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Ortsvorsteher kämpfen um Grundschulen

Ortsvorsteher kämpfen um Grundschulen

Aus 23 Grundschulen werden 16, aus drei Realschulen plus nur noch eine. Schließungen oder Zusammenlegungen betreffen jede dritte Trierer Schule. Auch wenn im Stadtrat und den Ortsbeiräten noch nichts beschlossen ist, provoziert allein die Vorstellung des Schulentwicklungsplans Widerstand in den Stadtteilen. Einige Ortsvorsteher wehren sich.

Trier. Schuldezernentin Angelika Birk (Bündnis 90/Die Grünen) hat sich das Ende des Schuljahres ausgesucht, um den radikalen Schulentwicklungsplan zu präsentieren, der die Trierer Schullandschaft in den kommenden Jahren gewaltig verändern würde - wenn er denn eine politische Mehrheit findet.
Der Stadtrat, die Schulen und die Eltern nehmen den Schock mit in die Sommerpause, und natürlich hat noch kein Ortsbeirat den vor wenigen Tagen präsentierten Plan (der TV berichtete) besprochen. Die Mehrzahl der betroffenen Ortsvorsteher positioniert sich im Dialog mit dem TV schon jetzt klar dagegen.

Trier-West/Pallien: Den Westen könnte es hart treffen. Die Kurfürst-Balduin-Realschule plus soll umziehen und am Mäusheckerweg mit der Realschule plus Ehrang zu einer weiteren Gesamtschule fusionieren. Ins Kurfürst-Balduin-Gebäude sollen die Grundschulen Pallien und Reichertsberg einziehen. "Das lassen wir nicht zu", sagt Ortsvorsteher Horst Erasmy. "Wir werden für den Erhalt unserer Realschule plus und der Grundschulen kämpfen, und zwar mit sachlichen Argumenten." Die Kurfürst-Balduin-Schule sei für den Stadtteil "von besonderer Bedeutung für interkulturellen Austausch und Begegnung, für Integration und Inklusion". Erasmys Fazit: "Wenn man diese Schule schließt, zerstört man das soziale Netzwerk in Trier-West/Pallien."

Ehrang-Quint: Der Schulentwicklungsplan sieht die Auflösung der Grundschule Quint zugunsten von Ehrang vor. "Dieser Schließung werden wir nicht zustimmen", erklärt Ortsvorsteher Günther Merzkirch und übt harte Kritik an der Birkschen Terminplanung: "Die sehr kurze Einspruchsfrist der Stadtteile fällt mitten in die Schulferien, in der viele der entsprechenden Gesprächspartner nicht zu erreichen sind. Hier kann ich eine gewisse Absicht nicht ausschließen." Der Ortsvorsteher von Ehrang-Quint plädiert für eine gemeinsame Leitung der beiden Grundschulen Quint und Ehrang und fordert die Beibehaltung beider Standorte.
Pfalzel: Ortsvorsteher Werner Pfeiffer stellt sich klar gegen den Plan, die Grundschule Pfalzel dem Nachbarn Biewer einzuverleiben. "Wir werden uns wehren", kündigt Pfeiffer an. "Es kann Sinn ergeben, Schulen zusammenzuschließen, die mitten im Stadtkerngebiet liegen. Aber viele junge Familien haben nur bei uns gebaut, weil wir eine Kita und eine Grundschule anbieten."

Euren: Der Schulentwicklungsplan empfiehlt die Prüfung einer Zusammenlegung der Grundschulen Euren und Zewen - am Standort Zewen. Die Eurener Schulleiterin Petra Schneider zeigt sich völlig überrascht: "Wir sind eine kerngesunde Grundschule mit hohem integrativen Niveau, die über ein gut funktionierendes, selbst organisiertes Betreuungsangebot verfügt."
Befremdet zeigt sich auch Ortsbürgermeister Hans-Alwin Schmitz: "Die Schülerzahlen in Euren sind über Jahrzehnte stabil geblieben. Eine Verlagerung wäre schon deshalb kontraproduktiv, weil sich die Zahl der Schüler noch erhöhen wird, da die Verwaltung im Stadtteil Euren ein größeres Baugebiet ausweist."

