1. Dossier

Mini-Stadtteil ist 1040 Jahre alt - mindestens

Mini-Stadtteil ist 1040 Jahre alt - mindestens

Filsch ist mit derzeit knapp 800 Einwohnern der kleinste der 19 Trierer Stadtteile, aber der älteste der Höhenstadtteile. Die erste urkundliche Erwähnung datiert von 973. Tatsächlich aber dürfte "Vilche" noch älter sein.

Trier-Filsch. Es war in der Karwoche des Jahres 882, als Tausende Normannen Trier überfielen und regelrecht "plattmachten". Es dauerte Generationen, bis der Schock verdaut war und der Wiederaufbau richtig in die Gänge kam. Auch die Klöster als Wirtschafts- und Kulturzentren brauchten lange, um sich von dem verheerenden Schlag zu erholen. Erst die Erzbischöfe Theoderich (Amtszeit 965 bis 977) und Egbert (977 bis 993) statteten die Klöster mit dem für ihr Wirken notwendigen Grundbesitz aus - was urkundlich festgehalten wurde. Theoderich schenkte 973 der Benediktinerabtei St. Maria ad Martyres unter anderem die "curia Vilche", einen Gutshof mit sechs Bauerngütern am Fuße des sieben Kilometer südöstlich von Trier gelegenen Schellbergs. Diese urkundliche Erwähnung, 1030 noch einmal bestätigt, gilt als die Geburtsstunde von Filsch. Laut Ortsvorsteher Karl-Josef Gilles (63) ist Filsch aber "zweifellos um einige Jahrzehnte älter - mindestens!" Denn die Bauerngüter seien 973 gewiss nicht neu angelegt worden.
Trotz urkundlichen Belegs wurde in Filsch weder 1973 noch 1998 das 1025-jährige Bestehen gefeiert. "Das ist wohl aus Unkenntnis verschwitzt worden", mutmaßt der Wahl-Filscher Gilles, der seit 1999 Ortschef ist und die nächstbeste terminliche Gelegenheit nutzte, Versäumtes nachzuholen. 2003 feierte Filsch sein 1030-Jähriges, und Gilles, Archäologe und Historiker in Diensten des Rheinischen Landesmuseums und damals Vorsitzender des örtlichen Heimat- und Kulturvereins, beglückte seine Wahlheimat mit einer rund 380 Seiten starken Ortschronik. Darin kommt auch die römische Vorgeschichte nicht zu kurz. Im 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. lag auf der Anhöhe bei der heutigen Kapelle ein römischer Gutshof, wie Sarkophag- und Grabfunde aus den Jahren 1884 und 1975 belegen.
Die Zahl der anno 973 erwähnten Höfe blieb bis ins frühe 18. Jahrhundert nahezu unverändert. Politisch gehörten das Dorf und das Gericht Filsch, zu dem auch der Kleeburger Hof zählte, zum kurtrierischen Amt Pfalzel.
Die heutige Kirche St. Luzia, 1780 an der Stelle eines romanischen (12./13. Jahrhundert) und eines spätgotischen Vorgängerbaus (1499) errichtet, gehörte hingegen zum Nonnenkloster auf dem Martinsberg (früherer Name des Petrisbergs). Bis 1803 bildete Filsch mit Gusterath eine eigenständige Pfarrei, dann wurde das Dorf im Zuge der napoleonischen Neuordnung dem benachbarten Irsch zugeschlagen und die Kirche eine Filiale der Irscher Pfarrkirche.Geschwüre und Wundschorf



