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Nicht nur vorm Dom herrscht großer Andrang

Nicht nur vorm Dom herrscht großer Andrang

Ob kirchenkritisch oder fromm - die zahlreichen Ausstellungen im Fahrwasser der Heilig-Rock-Wallfahrt verzeichnen viele Besucher. Kurios: Viele Pilger schauen sich nach dem Heiligen Rock auch die Unterhose von Karl Marx an.

Trier. Marcel Suter ist extra aus Basel gekommen, um sich den Heiligen Rock anzusehen. Jetzt steht er im Trierer Diözesanmuseum und spaziert durch die Ausstellung Das Gewand, die die Geschichte von Reliquie und Wallfahrt beleuchtet. "Die Tunika ist beeindruckend", sagt der 26-Jährige. "Was im Getümmel vor dem Dom aber fehlt, ist Tiefe und Andacht." Im Museum würde jedoch der große Wert der Reliquie klargemacht. "Es ist interessant, zu sehen, wie viele Stationen die Tunika durchlaufen hat", sagt der Schweizer.
Museumsleiter Markus Groß-Morgen ist mit der Publikumsresonanz zufrieden: "Die Ausstellung ist sehr gut angekommen", sagt er. Seit Wallfahrtsbeginn hätten jeden Tag 250 Menschen das Museum besucht - das sind drei Mal so viele wie normalerweise. Auch die Organisatoren der Ausstellung Zeichen des Heils in der Bibliothek des Priesterseminars sind froh: "Mehr als 1000 Besucher haben sich die Ausstellung angesehen", sagt Bibliothekar Josef Holbach begeistert. Dabei sei die Schau von Devotionalien und Wallfahrtsandenken in der Bibliothek eine Premiere.
Weit mehr Besucher konnte die Ausstellung Christus - unsere Hoffnung in der Basilika verzeichnen, die Christusdarstellungen aus der ganzen Welt zeigt. "Rund 10 000 Menschen haben die Ausstellung bis jetzt gesehen. Und wir erwarten weitere 10 000", erzählt Pfarrer Guido Hepke. Überwiegend würden die Menschen jedoch wegen der Basilika kommen - und sich dann als Zugabe auch die Ausstellung ansehen.
Etwas kritischer geht es in der Tufa zu. Kunst und Konsum im Zuge der Wallfahrt werden dort bei der Ausstellung Reliquie beleuchtet. Tufa-Geschäftsführerin Teneka Beckers: "Insgesamt haben wir schon 800 Besucher gehabt." Die Mehrheit sei von den Exponaten begeistert, sagt Beckers. "Aber die, die nicht begeistert sind, kommen sehr wahrscheinlich erst gar nicht", erzählt sie lachend.
Zufriedenheit herrscht auch auf der anderen Seite der Innenstadt. In der Galerie Neosyne in der Karl-Marx-Straße wird die Rock-Thematik von jungen Künstlern verarbeitet. "Besonders Menschen mittleren Alters - und auch Pilger - sind von der Ausstellung begeistert", berichtet Galerist Benjamin Vamosi. Beim jüngeren Publikum würde das aber anders aussehen. "Viele junge Leute aus der Region sind genervt vom Wallfahrtstrubel und teilweise enttäuscht, in der Galerie Neosyne auch noch eine Heilig-Rock-Ausstellung anzutreffen", sagt Vamosi.
Debatten vor dem Schaufenster


Ein paar Häuser weiter in der Brückenstraße diskutieren Passanten vor dem Schaufenster, in dem die Unterhose von Karl Marx aufgehängt ist. "So ein Schwachsinn!", ruft ein vorbeilaufender Mann erregt. Auch Sylvia Müller betrachtet das kirchenkritische Kunstobjekt. Sie ist sich nicht so sicher, was sie davon halten soll: "Wenn das alle Probleme wären, die wir in Trier hätten", sagt sie skeptisch. Eine andere Frau sieht das anders: "Die Unterhose ist genauso gut wie der Rock", sagt die 37-Jährige. "So wird jeder, der in Trier wohnt, gezwungen, sich mit der Wallfahrt auseinanderzusetzen."
Ladenbesitzer Axel Schmitz ist zufrieden mit den Reaktionen, die die "Reliquie" des Trierer Künstlers Helmut Schickerath in seinem Schaufenster hervorruft: "Es kommen viel mehr Menschen, als wir erwartet haben." Darunter seien auch Pilgergruppen, die zuerst zum Rock in den Dom und dann zur Hose in der Brückenstraße laufen.
"Es gibt starke Reaktionen. Aber 90 Prozent finden die Aktion total klasse", sagt Schmitz. Und auch bei der heiligen Unterhose herrscht reger Andrang. "Es sind genau 500 001 Besucher gekommen - einer mehr als im Dom", sagt Schmitz augenzwinkernd.Extra

Weitere Ausstellungen: In der Pilgeroase beim Brüderkrankenhaus und im SWR-Studio gibt es Skulpturen und Bilder zu sehen. Seltene Heilig-Rock-Andenken und künstlerische Interpretationen der Tunika werden im Palais Walderdorff gezeigt. Eine Ausstellung in den Viehmarktthermen beleuchtet das Thema Pilgern. Und auch in manchen Bussen der Stadtwerke hängen Kunstobjekte.arb