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Arbeit
Schwerpunkt Karl Marx: Der Mensch, das Kapital der Wirtschaft

ARCHIV - 10.04.2018, Rheinland-Pfalz, Trier: Eine Frau wirft einen Euro in eine Karl-Marx-Spardose mit dem Aufdruck "Mein Kapital". (zu dpa «Der Prophet der Krise - Das Comeback des Karl Marx» vom 25.04.2018) Foto: Harald Tittel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 10.04.2018, Rheinland-Pfalz, Trier: Eine Frau wirft einen Euro in eine Karl-Marx-Spardose mit dem Aufdruck "Mein Kapital". (zu dpa «Der Prophet der Krise - Das Comeback des Karl Marx» vom 25.04.2018) Foto: Harald Tittel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: Harald Tittel / dpa
Trier. Prekäre Arbeit, Mobbing, Lohnspreizung: Regionale Wirtschaft und Arbeitnehmer sehen auch 200 Jahre nach Karl Marx den Menschen in Gefahr. Von Sabine Schwadorf
Sabine Schwadorf

Wann sind der Mensch und seine Arbeit wie viel wert? Wenn der Mensch 200 anderen eine Arbeit gibt und für Einkommen sorgt? Wenn er ein neues Medikament erfindet und so Tausenden das Leben rettet? Wenn er eine Jugendmannschaft trainiert, damit Teamgeist fördert und Kindern eine Freizeitbeschäftigung gibt? Wenn er Müll einsammelt oder die grünen Straßenstreifen mäht, um die Umwelt zu pflegen und Unfälle zu vermeiden? Wenn er seine Kinder erzieht und die Eltern bis in den Tod hinein pflegt?

Wie Arbeit wahrgenommen wird und wie wichtig sie für unsere Gesellschaft ist, damit beschäftigen sich schon lange Philosophen, Wissenschaftler, Unternehmer, Gewerkschafter und nicht zuletzt die Arbeitnehmer selbst. Spätestens seit der Finanzkrise vor zehn Jahren, der Vernichtung von Abermilliarden von Werten und Kapital sowie der zunehmend verheerenderen Auswirkungen der Globalisierung auf die Umwelt und nachfolgende Generationen zum reinen Ziel ausufernden Profits ist auch die ökonomische Theorie von Karl Marx wieder an die Öffentlichkeit geschwappt. Und gar bei denen angelangt, die für solches Gedankengut weniger bekannt sind.

Wirtschaftsprofessoren wie der Kölner Johann Eekhoff, Staatssekretär unter Helmut Kohl und Botschafter der unternehmernahen und marktliberaten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, rücken inzwischen von dem Ziel flexiblerer Löhne ab und schlagen eine staatliche Deckelung von Managergehältern vor.

Auch der Trierer Volkswirtschaftler Professor Reinhold Moser sagt: „So wie den Mindestlohn könnte man auch eine Grenze der Managergehälter festlegen.“ Ohnehin sei eine leistungsorientierte Festlegung von Löhnen eine Illusion. Wer wolle schon festlegen, ob die Arbeit eines Richters, eines Polizisten oder Lehrers mehr wert sei? Im Gegenteil: „Angesichts von mehr als 10 000 verschiedenen Tarifverträgen gibt es weder eine Marktlösung noch einen freien Arbeitsmarkt“, sagt Moser, der für eine starke Regulierung, den Flächentarif und starke Tarifparteien eintritt. Bei einem durchschnittlichen Stundenlohn aller Arbeitnehmer von 26 Euro in Deutschland und einem Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro sei die Lohnspreizung und damit der Bewertungskorridor von Arbeit enorm.

Als Philosoph und Trierer Volksfreund hat sich Karl Marx gerade Gedanken um den Wert einer Ware und damit auch um den Wert der Arbeit gemacht. Er sieht darin eben nicht nur eine Verrechnungseinheit, sondern einen Standard, die Arbeit als Ware wie jede andere. Und die kann ausgebeutet werden, weil der Arbeiter mehr Wert schafft, als zum Lebensunterhalt und zum Erhalt seiner Arbeitskraft nötig ist.

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Ein Sachverhalt, mit dem sich auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) auseinandersetzt. In ihrer aktuellen Imagekampgane setzen die Handwerker nämlich auf den Mehrwert, den sie für die Gesellschaft leisten, und den Stolz, den sie daraus ziehen sollten. „Natürlich bemisst sich der Wert der Arbeit danach, was gebraucht wird. Aber wir empfinden die Wertigkeit von Arbeit, gerade die Arbeit mit Händen, als ,verrückt’“, sagt Axel Bettendorf, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier. Wenn man Karl Marx aus der Situation seiner Zeit verstehe, so sei der „Handwerker der Proletarier von morgen, der im Zuge der Industrialisierung zum Malocher geworden ist“. Ein Beispiel aus der Praxis: Der Einsatz eines neuen Reißverschlusses kostet mit 30 Euro mehr als manch neue Hose. Die Spreizung der Löhne gerade bei der „Handarbeit“ sieht der oberste regionale Handwerker als großes Risiko an. Und dennoch gibt es auch Neugründungen, die hohe Stundensätze verlangen und davon leben können.

Auch bei Karl Marx verändert sich die Ausgangslage: Mit der Industrialisierung entsprechen die Preise vieler Güter nicht mehr den Arbeitsmengen. Was „diese ganze ökonomische Scheiße“ (Marx 1851 in einem Brief an seinen Freund und Förderer Friedrich Engels) weitaus komplizierter macht, als Marx es damals annimmt. Er irrt etwa, als er annimmt, dass sich mit der Vermehrung des Kapitals auch die Klassenverhältnisse und damit das Elend verstärken.