Seit dem 17. Jahrhundert war das Filscher Gotteshaus eine Pilgerstätte, an der Wallfahrer Hilfe bei Aussatz und Hauterkrankungen suchten. Sie verehrten dort unter anderem den heiligen Lazarus, das Filscher "Schwärenmännchen" (von Geschwüren abgeleitet), und die heilige Felicitas, die grindige (von Wundschorf befallene) Jungfrau. Da die Kirche St. Luzia auf antiken Bauresten steht und in der Nähe früher eine stark kohlensäurehaltige Quelle sprudelte, könnte sie auf ein römisches Pilger- und Quellheiligtum zurückgehen.
Die Filscher betrieben bis weit ins 20. Jahrhundert intensiv Ackerbau, Viehzucht und einen bescheidenen Weinbau. Sie belieferten die Wochenmärkte in der Stadt vor allem mit Butter, Eiern und saurem Rahm, der als Filscher Spezialität galt.
Mittlerweile hat sich das 1969 eingemeindete kleine Bauerndorf zu einem Wohnstadtteil entwickelt. Da Filsch jedoch weniger als die anderen Höhenstadtteile expandierte und sich die Einwohnerzahl in den vergangenen 40 Jahren leglich etwas mehr als verdoppelte, hat der Ort viel von seinem ursprünglichen Charakter bewahren können.
Unwiderruflich der Vergangenheit angehören dürfte allerdings das Filscher Häuschen. Das Lokal ist seit 2007 geschlossen - zum Leidwesen auch vieler Nicht-Filscher. Doch die Einheimischen hat das Aus für den beliebten Familienbetrieb nach 160 Jahren besonders hart getroffen. Ihnen fehlt seither nicht nur die Kneipe, sondern die einzige Versammlungsstätte im Ort, ihr "Bürgerhaus". Ortsbeiratssitzungen, Feiern, Bürgerversammlungen und Zusammenkünfte der beiden Ortsvereine (Reservistenkameradschaft, Heimat- und Kulturverein) - alles muss nun "exterritorial" stattfinden.Extra

