Köder für Kreuzchen-Lieferanten

Köder für Kreuzchen-Lieferanten

Da sind sie wieder, die dauerlächelnden Damen und Herren am Straßenrand. Aufgehübscht durch die Knochenarbeit der Fotografen und die Finessen des Computer-Fotoshops, würden manche wohl nicht mal von ihren eigenen Eltern erkannt, stünden der Name und die Parteizugehörigkeit nicht deutlich daneben.

Es ist Wahlkampf-Zeit, und da pflegen die Parteien die aus dem Steuerzahler-Säckel finanzierten Gelder bei Werbe-Agenturen abzuliefern, um sich Slogans und Plakate maßschneidern zu lassen, die den durchschnittlichen Kreuzchen-Lieferanten erreichen sollen. Meistens erreichen sie freilich bei selbigem bestenfalls ein Kopfschütteln.

Die raffinierteste Strategie im laufenden Landtagswahlkampf hat die CDU entwickelt. Nichts ärgert den Wähler bekanntlich mehr als von Sonne und Wind ausgebleichte Plakate, denen man ansieht, dass sie schon wochenlang herumgehangen haben. Ergo plakatierten die Christdemokraten ihre Spitzenkandidatin Julia Klöckner von vornherein derart verwaschen, dass selbst heftigste Klima-Einwirkungen das Bild nicht mehr blasser machen konnten, als es ohnehin war.

Dagegen springt der markante Klotzkopf von Titelverteidiger Kurt Beck derart aufdringlich ins Bild, dass man seinen Einsatz an Unfallschwerpunkten im Grunde untersagen müsste. Für seine Slogans scheint die Agentur alle Begriffe zusammengeschmissen zu haben, von denen man glaubt, dass die Menschen sie nett finden: Heimat, Beschäftigung, Wachstum. Und dann wurde die Reihenfolge ausgelost: Wachstum durch Beschäftigung in der Heimat? Beschäftigung dank heimatlichem Wachstum? Heimat für wachsende Beschäftigung? Völlig egal, ist eh alles sinnfreier verbaler Müll.

Kurt Beck, der Sprachschänder? So klein macht's die CDU denn doch nicht. Sie lässt den Landeschef als düsteren Paten im Kasperletheater auftreten, der das ganze Land an Marionettenfäden führt. Fehlen nur CDU-Frau Klöckner und FDP-Mann Mertin als Kasperle und Seppl.

Aber Herbert Mertin zieht es vor, als wackerer Wirtschaftsförderer vor einer hässlichen Monster-Brücke zu posieren, die zur sofortigen Aberkennung von jeglichem Weltkulturerbe-Status führen würde. Es gibt aber zur Auswahl auch den Öko-Mertin vor malerischer Weinbergskulisse oder das Modell "Gymnasium" für Liberale mit Latinum. Freidemokraten sind halt flexibel, was die Kundschaft angeht.

Die Linken hingegen stehen für klare inhaltliche Aussagen - wie zum Beispiel "Ich liebe dich!".Da weiß man wenigstens, was man hat. Vielleicht stand da ja auch zunächst "Ich liebe euch alle." Wer war das noch damals? Hieß der nicht Erich Mielke? Und war das nicht bei der letzten Sitzung der DDR-Volkskammer? Selber schuld, wenn man solche Assoziationen provoziert.

Zu ganz anderen Reminiszenzen animiert der Trierer Spitzenkandidat der Grünen. Als kleines grünes Männlein auf grünem Untergrund linst er aus dem Plakat und wirkt dabei wie eine Kreuzung aus Lord Voldemort und Mork vom Ork. Aber das ist immerhin ästhetisch progressiv und damit ein ordentliches Gegengewicht zum Dumpfbacken-Humor der NPD. "Minirock statt Minarett" lautet die Parole, garniert mit einem knackigen deutschen Mädel. Hmm. Warum nicht gleich "Titten statt Türken" samt entsprechender Bebilderung? Würde das Stammtisch-Wählerpotenzial sicher freuen. Oder "Adolf statt Asyl", für die ältere NDP-Klientel.

Da lobt man sich doch die Piraten-Partei. Da grinsen nette Fahrradkuriere als Kandidaten vom Plakat, oder karikaturbegabte Bewerber zeichnen sich gleich selbst. Sogar zur Ironie sind die Piraten fähig: "Vertrau keinem Plakat", lautet der Slogan - natürlich auf Plakaten.

Leider muss man befürchten, dass die SPD jene Plakate, auf denen nur blanke rote Farbe prangt, nicht als Satire gedacht hat. Schöner kann man die komplette Inhaltslosigkeit des Straßenwahlkampfs nicht auf den Punkt bringen. Das eröffnet aber auch eine Perspektive: Warum bringt beim nächsten Mal nicht jede Partei einfach ein textloses, unifarbenes Plakat heraus? Schwarz, rot, grün, gelb, braun, orange: Jede Kommune stellt dann einen Stellplatz am Stadteingang zur Verfügung, wo alle Farben prangen, und gut is'. Spart immerhin 70 Cent mal geschätzte zwei Millionen Wähler an Wahlkampfkostenerstattung. Dem Volk wär's sicher recht.

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