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Jugendliche und Ärzte diskutieren über Organspende

Jugendliche und Ärzte diskutieren über Organspende

Die Bereitschaft unter Jugendlichen, zur Organspende ist groß, doch nur wenige haben einen Organspendeausweis. Eine Informationsveranstaltung im Rahmen der Heilig-Rock-Wallfahrt unternahm den Versuch, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Alexandra Winter hat Glück gehabt. Als ihr Herz nach einer Herzmuskelentzündung, verursacht durch Pfeiffersches Drüsenfieber, nur noch zehn Prozent Leistung erbrachte, da brauchte sie ein Spenderorgan. Nur fünf Wochen lag die Mainzer Oberstufenschülerin auf der Intensivstation, als schon die Nachricht von einem geeigneten Spender eintraf. "Er war wohl nicht viel älter als ich", erzählt sie. Und: "Ich würde jetzt hier nicht mit Euch in Trier sitzen, wenn nicht irgendwo da draußen, ein Mensch "Ja" gesagt hätte zur Organspende."

Über Organspende wird nicht viel gesprochen in Deutschland und schon gar nicht unter Jugendlichen. Das sollte sich in der Kirche der Jugend am Paulusplatz ändern. Dort fand eine Jugendmesse mit anschließender Diskussionsrunde statt, in der ein Mainzer Transplantationsmediziner, ein Trierer Neurologe und ein Trierer Nephrologe versuchten, viele Vorurteile auszuräumen. Die 17-jährige Alexandra Winter erzählte offen, wie es für sie war, auf ein neues Herz zu warten und heute, fünf Monate nach der Operation, das Leben wie ein Geschenk zu sehen.

Zum Gottesdienst kam auch der Hamburger Rapper Bo Flower, der zurzeit mit seinem Lied "Von Mensch zu Mensch" durch Deutschland tourt, um über Organspende zu sprechen. Jugendliche aus dem Offenen Treff Orenhofen und Rodt hatten kurzerhand mit dem Rapper Kontakt aufgenommen und ihn zur Wallfahrt in die Jugendkirche eingeladen. "Schon cool hier", sagte der Musiker, als er es sich zum Gottesdienst mit Diözesanjugendpfarrer Matthias Struth auf den Sitzkissen am Boden gemütlich machte. In Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse (TK) klärt der Rapper über Organspende auf. "Aber in einer Kirche haben wir das bisher noch nie getan!"

Unter der in wechselndes Farblicht eingetauchten Kreuzigungsgruppe hinter dem Altar stand ein Krankenbett. Davor ein Modell mit Organen. Im Gottesdienst regten viele Fragen zum Nachdenken an. Wie gehe ich mit meinem Leben um? Was bedeutet mir mein Leben? Was macht mein Leben wertvoll? "Was kann es für mich Befriedigenderes geben, als mit meinem Tod Leben zu retten", sagte die 16-jährige Sara und zeigte den anderen in der Runde ihren Organspendeausweis, den sie im Portemonnaie bei sich trägt.

12000 Menschen, sagte Pastoralreferent Roland Hinzmann, warteten bundesweit auf ein lebensrettendes Organ. Allein in Rheinland-Pfalz stünden mehr als 500 Menschen auf der Warteliste. Im Sommer wird der Deutsche Bundestag ein neues Transplantationsgesetz mit der sogenannten Entscheidungsregelung verabschieden, nach der jeder Bürger künftig von seiner Krankenkasse nach seiner Haltung zur Organspende befragt werden soll.

"Die Zahl der Organspender in Deutschland reicht seit Jahren nicht aus, um allen Menschen auf den Wartelisten rechtzeitig eine Organtransplantation zu ermöglichen", sagte Dr. med. Johannes Wilhelm Rey von der Universitätsklinik Mainz. Vor allem junge Menschen, deren Organe besonders gut für eine Transplantation geeignet wären, besäßen nur selten einen Organspendeausweis. In einer Umfrage, die Rey unter allen Oberstufenschülern der Landeshauptstadt gemacht hat, waren es nur 11,3 Prozent. Gleichwohl befürworteten 63 Prozent der Schüler im Falle ihres Hirntodes die eigene Organspende. Deutlich höher sei die Bereitschaft, wenn die Jugendlichen bereits mit den Eltern über das Thema Organspende gesprochen hätten (70,8 Prozent) oder wenn die Eltern selbst einen Organspendeausweis hätten (83,8 Prozent).

Der Neurochirurg Dr. Michael Kiefer und der Nephrologe Dr. Andreas Thum vom Trierer Brüderkrankenhaus betonten, dass nur im Falle eines Hirntodes eine Organspende überhaupt möglich sei. "Der Hirntod muss auf der Intensivstation von zwei erfahrenen Ärzten diagnostiziert werden." Die Klinik, in der Organe entnommen würden, sei nie die Klinik, in der sie einem Patienten auch einpflanzt würden. Das Vorurteil, Patienten würden nicht bis zuletzt bestens versorgt, weil die Mediziner schon "ganz heiß auf ihre Organe" seien, habe mit der Realität nichts zu tun. Die Deutsche Stiftung Transplantation und die in sieben europäischen Ländern arbeitende Organisation "Eurotransplant" nehmen die Meldungen möglicher Organspender entgegen und koordinieren die Organspende für einen geeigneten Empfänger.

Wer das Organ gespendet hat, erfährt der Empfänger nicht. "Ich habe der Familie einen Brief geschrieben und mich bedankt", erzählt Alexandra Winter. Der Brief werde weitergeleitet. Mehr weiß sie nicht. Die Anonymität müsse gewahrt bleiben.