„Als Unternehmer ist es meine Aufgabe und mein Recht, Mehrwert zu schaffen“, sagt Unternehmer Thomas Simon, Gründer des IT-Hauses, eines der größten IT-System- und Handelshäuser in Deutschland aus Föhren (Kreis Trier-Saarburg), und Chef von 230 Beschäftigten. „Von der Analyse des Kapitals her lag Marx zwar richtig, aber die Frage ist doch, wie wird mein erzeugter Mehrwert verteilt. Und hier sehe ich in erster Linie den Menschen“, sagt er. Wichtig sei, dass „die Menschen von ihrer Hände Arbeit auch leben können“. Und die aktuelle Wirtschaftsordnung sei demnach zu kapitalistisch strukturiert: „Regularien und Mindeststandards sorgen auch für Ordnung“, sagt der Unternehmer.

Und so gilt Karl Marx auch als erster Theoretiker der Globalisierung, der weissagt, dass im Industriekapitalismus „alle Nationen dazu gezwungen sind, sich eine Welt nach dem Bild der Bourgeoisie zu schaffen“. Mit all den Folgen – von der Klimaerwärmung über den Raubbau von Rohstoffen bis hin zum Artensterben infolge der Umweltvermüllung.

Dies ruft Aktivisten wie den österreichischen Attac-Gründer Christian Felber (Vortrag am Donnerstag, 14. Juni, 20 Uhr, in der Tufa Trier) auf den Plan, der ein Modell der Gemeinwohl-Ökonomie erfunden hat, nach dem die Orientierung am größten Profit durch die Begrenzung von Reichtum abgelöst werden soll. Mit mehr als 2000 unterstützenden Unternehmen global zwar eher ein kleines Senfkorn Hoffnung, aber im Zusammenhang mit Mikrokrediten in Entwicklungsländern, ethischen Geldanlagen und dem Trend zu nachhaltigem Konsum und Repair-Cafés durchaus mehr als nur eine Bewegung.

„Arbeit. Macht.Sinn.“ heißt auch das Programm der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Deutschlands, die mehr denn je eine sozialere und gerechtere Weltordnung für notwendig hält. „Wir sehen eine steigende Zahl befristeter und prekärer Arbeitsverhältnisse, auch in der Selbstständigkeit“, sagt Thomas Kirchen,  Geschäftsführer und Referent des KAB-Bildungswerkes Trier. Und dies gerade im sozialen Bereich etwa bei Betreutem Wohnen oder im Bildungsbereich, wo hohe gesetzliche Verantwortung auf Honoraranstellung stoße.

„Der Mensch muss vor wirtschaftlichen Interessen stehen“, sagt Kirchen und plädiert für die Vision der „Tätigkeitsgesellschaft“. „Diese Vision besagt: Ob Familienarbeit, Gemeinwohlarbeit oder Erwerbsarbeit  – der Mensch muss frei wählen können“, sagt KAB-Geschäftsführerin Ruth Mareien de Bueno und hofft auf neue Impulse durch das Trierer Marx-Jahr. Damit erübrige sich auch die Frage: Ist der Mensch nur dann etwas wert, wenn er einer Erwerbsarbeit nachgeht?

Doch selbst innerhalb der katholischen Kirche wird darüber heiß diskutiert: Während die KAB als Lösung ein Grundeinkommen für jeden fordert, ist Kardinal Reinhard Marx, Namensvetter des Philosophen, Triers Ex-Bischof und aktuell Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, strikt dagegen. Einig ist man sich dennoch, dass sich das Wirtschaften ändern muss: „Arbeit ist immer mehr Mittel zum Zweck geworden, der Wert des Menschen unterhöhlt. Viele knüpfen ihr komplettes Selbstwertgefühl an die Arbeit“, sagt Kirchen, der seit Jahren Mobbing-Opfer berät.

Auch Volkswirt Reinhold Moser von der Hochschule Trier plädiert für einen höheren Wert von Arbeit und damit des Menschen. „Wir verhökern in Deutschland derzeit unser wichtigstes Kapital, unsere Arbeitskraft Mensch.“ Ob Donald Trump nun unsere Handelsüberschüsse kritisiere oder nicht: „Unser Überschuss ist ein Defizit in anderen Ländern. Und das führt dauerhaft ins Chaos. Wir können uns jährlich Lohnsteigerungen von drei Prozent in Deutschland leisten – ohne den anderen weiter die Luft zum Atmen zu nehmen.“   

Die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) hat sich zu ihrem 125-jährigen Bestehen die soziale Frage neu gestellt und ein Buch zur "Überwindung des Kapitalismus herausgegeben.
Die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) hat sich zu ihrem 125-jährigen Bestehen die soziale Frage neu gestellt und ein Buch zur "Überwindung des Kapitalismus herausgegeben. FOTO: KAB
Das deutsche Handwerk wirbt aktuell in seiner Imagekampagne für den Wert des Handwerks und seiner Arbeit für die Gesellschaft.
Das deutsche Handwerk wirbt aktuell in seiner Imagekampagne für den Wert des Handwerks und seiner Arbeit für die Gesellschaft. FOTO: ZDH
Erlangt gerade jetzt Aktualität: „Grüß Gott! Da bin ich wieder! Karl Marx in der Karikatur“ ist eine Sammlung aus dem Bestand von 600 Karikaturen aus über 150 Jahren, die noch bis heute im Foyer der Stadtbibliothek Trier zu sehen ist.
Erlangt gerade jetzt Aktualität: „Grüß Gott! Da bin ich wieder! Karl Marx in der Karikatur“ ist eine Sammlung aus dem Bestand von 600 Karikaturen aus über 150 Jahren, die noch bis heute im Foyer der Stadtbibliothek Trier zu sehen ist. FOTO: - / dpa