Trier-Mitte/Gartenfeld: Ortsvorsteher Dominik Heinrich trifft sich morgen mit Lehrern und Eltern der Egbert-Grundschule, die laut Plan zusammen mit der Barbaraschule zum Standort der ehemaligen Robert-Schumann-Realschule umziehen soll. Heinrich: "Der Schulentwicklungsplan zeigt im Detail einige Schwächen, die aber behoben werden können."
Heinrich kritisiert eine räumliche Verlagerung der Egbert-Grundschule zur Robert-Schumann-Schule. "Über die Hälfte der Schüler wohnt im Stadtteil Gartenfeld und kann ohne Querung von Hauptstraßen relativ sicher alleine zu Fuß gehen. Mit der Verlagerung wäre dies nicht mehr möglich." Der Ortsvorsteher kündigt "Ende Juli oder Anfang August" eine Sondersitzung des Ortsbeirates an.

Kürenz: Im Norden der Stadt empfiehlt der Plan, die Grundschule Kürenz aufzugeben. Ortsvorsteher Bernd Michels reagiert: "Die Grundschule Kürenz ist ein Ort, an dem Kinder auch außerhalb der Schulzeiten gefahrlos spielen können. Der alte Ortskern weist für Kinder kaum Spielmöglichkeiten auf."
Bernd Michels weist darauf hin, dass die Schule ein sehr gutes Betreuungsangebot vorgehalten habe. "Es ist zu hoffen, dass das Gebäude auch weiterhin für schulische Zwecke genutzt und die Spielflächen für Kinder erhalten bleiben."
Trier-Nord: Ebenso wie die Grundschule Kürenz soll auch die Grundschule Martin aufgegeben werden. Der stellvertretende Ortsvorsteher Thorsten Kretzer meldet sich: "Natürlich wünscht sich der Ortsbeirat ein Weiterführen der guten Arbeit in der Martin-Grundschule." Aber Kirchturmpolitik, die an Stadtteilgrenzen halt macht, helfe an dieser Stelle niemandem in Trier weiter. Kretzer: "Wichtig ist, dass die Entscheidungen nach pädagogischen Kriterien erfolgen und auch die Schulwegsicherheit berücksichtigt wird. "

Meinung

Es wird auf jeden Fall weh tun
Diesen Moment haben viele Trierer Politiker seit Jahren gefürchtet. Die Schließung einer Schule, so logisch und notwenig sie auch sein mag, zählt zu den schlechtesten Nachrichten, die Ortsbeiräte und Stadtratsfraktionen ihren Wählern gegenüber vertreten müssen. Mit einer Verweigerung lassen sich klar mehr Popularitätspunkte sammeln. Das demonstrierte die CDU vor dem Kommunalwahljahr 2009 mit Nachdruck, bremste den damaligen Schuldezernenten Ulrich Holkenbrink - einen Christdemokraten - auf der Zielgeraden des ersten Schulentwicklungskonzepts aus und betonte, die Grundschule vor Ort sei ein "unverzichtbarer Bestandteil eines Schulentwicklungskonzepts". Keine Ratsfraktion stand damals hinter diesem vom Stadtentwicklungsamt vorgelegten Konzept, das ebenso wie das aktuelle Papier sehr unpopuläre Inhalte hatte. Der Dezernent fiel, das Konzept verschwand in der Versenkung. Das war kein Höhepunkt der Trierer Kommunalpolitik, sondern eine Farce, die sich nicht wiederholen darf. Statt platter Besänftigungsformeln wie "Kurze Beine, kurze Wege" müssen die Entscheidungsträger im Stadtrat die Stärke und Konsequenz aufbringen, unpopuläre Entscheidungen zu treffen und anschließend den Gegenwind aus den betroffenen Stadtteilen auszuhalten, ohne dabei sofort an ihr Abschneiden bei der nächsten Kommunalwahl 2014 zu denken. Diese Entscheidungen müssen jetzt fallen, und sie werden auf jeden Fall weh tun. Doch es gibt keine Alternative. j.pistorius@volksfreund.de