1. Dossier

Jede Menge verborgene Schätze

Jede Menge verborgene Schätze

Heiligkreuz war wahrscheinlich immer zu nahe an der Trierer Innenstadt, um einen eigenen dörflichen Charakter zu entwickeln. Dafür besitzt der Stadtteil reihenweise schöne Wohnstraßen, schmucke Häuser - und viele wunderbare Plätze, die man von außen auf den ersten Blick gar nicht wahrnimmt.

 Ort mit wechselhafter Geschichte: das Herrenbrünnchen. Tv-Foto: Friedemann vetter
Ort mit wechselhafter Geschichte: das Herrenbrünnchen. Tv-Foto: Friedemann vetter
 Tonnenschwer und wertvoll: die Großplastik des weltberühmten Bildhauers Eduardo Chillida vor der Era. Tv-Foto: Friedemann Vetter
Tonnenschwer und wertvoll: die Großplastik des weltberühmten Bildhauers Eduardo Chillida vor der Era. Tv-Foto: Friedemann Vetter
 Idylle nach japanischem Vorbild: Der Garten von Ilse-Maria Engel-Tizian ist einer der verborgenen Schätze. Foto: Privat
Idylle nach japanischem Vorbild: Der Garten von Ilse-Maria Engel-Tizian ist einer der verborgenen Schätze. Foto: Privat
 Seltenheit im Stadtteil: Heiligkreuz hat einen eigenen Weinberg. Lagenname: Reiher-Weiher Heiligkreuz. TV-Foto: Friedemann Vetter
Seltenheit im Stadtteil: Heiligkreuz hat einen eigenen Weinberg. Lagenname: Reiher-Weiher Heiligkreuz. TV-Foto: Friedemann Vetter

