Julia Klöckner kämpft für den Wechsel

Julia Klöckner kämpft für den Wechsel

Zur Mittagszeit herrscht auf dem Marktplatz in Worm ungewohnt reger Betrieb. Trotz kühler Temperaturen warten rund 150 Menschen darauf, dass sie endlich kommt. „Julia, Julia“, schallt es, als ein großer Bus anrollt. Auf dessen Seite prangt ein fast vier Meter großes Bild einer blonden Frau. Das von Julia Klöckner.

Kaum ausgestiegen, wird sie umringt. "Schön, sie zu sehen", sagt ein Passant, dem sie sogleich die Hände schüttelt. Ein kurzes Schwätzchen beginnt, ehe Klöckner zum Rednerpult schreitet.
Szenen wie diese wiederholen sich an allen Orten, an denen die 38-Jährige auftaucht. Und derer gibt es viele in den Tagen vor der Wahl. Rund 5000 Kilometer legt die Christdemokratin auf ihrer Regionaltour im Bus kreuz und quer durch Rheinland-Pfalz zurück. Die Neugier auf die Herausforderin ist stets groß. Sie wird offen und freundlich empfangen, es wird gescherzt und gelacht.
Wer ist diese Frau, der die Herzen ihrer Partei zufliegen und die offensichtlich auch die Menschen für sich einzunehmen weiß? "Richtig" Politik betreibt Julia Klöckner, studierte Politologin/Theologin und gelernte Journalistin, seit neun Jahren. 2002 trat sie bei der Bundestagswahl als Direktkandidatin der CDU in Bad Kreuznach an. Sie verlor gegen SPD-Mann Fritz Rudolf Körper, zog aber dennoch über die Parteiliste ins Parlament ein. Drei Jahre später bezwang sie ihren Gegenspieler Körper knapp, bei der Bundestagswahl 2009 ließ sie ihm mit 18 Prozent Vorsprung keine Chance mehr. Mittlerweile ist sie nicht nur Spitzenkandidatin, sondern auch CDU-Landeschefin.

Aktuell wartet eine Herausforderung, die einer Herkulesaufgabe gleichkommt. Julia Klöckner muss das Denkmal Kurt Beck vom Sockel stoßen, wenn sie Ministerpräsidentin werden will. Und das will sie unbedingt. "Ich habe Respekt vor ihm, aber seine Zeit ist abgelaufen. Wir liefern uns in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Chancen stehen bestens."

Das Phänomen Klöckner lässt sich vielleicht am besten mit ihrem Wesen erklären. Frisch und fröhlich kommt sie daher, gewinnend, schlagfertig. Zwischenrufer bei ihren Reden nimmt sie nicht nur wahr, sondern geht direkt auf sie ein.

"Die ist aber nett", sagt eine ältere Dame im Cafe Maxi in Kusel nach ihrem Auftritt. Ein junger, türkischstämmiger Bursche in Worms eilt auf Klöckner zu und erzählt, er sei gerade wegen ihr CDU-Mitglied geworden, weil sie so jung und überzeugend sei. "Du bist in die CDU eingetreten, wie cool!", bekommt er zur Antwort.

Julia Klöckners Wahlkampagne ist auf sie ausgerichtet, und da besonders darauf, authentisch zu bleiben. Geboren in Bad Kreuznach, erzählt sie gerne von ihren heimischen Wurzeln und vom Weingut der Eltern in Guldental, wo sie oft verweilt und ausspannt. Müdigkeit oder Stress ob der vielen Termine, die Schlag auf Schlag folgen, scheint sie allerdings nicht zu kennen. Wird sie danach gefragt, sagt sie: "Wahlkampf ist die schönste Jahreszeit. Das macht mir Spaß, und bei den vielen Begegnungen lade ich meinen Akku wieder auf."

Wer die Wertvorstellungen der ehemaligen Deutschen Weinkönigin, die gerne Eintöpfe isst, Querflöte spielt und sich mit Freunden trifft, erkundet, bekommt dieses zu hören: "Ich setze auf Freiraum, damit jeder Einzelne sich entwickeln kann." Politik müsse von unten, vom Volk ausgehen und dürfe nicht zentral dirigiert werden. Leistung müsse stets Ansporn sein. Noten in Schulen stellten beispielsweise "keine Körperverletzung" dar. Klöckner plädiert "ganz klar" für Solidarität mit den Schwächeren der Gesellschaft, sagt aber auch: "Hartz IV ist kein Lebenszustand." Wenn der Staat eingreife, "dann muss das Hilfe zur Selbsthilfe sein, ohne Abhängigkeiten zu schaffen".

