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Gesa Krause geht Olympia-Start anders an als andere Athleten

Vor erstem Wettkampf : Gesa Krause geht Olympia-Start ganz anders an als die meisten Athleten

Bei der Anreise nach Tokio geht die WM-Dritte einen anderen Weg als die meisten anderen deutschen Athleten. In der Nacht auf Sonntag startet die Athletin vom Verein Silvesterlauf Trier im Vorlauf über 3000 Meter Hindernis.

Donnerstagmorgen. Einige Taschen stehen auf dem Boden von Gesa Krauses Hotelzimmer. Aber nicht in Tokio oder im deutschen Leichtathletik-Vorbereitungscamp in Miyazaki. Während ganz im Süden Japans, fast 1000 Kilometer von Tokio entfernt, die meisten deutschen Athleten gerade ihre morgendliche Trainingseinheit in der schwül-heißen Luft absolviert haben, packt etwa 10 000 Kilometer weiter westlich die Hindernisläuferin vom Verein Silvesterlauf Trier in Davos in den Schweizer Bergen ihren Koffer für die Reise in den Fernen Osten. Keine Akklimatisierung, keine Zeitanpassung: Gesa Krause und Trainer Wolfgang Heinig gehen einen anderen Weg als die Mehrzahl der deutschen Leichtathleten.

„Man kann sich nicht anpassen“, glaubt Krause nicht an die Möglichkeit, sich als Mitteleuropäerin in wenigen Wochen oder gar Tagen auf Extrembedingungen einstellen zu können. „Ich komme lieber erholt an und konzentriere mich auf den Wettkampf“, erklärt sie ihre Herangehensweise. In Davos wussten Krause und Heinig zudem, wie sie wann und wo trainieren konnten. Nicht zuletzt wegen Corona wäre das in Japan nicht so klar gewesen. Die kurzfristige Anreise erspart Krause zudem einen innerjapanischen Flug zwischen Miyazaki und Tokio.

Das Konzept der Anreise kurz vor dem Wettkampf ist bei Krause bereits bei den Weltmeisterschaften in Peking 2015 (Anreise zwei Tage vor dem Vorlauf) und Doha 2019 (Anreise am Vortag) aufgegangen. Sie gewann jeweils die Bronzemedaille. Was ihr dabei auch wichtig ist: Sie möchte den Effekt des Höhentrainings bestmöglich ausnutzen. „Ich möchte unmittelbar aus der Höhe kommen und am Tag zwei und fünf meine Wettkämpfe machen.“ Diesen Rhythmus halten Krause und Heinig in Tokio wieder ein. „Wir machen keine Experimente“, sagt Krause.

Die drei Vorläufe über 3000 Meter Hindernis finden Sonntagnacht ab 2.40 Uhr deutscher Zeit statt. In der Ferienfreizeit von Krauses Verein Silvesterlauf Trier in Frankreich werde man den Wecker nicht extra stellen, sagt Jugendleiter Franz-Josef Ott schmunzelnd. Bis auf die Jüngeren werden alle ausnahmsweise so lange aufbleiben. Am Finaltag (4. August, 13 Uhr), wenn die Jugendabteilung wieder zurück in Trier ist, wolle man das Rennen gemeinsam mit allen Vereinsmitgliedern vor der Arena Trier anschauen, sagt Vorstandsmitglied Norbert Ruschel. „Wir wollen Gesa unterstützen und ihr Energie rüberbringen“, sagt der ehemalige Mittelstreckenläufer.

Daran, dass Krause nicht im Endlauf dabei sein könnte, verschwendet Vorstandssprecher Hans Tilly keinen Gedanken. „Man fährt ja auch nicht zu einem Marathon und denkt daran auszusteigen“, sagt der passionierte Läufer.

Die Chancen, eine olympische Medaillengewinnerin im Verein zu haben, sind so groß wie noch nie. Nur sechs Athletinnen waren in diesem Jahr weltweit schneller als Krause Anfang Juli in Stockholm mit 9:09,13 Minuten. Fünf davon sind in Tokio mit dabei. Kenia lässt aber sogar die Weltjahresbeste Norah Jeruto (9:00,67) zu Hause. Das zeigt die große Leistungsdichte bei der Läufernation Nummer eins, die mit Beatrice Chepkoech die zuletzt allerdings nicht mehr so dominante Fabelweltrekordlerin (8:44,32 Minuten) in ihren Reihen hat. Mit Krause und Emma Coburn (die US-Amerikanerin war 2017 Weltmeisterin) können bei großen Meisterschaften regelmäßig Nicht-Afrikanerinnen in diese Phalanx eindringen.

Nicht erst nach dem Gewinn ihrer zweiten WM-Bronzemedaille vor zwei Jahren ist für Krause klar: Nach Platz acht 2012 in London und dem sechsten Platz vier Jahre später in Rio de Janeiro soll es diesmal auch bei Olympia Edelmetall werden. Das hat sie offen kommuniziert. Was auch sonst? „Dass ich meine Träume verwirklichen will ist ganz logisch“, findet sie. Daran wird sie aber auch gemessen werden. Gerade bei Olympia. Gesa Krause ist Profi durch und durch, um das zu wissen. Und auch: „Man darf diesen Hype nicht so sehr an sich ran lassen.“

Für die Verwirklichung ihres Traums hat sich Krause rund acht Monate lang in Höhentrainingslagern geschunden, war kaum in ihrem gerade fertiggestellten Haus nahe ihrer Heimatstadt Dillenburg in Hessen. Ihren 29. Geburtstag am Tag vor dem Finale will sie nachfeiern. Am liebsten natürlich mit einer Olympiamedaille um den Hals.