I.
Die Heiligkreuzer sind ein hartnäckiges Volk. 13 Jahre haben sie um die Restaurierung der Kreuzweg-Treppe gekämpft, die mit ihren 67 Stufen die Höhe der Bernhardstraße mit den Tiefen des Altbachtals verbindet. Jahrelang haben sie ihr Stadtteilbudget aufgespart, bis 100 000 Euro beisammen waren, mehr als die Hälfte des notwendigen Budgets. Schick ist die Route geworden, samt den sanierten steinernen Kreuzwegstationen. Und ordentlich beleuchtet. Was man in Trier durchaus als Luxus bezeichnen kann. Prächtige Ausblicke Richtung Stadt gibt\'s als Sahnehäubchen obendrauf.
II.
Mit seinen eigenen Attraktionen geht Heiligkreuz durchaus bescheidener um. Zum Beispiel mit Triers wertvollstem modernen Kunstwerk. Hinter den monumentalen, römisch inspirierten Mauern und Triumphbögen der Europäischen Rechtsakademie (Era) fristet der "Käfig der Freiheit" eine traurige Randexistenz. "Der Renner ist es nicht", sagt die freundliche Dame an der Era-Rezeption auf die Frage, ob sich ab und zu ein Tourist hierhin verirrt, um die Großplastik des berühmten Bildhauers Eduardo Chillida zu besichtigen.
Als das tonnenschwere Teil - die "Schwesterplastik" ziert das Entrée des Bundeskanzleramts - 1998 aufgestellt wurde, residierte hier auch noch die Landeszentralbank. Geld spielte keine Rolle, und so bestellte man beim Weltstar Chillida ein ordentliches Trumm Kunst. Geschätzter Wert vor ein paar Jahren: 1,3 Millionen Euro. Doch Original-Chillidas sind im Wert seit dem Tod des Maestros im Jahr 2002 permanent gestiegen. Auch wenn man es dem rostigen "Käfig der Freiheit" nicht direkt ansieht.
III.
Immerhin: Das Kunstwerk kann man mit sehr viel Mühe von der Straße aus gerade noch erkennen. Das Herrenbrünnchen gleich gegenüber zählt dagegen zu den gänzlich verborgenen Schätzen des Stadtteils. Das zweigeschossige Barock-Gebäude samt dem malerischen Ambiente wandelte sich einst vom römischen Tempel zum Brunnenhaus, diente später als Sommerresidenz und dann als edle Ratsherrenstube - was man nach einer sorgfältigen Innenrenovierung auch wieder sehen kann. Von hier aus wurden die Brunnen der Stadt mit Wasser versorgt. Wer gute Verbindungen zum Eigentümer, den Stadtwerken, hat, darf hier auch schon mal Festivitäten abhalten. Das gemeine Volk kommt gelegentlich auch rein, etwa im Rahmen der "Trier für Trierer"-Besichtigungstouren.
IV.
Weiter bergauf, wo noch vor wenigen Jahren die Härtetestspur für Auto-Achsen verortet war, flüstert der inzwischen reparierte Asphalt nur noch leise vor sich hin. Dafür sind die Anfeuerungsrufe nebenan auf dem VfL-Sportplatz wieder lauter geworden. Der größte Heiligkreuzer Verein hat eine Berg- und Talbahn hinter sich. Einst Fußball-Rheinlandmeister, Stammverein von Größen wie Paul Pidancet, Paul Linz oder Ludwig Dahler, ging es ganz weit in den Keller. Beinahe-Insolvenz, Absturz in die C-Klasse. Doch das ist Vergangenheit. Nicht nur, weil die Männermannschaften ihrem Verein zum 100. Geburtstag im vergangenen Jahr zwei Meisterschaften schenkten. Sondern auch, weil die Vorsitzende Kathrin Braun-Hülsmann stolz auf 320 Jugendspieler verweist. "Jugendtrainer gesucht" steht denn auch groß auf Plakaten entlang der Sportanlage. "Der Verein hilft uns, die Kinder von der Straße zu holen", lobt Ortsvorsteher Theodor Wolber. Das ginge noch viel besser, gäbe es einen Kunstrasenplatz, der auch bei schlechtem Wetter bespielbar ist.
V.
Wenn jemand mit einem sehr kräftigen Schuss den Ball vom VfL-Platz quer über die Berliner Allee drösche, dann könnte selbiger fast im Garten von Ilse-Maria Engel-Tizian landen. Noch so ein verborgener Schatz. "Am Hüttchen" nennt sich das hübsche Wohngebiet, wo Trierer Prominenz wie Helmut Leiendecker eine Heimstatt gefunden hat. Das Architekten-Ehepaar Engel-Tizian hat hinter seinem Haus vor 25 Jahren einen Traum-Garten nach japanischem Vorbild angelegt. Im Frühsommer verwandeln blühende Rhododendren und Azaleen nebst lauschigem Wasserlauf den kleinen Park in ein Paradies. Nur, dass diejenigen, die ein paar Meter entfernt über die Hauptstraße brettern, von diesem Paradies nichts ahnen.
