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Mathematikerin mit schwieriger Rechenaufgabe

Agnes Tillmann-Steinbuß
Agnes Tillmann-Steinbuß FOTO: Tobias Senzig
Speicher. Agnes Tillmann-Steinbuß will die VG Speicher so schnell wie möglich mit anderen Kommunen fusionieren. Dann gebe es auch wieder Geld, um die Infrastruktur zu verbessern, meint sie - und bessere Bedingungen für den Neustart einer weiterführenden Schule. Tobias Senzig

Speicher. "In fünf Jahren existiert die VG Speicher nicht mehr": Das ist Agnes Tillmann-Steinbuß\' Antwort auf die Frage, wo sie die VG im Jahr 2019 sieht. Beim Thema Kommunalreform nimmt die Frau aus Speicher kein Blatt vor den Mund. "Wir müssen das in die Hand nehmen und mit den Leuten ehrlich sein", sagt sie.
Ihr sei es wichtig, die Realität genau zu erfassen. Und die Realität sehe so aus, dass Speicher auf die anderen Verbandsgemeinden zugehen müsse - und nicht umgekehrt. "Die VG muss bitten, nicht locken", meint die 61-Jährige. Alles andere grenze an Größenwahn. "Eine Zwangsfusion wird nicht die optimale Lösung sein", erklärt sie. Bei einer freiwilligen Fusion stünden der Kommune jedoch mehrere Möglichkeiten offen. Zudem könne die VG dann auf die von der Landesregierung ausgelobte Hochzeitsprämie hoffen.
Tillmann-Steinbuß sieht noch einen weiteren Vorteil in der freiwilligen Vereinigung mit einer größeren VG: Sie hofft, dass dann auch der Neubeginn für eine weiterführende Schule in Speicher leichter wird. Die Bildungseinrichtung zurückzuholen, ist das größte Anliegen der Mutter von drei erwachsenen Söhnen.
"Man kann der Auffassung sein, dass die Schule erst gar nicht geschlossen worden wäre, wenn die VG schon jetzt fusioniert wäre", sagt sie - und macht ihre Prioritäten klar: "Eine Schule vo r Ort ist wichtiger als ein Bürgermeisterbüro."
Sie verweist auf die Situation der Speicherer Schüler, die jeden Tag nach Bitburg pendeln müssten: "In der Realschule plus in Bitburg wird es in der fünften Klasse bald zehn Parallelklassen geben." Und einige Kinder säßen schon jetzt eine Stunde lang im Bus, um überhaupt dorthin zu kommen. "Wir brauchen ein gutes Schulkonzept, dass speziell auf Speicher und die Ortsgemeinden abgestimmt ist", fordert sie deshalb. Dafür wolle sie als Bürgermeisterin mit allen Mitteln kämpfen. Seit 30 Jahren lebt Tillmann-Steinbuß in Speicher. Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen. In Münster studierte sie Mathematik, danach arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Fern-Uni Hagen, wo sie 1983 promovierte. 1987 kaufte sie gemeinsam mit ihrem Mann, einem Wirtschaftsinformatiker, das Haus neben dem Speicherer Bahnhof. Sie arbeitet als Unternehmerin, Journalistin und ist Gastdozentin an der Uni Trier.
Kurz nach ihrem Umzug in die Eifel trat sie auch in die Speicherer SPD ein. Sie engagierte sich in unterschiedlichen Ausschüssen, war für verschiedene Wahlperioden Mitglied im VG-Rat und im Speicherer Stadtrat. Von 2004 bis 2009 war sie Vorsitzende des Speicherer SPD-Ortsvereins.
Dennoch tritt sie bei der Wahl zum VG-Bürgermeister nicht als SPD-Frau an. "Eine Bürgermeisterin sollte nicht von Parteilobbyisten oder Parteigliederungen abhängig sein", sagt sie. Sie findet es "gut und befreiend", als Unabhängige zu kandidieren.
Sollte sie gewählt werden, will sie sich optimal auf ihren neuen Job vorbereiten. So hat sie sich im Rathaus für eine außergewöhnliche Praktikumsstelle beworben: Beim jetzigen VG-Bürgermeister Rudolf Becker will sie bis zur Amtsübernahme ein Praktikum machen.Das fordert Agnes Tillmann-Steinbuß

Besserer Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): "Ich will in der Verbandsgemeinde Speicher alternative ÖPNV-Angebote und -Methoden ausprobieren. Zum Beispiel preiswerte Anrufsammeltaxen oder Bürgerbusse. Die Züge fahren jetzt schon regelmäßig bis in den Abend. Aber die Anbindung der Dörfer an die die Bahnhöfe muss verbessert werden."

Networking: "Meine wichtigste Aufgabe ist das Networking. Für Firmen, die gute Arbeitsplätze bieten, werde ich notfalls einen roten Teppich ausrollen, um sie für die VG zu gewinnen. Ich werde mich um jegliche Form von Infrastrukturverbesserung bemühen. Um Käufer für leerstehende Häuser und Baugründstücke zu finden, werde ich selbst die Initiative ergreifen."

Mehr Transparenz: "Ich fordere mehr Transparenz bei der Entscheidungsfindung im Rat und in den Verwaltungsabläufen. Ich möchte verständlich erklären, welchen Spielraum die Menschen haben, und wie für mich selbst die sachgerechte Lösung aussieht. Diese soll im Sinne des Gemeinwohls und der Rahmenbedingungen für unsere Kinder getroffen werden." senVG Speicher

In der Verbandsgemeinde Speicher leben 8088 Menschen. Die VG im Südosten des Eifelkreises Bitburg-Prüm ist 60 Quadratkilometer groß und besteht aus neun Ortsgemeinden.

Hauptort und Verwaltungssitz ist Speicher. Die Stadt ist mit 3295 Einwohnern auch die mit Abstand größte Gemeinde der VG. Speicher ist in der Landesplanung als Grundzentrum ausgewiesen, 2011 wurde dem Ort der Stadtstatus verliehen.

Die VG Speicher ist von der Auflösung bedroht. Bei der zweiten Runde der Kommunalreform, bei der bis 2019 auch die Kreisgrenzen neu gezogen werden könnten, droht ihr die Auflösung: Ihre Einwohnerzahl liegt deutlich unter der vom Land geforderten Mindestzahl von 12 000 Menschen. sen