 Idylle vor rund 40 Jahren: die Luzienstraße mit der Kirche St. Luzia.
Idylle vor rund 40 Jahren: die Luzienstraße mit der Kirche St. Luzia. Foto: Stadtarchiv Trier
 Da war das Filscher Häuschen noch geöffnet: Diese Aufnahme stammt von 2004; drei Jahre später stellte das beliebte Gasthaus den Betrieb ein.TV-Foto: Archiv/Josef Tietzen
Da war das Filscher Häuschen noch geöffnet: Diese Aufnahme stammt von 2004; drei Jahre später stellte das beliebte Gasthaus den Betrieb ein.TV-Foto: Archiv/Josef Tietzen
 Geschichtszeugnisse am Boule-Platz: Eine Kelter erinnert an die Vergangenheit Filschs.TV-Foto: Archiv/Roland Morgen
Geschichtszeugnisse am Boule-Platz: Eine Kelter erinnert an die Vergangenheit Filschs.TV-Foto: Archiv/Roland Morgen
 Filscher Denkmal außerhalb der Gemeinde: An der Gemarkungsgrenze zwischen Korlingen und Trier-Irsch steht dieses steinerne Kreuz. Es erinnert an die Pestopfer des 17. Jahrhunderts aus dem nahe gelegenen Stadtteil Filsch und an eine alte Tradition: In früheren Jahrhunderten pilgerten die Filscher an Christi Himmelfahrt über den Galgenberg am Pestkreuz vorbei nach Gutweiler. Der Heimat- und Kulturverein Filsch hat das Pestkreuz 2005 restauriert.TV-Foto: Archiv/Roland Morgen
Filscher Denkmal außerhalb der Gemeinde: An der Gemarkungsgrenze zwischen Korlingen und Trier-Irsch steht dieses steinerne Kreuz. Es erinnert an die Pestopfer des 17. Jahrhunderts aus dem nahe gelegenen Stadtteil Filsch und an eine alte Tradition: In früheren Jahrhunderten pilgerten die Filscher an Christi Himmelfahrt über den Galgenberg am Pestkreuz vorbei nach Gutweiler. Der Heimat- und Kulturverein Filsch hat das Pestkreuz 2005 restauriert.TV-Foto: Archiv/Roland Morgen
 Anlässlich der 1030-Jahr-Feier 2003 von Ortsvorsteher und Historiker Karl-Josef Gilles kreiert: Das neue Wappen des Stadtteils Filsch. Das kurtrierische Kreuz teilt den Schild in vier Wappenfelder auf, die Pfarrpatronin Luzia und Symbole für die Haupterwerbszweige Filschs im 20. Jahrhundert (Ackerbau, Weinbau, Handwerk) zeigen .TV-Foto: Roland Morgen
Anlässlich der 1030-Jahr-Feier 2003 von Ortsvorsteher und Historiker Karl-Josef Gilles kreiert: Das neue Wappen des Stadtteils Filsch. Das kurtrierische Kreuz teilt den Schild in vier Wappenfelder auf, die Pfarrpatronin Luzia und Symbole für die Haupterwerbszweige Filschs im 20. Jahrhundert (Ackerbau, Weinbau, Handwerk) zeigen .TV-Foto: Roland Morgen
 Filsch wurde 973 vom Trierer Erzbischof Theoderich I., der neben vielen anderen Ländereien den Hof Vilche mit sechs Bauerngütern der Benediktinerabtei St. Marien überließ, zum ersten Mal offiziell erwähnt. Die Urkunde, die Herbert Koenen in Händen hält, stammt von 1030 und wird im Stadtarchiv aufbewahrt. Sie bestätigt den Übertragungsakt von 973. TV-Foto: Roland Morgen
Filsch wurde 973 vom Trierer Erzbischof Theoderich I., der neben vielen anderen Ländereien den Hof Vilche mit sechs Bauerngütern der Benediktinerabtei St. Marien überließ, zum ersten Mal offiziell erwähnt. Die Urkunde, die Herbert Koenen in Händen hält, stammt von 1030 und wird im Stadtarchiv aufbewahrt. Sie bestätigt den Übertragungsakt von 973. TV-Foto: Roland Morgen
 Filsch auf einer 200 Jahre alten Landkarte (Ausschnitt): Die topografische Aufnahme rheinischer Gebiete wurde von 1803 bis 1820 durch französische Ingenieurgeografen unter Oberst Tranchot und durch preußische Offiziere unter Generalmajor Freiherr von Müffling vorgenommen. Die Originalblätter befinden sich in der Staatsbibliothek Marburg/Lahn. Foto: Kopie aus dem Stadtarchiv Trier
Filsch auf einer 200 Jahre alten Landkarte (Ausschnitt): Die topografische Aufnahme rheinischer Gebiete wurde von 1803 bis 1820 durch französische Ingenieurgeografen unter Oberst Tranchot und durch preußische Offiziere unter Generalmajor Freiherr von Müffling vorgenommen. Die Originalblätter befinden sich in der Staatsbibliothek Marburg/Lahn. Foto: Kopie aus dem Stadtarchiv Trier
 Diese beiden spätrömischen Särge wurden 2005 aufgestellt. Sie erinnern an vergleichbare Sandstein-Sarkophage, die 1884 in Filsch ausgegraben wurden, stammen aber aus anderen Teilen des Stadtgebiets.TV-Foto: Archiv/Roland Morgen
Diese beiden spätrömischen Särge wurden 2005 aufgestellt. Sie erinnern an vergleichbare Sandstein-Sarkophage, die 1884 in Filsch ausgegraben wurden, stammen aber aus anderen Teilen des Stadtgebiets.TV-Foto: Archiv/Roland Morgen

Der Name Filsch im Lauf der Geschichte: Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes von 973 lautet auf den Namen "Vilche". 1030 hieß er "Vilzsche", 1332 "Viltz", 1404 "Filschs", 1569 wieder "Viltz", 1658 "Filtsch", um 1700 "Wielz" und 1769 "Fülsch". Die jetzige Schreibweise ist gut 200 Jahre alt und unter anderem auf der Rheinland-Karte von Tranchot und von Müffling (1803 bis 1820) zu finden. Bedeutung und Herkunft des Namens Filsch und seiner früheren Schreibweisen sind ungeklärt. rm.