VI.
Auch von anderen Dingen ahnt man nichts. Wenn, zum Beispiel, Ortsvorsteher Wolber den kleinen TV-Reportagetrupp auf einen verschlungenen Waldweg lotst. "Hier gibt\'s doch nie im Leben einen Weinberg", zweifelt der misstrauische Fotografenkollege. Doch vier Wendungen und ein paar nasse Füße weiter stehen wir vor einem blitzsauber angelegten Wingert. Über uns die letzten Häuser von Mariahof, unter uns die ersten von Heiligkreuz. Privatleute betreiben den Weinberg, fast alle aus Heiligkreuz, der Ortsvorsteher mittendrin. 1000 Flaschen feinherber Riesling-Qualitätswein Trierer St. Mattheiser sind der normale Jahresertrag. Das Etikett ist künstlerisch-modern, der Schraubverschluss zeitgemäß. Nur der (geografisch korrekte) Lagenname würde der Vermarktung eines alkoholischen Getränks entgegenstehen: Er lautet: Reiher-Weiher Heiligkreuz.
VII.
Ganz weit oben in Heiligkreuz liegt der Wolfsberg. Und knapp unterm Wolfsberg liegt das Zwergenreich, zu Deutsch: der Waldorf-Kindergarten. Nebenan aus der Waldorfschule dringt Hämmern und Schleifen - die Eltern richten dort in den Ferien die Klassenräume wieder her. Psssst! Nicht, dass die klamme Stadt Trier noch auf Ideen kommt. Jedenfalls: Es ist fast auf den Tag genau fünf Jahre her, da war Zwergenland abgebrannt. Zum Glück am Abend, wo niemand da war. Aber 1,4 Millionen Euro Sachschaden. Ein Jahr später war alles wie neu. Die Kinder haben die Beinahe-Katastrophe längst vergessen. Der Stadtteil noch lange nicht.
VIII.
Ein versierter Bergwanderer könnte querfeldein vom Wolfsberg, am Mattheiser Weiher vorbei, geradewegs durch die Kleingartenkolonie bis mitten nach Alt-Heiligkreuz marschieren. Aber ohne Ortskenntnisse würde er wahrscheinlich das schönste Fleckchen Erde in Trier nie zu sehen bekommen. Dabei sind die Schönstattkapelle und der Caspary-Park frei zugänglich. Wenn man sie findet. Die kleine Kapelle ist reich mit Blumen geschmückt, innen brennen Kerzen. Die Bäume des Parks wachsen so riesig empor wie die Funken-Fontänen eines Feuerwerks. Bänke laden zum Verweilen und zur Muße ein - und dass der Weg, der zur Anlage führt, Friedensstraße heißt, kann unmöglich ein Zufall sein.
IX.
Durch im besten Sinne gutbürgerliche Wohnstraßen geht es von den Schönstatt-Schwestern noch einmal hoch zum "Stadtteilzentrum" rund um die Pfarrkirche. Schule und Kita sind hier angesiedelt, kleinere Geschäfte von Toto-Lotto über Schuhladen bis Apotheke. Und natürlich der Brunnen. Übermäßig belebt sieht es nicht aus. Aber die Kirche ist ein Erlebnis. Ein riesiger Kubus, kein Schnickschnack, große Linien. Was der Architekt Gottfried Böhm Anfang der 1960er Jahre da hingestellt hat, strahlt eher den spröden Charme eines protestantischen Gotteshauses aus als die verspielte Pracht einer katholischen Kirche. Eine unglaublich Akustik. Das ganz leise "Bing", das eine eingehende SMS auf dem Handy anzeigt, hallt fünf Sekunden lang aus allen Richtungen nach. Einmal im Jahr, beim Weihnachtskonzert, bändigen die Trierer Sängerknaben diesen Schallraum. Ein Wunder.
X.
Gut, ein Wunder ist das China-Restaurant Lotus nicht. Aber doch ein Phänomen. Denn es hält sich in Heiligkreuz seit 35 Jahren. Als die Brüder Yuen ihre Gastronomie 1979 in der Tesse nowstraße eröffneten, war ein Chinese in der Trierer Restaurant-Landschaft etwa so exotisch wie heutzutage ein Veganer. Und es dauerte Jahre, bis die Witze über die angeblich zu Chop Suey verarbeitete Tierart verstummten. Heute ist das Lotus zumindest mittags eine Art Stadtteil-Kantine, mit einem lokalen Publikum, dem weniger nach überseeischen Delikatessen gelüstet als nach dem unschlagbaren Preis-Leistungsverhältnis beim Büfett. Keine Ahnung, was "All you can eat" auf Chinesisch heißt. Aber im Lotus galt diese Devise schon lange bevor clevere Werbestrategen sie erfanden. Und so schließt sich die Heiligkreuzer Stadtteiltour mit einem Pflaumenwein.
volksfreund.de/stadtteiltour