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Festakt in der Trierer Basilika: Das Karl-Marx-Jahr ist eröffnet

Karl Marx : Festakt in Trier: Das Karl-Marx-Jahr ist eröffnet

Proteste begleiten den 200. Geburtstag des Philosophen. Jean-Claude Juncker betont bei einem Festakt in der Basilika, dass es dennoch richtig sei, an Marx zu erinnern.

Nach drei Jahren der Vorbereitung, mehr als fünf Millionen Euro Investitionen und vielen hitzigen Diskussionen ist das Trierer Karl-Marx-Jahr seit Freitagabend offiziell eingeläutet. Feierlich. Aber keineswegs störungsfrei. Zu umstritten ist der Mann, dessen 200. Geburtstag gefeiert wird.

1000 geladene Gäste sind zur Eröffnung der großen Landesausstellung über Leben, Werk und Zeit des Philosophen in die Konstantinbasilika gekommen: das regionale Who is Who aus Politik, Kultur und Wirtschaft sowie hochrangige Vertreter des Landes. Während draußen im Sonnenschein chinesische und rechte Demonstranten ihre Plakate in die Höhe recken, springt drinnen ein ehemaliger DDR-Bürger auf und brüllt in die feierliche Stille, die vor der Rede von Ministerpräsidentin Malu Dreyer herrscht: „Ich finde es ganz furchtbar, wenn ich erlebe, wie Marx hier geehrt wird.“ Ein Intermezzo, das zeigt, wie kritisch mancher das Engagement von Stadt und Land sieht.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker betont in seiner Festrede hingegen, Stadt und Land täten recht daran, an Marx zu erinnern. „Erinnern und Verstehen gehören zur Zukunftssicherung.“ Marx sei nicht für all die Gräueltaten seiner vermeintlichen Erben verantwortlich. Und Kapitalismus sei in der Tat eine Plage, wenn man ihn nicht nuanciere und den Menschen in den Blick nehme. „In Trier hat Marx seinen Sinn fürs Politische entdeckt“, sagt Juncker, der als Trierer Ehrenbürger öfter mal dazu verpflichtet werde, Festreden zu halten. Er genieße auch das Privileg, in Trier kostenlos beerdigt zu werden, wolle jedoch nicht hier sterben, scherzt er.

Auch Dreyer geht auf die Kritik ein: Bei keiner anderen Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts werde so kontinuierlich über Recht, Schuld und Aktualität debattiert wie bei Marx, sagt die Ministerpräsidentin. Die Landesausstellung, die im Landes- und im Stadtmuseum zu sehen ist, solle einem breiten Publikum die Möglichkeit geben, Marx’ Leben und Werk aus dem 19. Jahrhundert heraus zu verstehen und einzuordnen. Marx selbst habe die Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden, zwar nicht mehr erlebt, doch „wer von Kommunismus spricht, darf über Gewalt, Diktatur und Unfreiheit nicht schweigen“, sagt Dreyer. Daher sei sie dankbar, dass die Ausstellungen auch zu einem kritischen Blick auf Marx einladen. Zur Störung durch den kritischen Ex-DDR-Bürger sagt sie nur: „Wie schön, dass wir in einem Land leben, wo wir frei unsere Meinung äußern können.“

Sowohl Jörg Weber, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises, als auch Bischof Stephan Ackermann zeigen, dass sie und ihre Kirchen beim Thema Marx keine Berührungsängste haben. Ohnehin komme man als Theologe nicht an dem Mann vorbei, der Religion als Opium des Volkes bezeichnete, sagt Weber und betont, wie wichtig die Religionsfreiheit sei. Ackermann verweist auf die Ausstellung im Museum am Dom, die sich damit befasst, dass Arbeit mehr als Broterwerb ist. „Die Ausstellungen sind alle großartig“, schwärmt Kurt Beck, Chef der Friedrich-Ebert-Stiftung, deren Karl-Marx-Haus diesen Samstag wieder öffnet. Oberbürgermeister Leibe erzählt, er habe oft gehört, es sei ganz schön mutig, dass Trier sich des Themas Marx annehme. „Ich finde nicht, dass wir mutig sind“, sagt er. Es sei eine intellektuelle Herausforderung.

Auch für die Polizei wird Marx’ Geburtstag eine Herausforderung. Viel Prominenz und noch mehr Proteste begleiten die Feierlichkeiten und die Enthüllung der umstrittenen chinesischen Marx-Statue. Viele gehen auf die Straße: Rechte und Linke, Katholiken, Kommunismus-Opfer, Falun-Gong-Anhänger, ja selbst Tierschützer und Hebammen. Und der Mann, der in der Basilika so lautstark protestierte, hat einen Hungerstreik angekündigt.