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Pleiten, Pannen und ein neues Traumpaar

Pleiten, Pannen und ein neues Traumpaar

Einheit bei Union und FDP, tröstende Worte bei SPD und Grünen: Die 13. Bundesversammlung hat am Samstag Horst Köhler für weitere fünf Jahre mit 613 Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt.

Berlin. Auf der Fraktions-Ebene im Reichstag menscheln zwei besonders stark: Angela Merkel und Guido Westerwelle. Horst Köhler ist für weitere fünf Jahre zum Bundespräsidenten gewählt, direkt unter der Glaskuppel findet der große Empfang nach der Wahl statt. "Möchtest Du Weißwein oder Roten?" fragt breit grinsender Guido die Angela. "Weißwein", sagt sie lächelnd — und schon rauscht er davon.

Schnell ist Westerwelle mit dem Wein zurück, dann schaut der FDP-Chef der CDU-Vorsitzenden tief in die Augen und wispert wie im Schmusefilm: "Ich bin erleichtert, wirklich, ich bin erleichtert."

Horst Köhlers Wiederwahl im ersten Wahlgang hat die schwarz-gelben Träumereien für eine gemeinsame Ehe nach der Bundestagswahl neu entfacht. Zwar habe die Wahl im September "eine ganz eigene Dynamik", beschwichtigt die Kanzlerin ein wenig. Doch es sei kein Geheimnis, dass Union und FDP "eine gemeinsame Mehrheit" erreichen wollten. Und Köhler? Dem scheinen die Szenen einer Wunsch-Ehe nicht geheuer zu sein — er sehe sich nicht als Bestandteil einer möglichen Regierungs-Koalition, lässt das Staatsoberhaupt wissen.

Einige, wie Saarlands Ministerpräsident Peter Müller (CDU), raten zur Vorsicht. Die Wahl zeige zwar, dass das bürgerliche Lager mehrheitsfähig sei, sagt er. "Aber man sollte das nicht überbewerten." Schon gar nicht, weil, wie sich später herausstellt, Köhler offenbar doch nicht alle Stimmen von Union, FDP und freien Wählern bekommen hat. Das hätten dann 614 sein müssen statt nur 613. Außerdem hat Köhler mindestens eine grüne Stimme bekommen. Wahrscheinlich mehr. Es gibt also Abweichler bei Schwarz-Gelb.

Peter Sodann von den Linken ist der einzige, der mehr Stimmen bekommt als seine Fraktion Mitglieder hat. Bei SPD und Grünen tröstet man sich damit, dass es zwar für Gesine Schwan nicht gereicht habe, "aber von uns ist keiner übergelaufen", wie Fraktions-Chef Peter Struck ausruft. Das stimmt auch nicht. Zehn Enthaltungen fehlen Gesine Schwan. Mindestens.

Die 13. Bundesversammlung bietet all das, was man einem guten Filmdrehbuch abverlangt: Pleiten, Pech und Pannen, dazu eine gehörige Portion Spannung und Emotion. Es geht aber auch familiär zu im Reichstag. Wahlmänner und -frauen fotografieren sich zur Erinnerung im Plenarsaal, während der erste Wahlgang läuft. Die vier NPD- und DVU-Delegierten sind in die hinterste Ecke platziert. Darunter Kandidat Frank Rennicke, ein rechter Volkssänger, der mit Lederhose, ausrasiertem Nackenhaar und Seitenscheitel aussieht wie eine lächerliche Wiedergeburt Hitlers, nur ohne Bart.

Dann werden alle 1223 Namen zur Abstimmung aufgerufen. Nach einer Auszählpause sitzen um 14 Uhr alle wieder im Bundestags-Plenum und warten darauf, dass Parlamentspräsident Norbert Lammert das Ergebnis des ersten Wahlgangs bekanntgibt. Doch Lammert kommt und kommt nicht. Er steht nervös vor dem Reichstag und wartet auf Horst Köhler. Der ist in sein Büro ins Schloss Bellevue gefahren und schafft es nicht mehr rechtzeitig zurück. Draußen ist kein Durchkommen, 750 000 Menschen feiern das Bürgerfest zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes. Unruhe macht sich im Saal breit, SPD-Fraktions-Chef Peter Struck tätschelt Gesine Schwan den Arm, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck drückt die Kandidatin. Auf der anderen Seite tuschelt Merkel mit Westerwelle. Sie wissen was, und die Gesichter zeigen: Es hat gereicht für Köhler.

Plötzlich nimmt ein Blechbläser-Quintett Aufstellung. Das kann nur bedeuten: Die Entscheidung ist gefallen. Kurz danach kommen die Saalordner mit Blumen. Wieder Jubel. Dann gehen sie wieder raus, dann kommen sie wieder rein. Die Verkündung der Wiederwahl Horst Köhlers wird zu einer Slapstick-Nummer.

Aber das alles ist wie weggeblasen, als der neue alte Präsident den Beifall und eine erste kurze Rede hält. Dann stehen alle auf und singen die Nationalhymne. Nur die neuen Nazis bleiben sitzen.