

Die endgültige Entscheidung fiel erst mit den Briefwahlstimmen, die zuletzt gezählt wurden. Bis dahin lag Hiltrud Zock knapp vorn. Haben Sie das Ergebnis auf der Leinwand gesehen, oder war der ausbrechende Jubel Ihr Signal?

Leibe: Es war der Jubel. Den habe ich zuerst wahrgenommen, weil ich eine Sekunde nicht auf die Leinwand geschaut habe. Ich musste mich dann tatsächlich zuerst der Tatsache versichern, dass dieser Jubel mir gilt.

Viele Beobachter mussten genau hinsehen, die Spannung war gewaltig. Beide Kandidaten haben sich ein rekordverdächtig knappes Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert.

Leibe: Das ist richtig. Bei diesem knappen Ergebnis ist es mir persönlich auch aus Gründen der Fairness sehr wichtig, etwas klar zu sagen: Der Abstand ist so knapp, dass diese Oberbürgermeisterwahl auch anders hätte ausgehen können.

Am Ende lagen 111 Stimmen zwischen Ihnen und Frau Zock.

Leibe: Demokratie heißt: Auch nur eine Stimme Mehrheit ist ausreichend für einen Wahlsieg.

Haben Sie eine Botschaft an Ihre Mitbewerberin Hiltrud Zock?

Leibe: Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei Frau Zock bedanken. Demokratie lebt davon, dass Menschen bereit sind, sich einen Wahlkampf anzutun.

"Sich einen Wahlkampf antun" - das ist eine ungewöhnliche Wortwahl.

Leibe: Aber sie trifft zu. Ich meine mit dieser Formulierung, dass ein Kandidat in einem Wahlkampf rausgehen und kämpfen muss. Das haben wir sehr intensiv getan, alle drei Kandidaten, auch Fred Konrad. Und jetzt habe ich mit einem knappen Abstand gewonnen.

Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen lagen Sie fast zehn Prozentpunkte hinter Hiltrud Zock zurück und haben diesen enormen Rückstand aufgeholt. Wie war das möglich?

Leibe: Das war möglich durch Präsenz draußen bei den Menschen. Mein Ziel war es, so viel wie möglich draußen zu sein und eben nicht große Anzeigen zu schalten. Es ging mir darum, den Menschen zu begegnen und mit ihnen zu reden.

Das war Ihre Strategie gegen den Bekanntheitsvorsprung von Frau Zock?

Leibe: Ich habe gerade in den letzten Tagen wirklich mehrere Hundert Haushalte aufgesucht, habe mich dort persönlich vorgestellt. Zwischendrin habe ich mal gespottet, ich habe Plattfüße.

Was haben Sie den Leuten erzählt?

Leibe: Ich bin offen auf die Menschen zugegangen und habe signalisiert, dass ich Fachkompetenz besitze und eine echte Alternative bin. Es scheint mit gelungen zu sein, diese Botschaften glaubhaft rüberzubringen.

Glauben Sie, Ihr Erfolg hängt mit Protestreaktionen der Wähler gegen die hart kritisierten Absprachen der CDU und der Grünen zusammen?

Leibe: Ich kann es nicht sagen. Das ist Spekulation. Ich habe immer gesagt, ich rede nicht über die anderen, sondern ich stelle mich und mein Programm vor.

War der Wahlkampf aus Ihrer Sicht fair?

Leibe: Ich habe einen fairen Wahlkampf geführt. Ich war in der Position des Angreifers. Man hat lange nicht daran geglaubt, dass ich eine Chance habe. Hakeleien, wie es sie in der Schlussphase gegeben hat, gehören ein Stück weit dazu. Wenn es diese Hakeleien gibt, dann wird man als Bewerber auch ernst genommen.

Werden Sie sich jetzt von all diesem Stress erholen? Ihr Dienst als OB beginnt erst im April 2015.

Leibe: Keine Chance. Am Dienstag steige ich in den Zug und gehe wieder arbeiten. Meine Kollegen bei der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit in Stuttgart warten auf mich.

Kommentar: Jetzt ist die Zock im Leibe gefragt