Staatsmännische Betrachtungen wie ihr SPD-Konkurrent - für Klöckner "in einer Demokratie ein Mitbewerber und kein Gegner" - stellt sie bei ihren Wahlkampfauftritten nicht an. Frei sprechend ohne Manuskript oder Notizzettel, lässt sie die Berliner Politik gänzlich außen vor.

Ihr Hauptthema ist die "Arroganz der Macht", die sie den regierenden Sozialdemokraten vorwirft. Affären wie am Nürburgring, beim Schlosshotel in Bad Bergzabern oder bei der missglückten Stellenbesetzung eines hohen Gerichtspostens durch den Justizminister seien "Fehler in Serie", wie sie nur im "System Beck" entstehen könnten. "So ein Parteifilz gehört abgeschafft!", ruft sie ihren Zuhörern zu - und erntet Applaus.

Gravierende Versäumnisse kreidet die Unionsfrau der Landesregierung im Umgang mit Finanzen an. Am Nürburgring und anderswo sei Steuergeld versenkt worden, die Schulden des Landes seien in der Ära Beck auf Rekordniveau gewachsen. "Sparen ist kein Thema, das sexy ist, ich geb's zu. Aber wir müssen sparen, um nachfolgende Generationen nicht über Gebühr zu belasten." Mit ihr als Ministerpräsidentin würden alle Ausgaben intensiv geprüft und schon 2016 keine neuen Kredite mehr aufgenommen, verspricht Klöckner.

In der Bildungspolitik skizziert sie "ganz andere Vorstellungen". Es dürfe keine Gleichmacherei und keine Einheitsschule geben. Bestehende Strukturen im Schulsystem will die Kandidatin belassen, aber die Qualität erheblich verbessern. "Wir werden einen Pool von Vertretungslehrern schaffen, um den drastischen Unterrichtsausfall zu reduzieren."

Gemessen an den misslichen Voraussetzungen zu Beginn ihrer Mission, scheint die Hoffnungsträgerin der CDU schon sehr weit gekommen zu sein. In allen Umfragen liegt die Union zwar hinter der SPD zurück, aber "auf Schlagdistanz", wie sie sagt. Trotz des stetigen Berliner Gegenwinds, zuletzt mit dem Rücktritt ihres Freundes Karl-Theodor zu Guttenberg als Verteidigungsminister, trotz der jahrelangen internen Querelen in der Landes-CDU, trotz der schmerzlichen Finanzaffäre der Landtagsfraktion, trotz eines schier übermächtigen, weil bekannten und beliebten Gegenspielers wittert Julia Klöckner ihre Chance, die jahrelang zementierten Machtverhältnisse in Rheinland-Pfalz auf den Kopf zu stellen. Ihr Credo lautet: "Zukunft statt Vergangenheit". Kurt Beck regiere seit mehr als 16 Jahren, das sei "mehr als genug".

Dabei riskiert die Frau, die "erfrischend anders" sein will und das selbstbewusst mit Aufklebern auf Getränkeflaschen ausdrückt, persönlich einiges. Ihren gut dotierten Job als Parlamentarische Staatssekretärin im Berliner Verbraucherschutzministerium hat Klöckner aufgegeben. Sie ist zwar noch Bundestagsabgeordnete, will aber auch dieses Mandat abgeben und sich nach der Wahl am 27. März ganz auf die Landespolitik konzentrieren.

Daran, dass es vielleicht nicht klappen könnte, verschwendet die CDU-Spitzenkandidatin nach eigenem Bekunden keinen Gedanken. Selbst dann nicht, wenn sie in roten Hochburgen wie Kusel oder Worms Station macht. Sie baut einerseits darauf, dass sie als junge Alternative wahrgenommen wird, die verstärkt junge Leute an die Wahlurnen lockt. Andererseits spricht sie gezielt das eigene Klientel an, dass es in Rheinland-Pfalz - siehe Europa-, Bundestags- und Kommunalwahlen - geben muss. "Wenn wir die im Land erreichen, die schon einmal die CDU gewählt haben, werden wir gewinnen."

Frank Giarra